„Wir machen das doch nicht gern“ – Wie Merkel für Akzeptanz der Corona-Regeln wirbt

Coronavirus

Zum Start des zweiten Corona-Teil-Lockdowns wirbt Bundeskanzlerin Angela Merkel um Akzeptanz für die Einschränkungen. Sie bringt Argumente vor, die fast jeden Bürger betreffen.

Berlin

von Daniela Vates

, 03.11.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Zum Start des zweiten Corona-Teil-Lockdowns wirbt Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Pressekonferenz um Akzeptanz für die Einschränkungen.

Zum Start des zweiten Corona-Teil-Lockdowns wirbt Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Pressekonferenz um Akzeptanz für die Einschränkungen. © picture alliance/dpa

So ist es also, wenn die Kanzlerin richtig in Fahrt kommt. Angela Merkel springt von Intensivstationen zu den Weiten der schwedischen Landschaft und den dichten deutschen Ballungsräumen.

Sie sitzt im Saal der Bundespressekonferenz in Berlin und ist fast ein wenig verwundert über sich selbst. „Jetzt habe ich mich ein bisschen in Rage geredet“, unterbricht sie sich.

In einer Sondersituation macht auch eine sonst öffentlich maximal zurückhaltende Kanzlerin ganz neue Erfahrungen. Und eine Sondersituation ist es: Das zeigt sich schon daran, dass Merkel eine Pressekonferenz vor großem Publikum angesetzt hat – die gibt es regelmäßig einmal im Jahr und sonst nur in Ausnahmefällen.

Appelle, Bitten, Werben

Es ist der erste Tag der neuen Corona-Beschränkungen. Restaurants und Bars, Kinos und Theater haben wieder geschlossen, für Privatkontakte gibt es Obergrenzen – der zweite Teil-Lockdown innerhalb eines Jahres. „Es fordert eine andere Art der Argumentation und des Überzeugens“, sagt Merkel. „Da muss man mehr tun.“

Im Laufe der Stunde wird sie viele Register ziehen: Sie argumentiert, sie bittet, sie appelliert, sie wirbt. Es ist ein Auftritt mit ungewohnter Verve.

Merkel spricht von einem Jahrhundertereignis. Die Infektionszahlen hätten sich in 14 Tagen verdreifacht, die Zahl der Intensivpatienten in zehn Tagen verdoppelt. „Wir können zusehen, wie wir näher und näher an die Belastungsgrenze kommen“, sagt Merkel. Das könne man ganz einfach ausrechnen.

„Das kann und will die Regierung nicht verantworten“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich persönlich will es auch nicht.“ Gegen die Kritik an den Beschränkungen setzt Merkel ihr Gewicht als Kanzlerin und Umfragenkönigin.

Die Einschränkungen könnten „ein Wellenbrecher“ sein, wirbt sie. Sie könnten aber nur erfolgreich sein, wenn möglichst alle mitmachten. „Jeder und jede hat es in der Hand, den November zum Erfolg zu machen.“

Eine große Risikogruppe

Jeder sei doch irgendwie betroffen, argumentiert sie und hat dafür Zahlen parat: 24 Millionen Bürger über 60 Jahre und 2,5 Millionen Schwerstbehinderte gebe es in Deutschland. Damit gehörten schon 30 Prozent der Bevölkerung zur Risikogruppe, die das Virus besonders fürchten müssten. Die Personen mit Vorerkrankungen kämen noch dazu.

„Fast jeder kennt jemanden, den man nicht infizieren möchte“, sagt Merkel. „Ich bin optimistisch, dass die Bevölkerung das versteht.“ Frust und Ärger könne sie dennoch verstehen. „Das Licht am Ende des Tunnels ist so weit entfernt.“ Aber Corona sei kein politischer Beschluss. „Schauen Sie, wir machen das doch nicht gern“, bricht es aus ihr heraus.

Deutschland habe sich nicht „etwas ausgesucht, was es sonst nirgends gibt“, sagt sie. „Es ist so etwas wie eine Naturkatastrophe.“ Immer weiter redet sie an manchen Stellen, als schüttele vor ihr jemanden andauernd den Kopf. „Das Virus ist da, auch wenn wir es nicht sehen“, sagt sie noch, ganz leise.

Die „mildere Variante“

Ihr Trost: „Man weiß, dass man etwas für die Gemeinschaft tut.“ Es gehe darum, Menschenleben zu retten. Und außerdem: „Wir alle sparen viel Geld, wenn wir vernünftig sind.“

Vernunft und Verantwortung, das sind die Worte, die Merkel geradezu beschwörend hervorhebt.

Dass dabei nur manche zurückstecken müssten, sei eine Frage der Abwägung. Es sei keine Alternative, alles offen zu lassen. Aber statt alles zu schließen, habe man sich eben für eine etwas „mildere Variante“ entschieden. „Mit der letzten Frage der Gerechtigkeit ist das nicht zu erklären“, sagt Merkel. „Aber mit der Bitte, für die Gemeinschaft eine Erschwernis hinzunehmen.“ Der Staat zahle auch Entschädigungen.

Und auch ein bisschen Ärger hat noch Platz: „Es wird ja immer gesagt, wir hätten keine Strategie“, schnaubt Merkel. „Das ist nicht wahr.“ Es gehe darum, Schritt für Schritt den Schutz zu verbessern.

Dann findet sie wieder zurück zur Nüchternheit: „Wir sind aus unserem Rhythmus gekommen. Jetzt müssen wir die Balance wiederfinden“, sagt sie.

Ein Journalist fragt, ob sie erkältet sei: „Ich? Nö“, antwortet Merkel. Sie klingt einen Moment richtig fröhlich, trotz allem.

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