Wunderschönes Spektakel

"Der Meister und Margarita"

Das Riesen-Werk „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow tranchiert Kay Voges in einzelne Bausteine, setzt diese neu zusammen und erreichte bei der Premiere am Freitag – dank eines beflügelten Schauspiel-Ensembles – zum Weinen schöne Momente.

DORTMUND

18.03.2012, 11:47 Uhr / Lesedauer: 2 min
Trio aus zwei Figuren: Andreas Beck beobachtet als alter "Meister" vom Bildschirm aus, wie er als junger "Meister" (Uwe Rohbeck) seine große Liebe Margarita (Luise Heyer) kennen und lieben lernt.

Trio aus zwei Figuren: Andreas Beck beobachtet als alter "Meister" vom Bildschirm aus, wie er als junger "Meister" (Uwe Rohbeck) seine große Liebe Margarita (Luise Heyer) kennen und lieben lernt.

Die nächsten Termine: Donnerstag (22.3.) bis Sonntag (25.3.) jeweils 19.30 Uhr.

Beck reizt die Riesen-Nahaufnahme mit minimalem Spiel aus, nur seine Augen jammern, während sich vorn auf der Bühne der Rückblick abspielt: Uwe Rohbeck als sein junges Alter Ego, das sich in Margarita (Luise Heyer) verliebt. Eine starke, moderne Szene, die so enden könnte. Stattdessen setzt die Band ein. Schauspiel-Musikdirektor Paul Wallfischs Quartett „Botanica“, mit künstlichen Wimpern und Paillettenhosen im Frank'n'Furter-Look, erweitert die Szene mit direktem Live-Sound um einen wunderbaren Song.

Und über die ganze Bühne lässt Videomann Hengst traumartige Bilder fließen, die eine unsichtbare Hand mit Schriftzügen signiert. Eine minutenlange, rauschhafte Hommage an die Liebe, in der die Schauspieler das Publikum mit starker Präsenz sicher diesseits der Kitschgrenze hindurchbegleiten. Aus dem vertrackten 500-Seiten-Roman über den Glaubenstest des Lyrikers Besdomny und der tragischen Liebe eines Schriftstellers zu seiner Margarita destilliert Voges einzelne Erzähl-Ebenen und arrangiert sie neu.

Sein roter Faden ist der Bruch. Szenen und Stimmungen wechseln nicht, sie zerreißen, zerfließen oder zerfallen ineinander. Musiker und Video-DJ ergänzen inspiriert, dazu der raffinierte Einsatz der Drehbühne - manchmal weiß man nicht, wohin man zuerst schauen soll. Halt geben die Schauspieler. Christoph Jöde spielt den Atheisten Besdomny aber solange mit angezogener Handbremse, bis der unheilige Professor die Existenz Gottes behauptet – und beweist. Da tritt Jöde das Gas voll durch, jagt durch Wahnzustände und driftet durch die Kurven zwischen Verzweiflung und Groteske mit durchdrehenden Reifen.

Sebastian Kuschmann jazzt den Teufel und riskiert kleine Wackler, während er sich mit der höhnischen Arroganz des Unsterblichen erschütternde Momente erspielt. Seine Dienerin Hella spielt Eva Verena Müller erstaunlich: Halb Monster, halb Domina, mit klabauternden Gliedmaßen wie ein Marionetten-Frankenstein. Fixe Pole setzen Luise Heyer als beharrlich gläubige Margarita und Caroline Hanke als unschuldig leidender Jesus. Zwei starke Auftritte hat der Bürgerchor, der sich zu einem machtvollen Instrument am Schauspiel entwickelt hat.

„Woran glaubst du?“ hat Voges zur Leitfrage des Stücks und, auf Plakaten und Handzetteln, zu dessen Slogan erhoben. Nach knapp drei Stunden (mit Pause) und langem Applaus – hier überwältigt, da verhalten, dort ratlos – ist das Publikum einer Antwort nicht näher. Aber die Frage hat viel an Reiz gewonnen.

Die nächsten Termine: Donnerstag (22.3.) bis Sonntag (25.3.) jeweils 19.30 Uhr.

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