Zahlen, Wirtschaft, Weihnachten: Wirkt der „Lockdown light“ schon?

Coronavirus

Seit gut einer Woche gilt der „Lockdown light“ in Deutschland. Die Regeln schränken das öffentliche Leben einmal mehr ein. In unserer großen Übersicht ziehen wir eine erste Bilanz.

10.11.2020, 12:46 Uhr / Lesedauer: 11 min
Der Herbst fordert Nerven. Was hat uns der „Lockdown light“ bisher gebracht? Eine Zwischenbilanz.

Der Herbst fordert Nerven. Was hat uns der „Lockdown light“ bisher gebracht? Eine Zwischenbilanz. © picture alliance/dpa

Seit gut einer Woche befindet sich Deutschland im „Lockdown light“. Bund und Länder hatten Beschränkungen vereinbart, um die zweite Corona-Welle zu brechen. Bis Ende November sind Gastronomiebetriebe sowie Theater, Kinos und Fitnessstudios weitgehend dicht. Hotels dürfen keine Touristen mehr aufnehmen und sollen bei den Hilfen als direkt betroffene Unternehmen angesehen werden. Lässt sich schon sagen, ob die Regeln wirken?

Die Zahlen steigen langsamer – ist das schon die Trendwende?

In Deutschland meldet das Robert-Koch-Institut (RKI) nach wie vor Höchststände an nachgewiesenen Infektionen mit dem Coronavirus. In den vergangenen Tagen fiel die Steigerung im Vergleich zur Vorwoche aber geringer aus. Heißt: Die Zahlen steigen, aber sie steigen langsamer. Die R-Werte, die angeben, wie viele andere Menschen ein Infizierter ansteckte, sanken und näherten sich dem Wert von 1 an.

Zuerst ist wichtig zu verstehen: Der R-Wert spiegelt nicht das aktuelle Infektionsgeschehen wider. Stattdessen bildet die Kennzahl die Infektionslage etwa eineinhalb Wochen zuvor ab. Das heißt: Die Auswirkungen des von Bund und Ländern verabschiedeten Teil-Lockdowns zeigen sich beim aktuellen R-Wert noch nicht.

Lars Schaade, RKI-Vizepräsident, warnte zuletzt davor, schon von einer Trendwende zu sprechen. Damit die Infektionszahlen sinken, müsste der R-Wert für längere Zeit unter 1,0 liegen. „Solange der R-Wert über 1 liegt, haben wir exponentielles Wachstum“, so der RKI-Vizechef.

Auch bei den Fallzahlen berücksichtigt werden, dass diese auf das Infektionsgeschehen von vor mindestens zwei Wochen zurückgehen. Denn bis die Erkrankung nach der Infektion ausbricht und letztlich von einem Arzt nachgewiesen wird, können bis zu 14 Tage vergehen. Der Anstieg der Corona-Neuinfektionen ist demnach auch ein Blick in die Vergangenheit. Die Fallzahlen zeigen also noch nicht die Wirkungen des Teil-Lockdowns.

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Auf die Entwicklung der Zahlen angesprochen, bestätigte dies auch Gesundheitsminister Jens Spahn: In vergangenen Tagen habe sich mit Blick auf die Infektionszahlen gezeigt, dass die Dynamik der Virusausbreitung etwas abflache und es weniger starke Steigerungen gebe. „Aber das ist noch nicht das Ziel“, sagte Spahn. „Wir müssen runter mit den Zahlen. Wir müssen in den nächsten Tagen beobachten, ob das auch wirklich zum Trend wird.“ Effekte der seit Montag geltenden Regeln würden sich frühestens Ende dieser Woche zeigen.

Halten sich die Deutschen an die Regeln?

Auch in dieser Frage gibt sich Spahn vorsichtig optimistisch. Die Mobilität habe sich in Deutschland in den vergangen Tagen bereits deutlich reduziert – aber nicht so stark wie im Frühjahr. Spahn nannte als Beleg die Daten von Mobilfunkanbietern, die zeigen, dass die Deutschen seltener unterwegs sind.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund zieht ein positives Zwischenfazit des vor einer Woche eingeleiteten Teil-Lockdowns. „Der von Bund und Ländern beschlossene sogenannte Lockdown light zeigt in den Kommunen sichtbar Wirkung“, sagte Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Die Innenstädte sind leerer, die Zahl der Menschen im Homeoffice hat wieder zugenommen und auch die Auslastung von Bussen und Bahnen geht erkennbar zurück“, erläuterte Landsberg.

„Auch in der Stimmung der Bevölkerung kann man feststellen, dass die allermeisten Menschen wieder vorsichtiger geworden sind“, sagte Landsberg. Er verwies auf Umfragen, wonach eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger die getroffenen Maßnahmen befürworteten und teils sogar strengere Vorgaben wünschten. „Die wenigen, die lautstark protestieren, haben zwar eine große mediale Aufmerksamkeit, sind jedoch eine verschwindend geringe Minderheit“, betonte er.

Landsberg äußerte die Hoffnung, „dass die erkennbaren Kontaktreduzierungen sich in acht bis zehn Tagen dann auch in einem Rückgang der Infektionszahlen widerspiegeln“. Dies sei die Voraussetzung dafür, dass das System der Kontaktnachverfolgung aufrechterhalten bleiben könne. Andernfalls drohe die Pandemie im Winter „aus dem Ruder“ zu laufen.

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In der Politik fallen die Einschätzungen dagegen verhaltener aus. In der am Montagmorgen digital abgehaltenen Präsidiumssitzung der CDU war man sich einig, dass eine Bewertung der Maßnahmen zu früh sei. Gesundheitsminister Jens Spahn drängte dort auf eine weitere Absenkung der Infektionszahlen. Teilnehmer bekräftigten, das Ziel von weniger als 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner binnen einer Woche zu erreichen. Davon sei man noch entfernt, hieß es. Im Notfall müssten bundesländerübergreifende Krankentransporte möglich sein, um die Lage in einigen Regionen zu entspannen, hieß es einmütig in der Runde.

Retten die Regeln Weihnachten?

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder die neuen, harten Regeln vorstellten, verwiesen sie auf ein großes Ziel: Die Deutschen sollten Weihnachten so normal wie möglich feiern können. Nur wenn die Zahlen der Neuinfektionen und andere Indikatoren wieder sänken, könnte das Fest zumindest einigermaßen so laufen wie gewohnt.

Ob das gelingen wird, lässt sich noch nicht sagen. Dass allein der „Lockdown light“ im November für ein „normales“ Weihnachtsfest sorgt, darf bezweifelt werden. „Vier Wochen November-Lockdown werden nicht dazu führen, dass das Problem einfach verschwunden ist“, sagte der Virologe Marco Binder im RND-Interview. „Ich denke nicht, dass wir ein ganz entspanntes Weihnachten feiern können. Dieser Winter wird eiserne Disziplin bei der Eindämmung erfordern. Und zwar von uns allen.“ Es sei erwiesen, dass die Zahl der Kontakte der entscheidende Faktor bei der Ausbreitung von Sars-CoV-2 und eigentlich allen ansteckenden Krankheiten sei. „Deshalb sollte jeder Einzelne auch über den Teil-Lockdown hinaus die Anzahl an Kontakten möglichst gering halten.“


Zerstört der „Lockdown light“ Arbeitsplätze?

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, hat sich im RND-Interview zumindest auf längere Sicht optimistisch geäußert: „Das ist kein Lockdown wie der, den wir im Frühjahr erlebt haben. Die Einschränkungen sind zeitlich und von den Branchen her begrenzt. Die Schulen und Kitas bleiben offen, sodass Eltern auf der Arbeit nicht flächendeckend wegen der Kinderbetreuung ausfallen. Die Corona-Maßnahmen im November bedeuten einen Dämpfer in der Aufwärtsentwicklung am Arbeitsmarkt, die wir in den vergangenen Monaten hatten. Einen Einbruch werden wir voraussichtlich nicht erleben – wenn es bei vier Wochen bleibt.“

Gastronomie: „Mit dem Rücken zur Wand“

Die Stühle stehen auf den Tischen, die Türen sind zu und die Schirme eingeklappt – die Gastronomie in Deutschland ist seit einer Woche zu einem großen Teil wieder geschlossen. Im Teil-Lockdown dürfen Restaurants und Cafés nur noch für den Straßenverkauf öffnen oder ihre Gerichte ausliefern. Die Folgen sind dramatisch: 71,3 Prozent der gastgewerblichen Betriebe sehen sich laut einer am Montag veröffentlichten Umfrage in ihrer Existenz gefährdet.

Laut Dehoga-Präsident Guido Zöllick steht es kurz nach Beginn des vierwöchigen Teil-Lockdowns also dramatisch um das Gastgewerbe: „Unsere Betriebe stehen mit dem Rücken zur Wand. Jeder Tag zählt. Die Novemberhilfen müssen jetzt kommen – und zwar schnell und unbürokratisch.“ Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband fragte vom 2. bis 8. November 8868 Betriebe in Deutschland, wie es ihnen geht. Jedem sechsten Betrieb drohe den Ergebnissen zufolge ab November Insolvenz aufgrund von Zahlungsunfähigkeit.

Die Gastronomie gehört mit zu den Verlieren des Lockdown.

Die Gastronomie gehört mit zu den Verlieren des Lockdown. © picture alliance/dpa

Die Hilfsgelder scheinen ein Lichtblick zu sein, aber nur, wenn sie rasch ausgezahlt werden: Wie aus der Umfrage hervorgeht, würden die Zuschüsse für 78,6 Prozent der befragten Betriebe ausreichen, um den November zu überstehen.

Hendrik Oberwinter, einer der Betreiber der Göttinger Kneipe Dots, sagte dem RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) unlängst: „Wenn das Geld wie angekündigt kommt, halten wir bis zum Frühjahr durch.“ Doch sollte es in den nächsten Monaten zu weiteren Einschränkungen kommen, würden weitere Hilfen notwendig werden, so Oberwinter.

Das entspricht auch dem vom Dehoga ermittelten Stimmungsbild: 84,7 Prozent der Betriebe gaben an, dass die einmaligen Corona-Hilfen nicht für eine Schließung über den November hinaus ausreichen würden.

„Katastrophe“: Welche Branchen trifft es sonst noch hart?

Der erneute Lockdown sei für die Fitnessbetriebe eine Katastrophe, sagt die Präsidentin des Arbeitgeberverbands deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen, Birgit Schwarze. Die mühsamen neuen Anfänge seien jetzt wieder völlig zunichte gemacht worden. Nach den bisherigen Berechnungen des DSSV entstünden für die Fitnessbetriebe allein im November Umsatzverluste von mindestens 200 Millionen Euro. „Für das Jahr 2020 gesamt müssen wir von Verlusten in Höhe von einer Milliarde Euro ausgehen.“

Auch Kosmetikbetriebe sind aktuell geschlossen. „Der zweite Lockdown in diesem Jahr traf die Branche völlig unerwartet, da diese als Teil der modernen Gesundheitsvorsorge Teil der Lösung und nicht Teil des Problems sein wollte“, heißt es vom Verband der professionellen Dienstleistungskosmetik.

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Durch die Hygieneregeln hätten die Angebote der professionellen Kosmetik vielen Kunden nicht nur bei Hautproblemen, sondern gerade auch bei psychischen, coronabedingten Belastungen helfen können, meint der Verband. „Der wieder einmal sehr uneinheitliche Flickenteppich unterschiedlichster Regelungen der Bundesländer macht diesen Teil-Lockdown einer Gesundheitsbranche deshalb maximal unverständlich.“

Auch für die Kinobetreiber sieht es düster aus. Seit dem 2. November sind die Kinos in Deutschland erneut flächendeckend geschlossen – die Kosten laufen dennoch weiter. Christine Berg, vom Verband HDF Kino sagt. „Vielen Kinos in Deutschland steht das Wasser jetzt nun endgültig bis zum Hals.“ Ob die angekündigten Hilfen ausreichen würden, lasse sich noch nicht beantworten, denn es sei noch nicht klar, ob größere Kinobetriebe wie bei den bisherigen Überbrückungshilfen erneut von der Förderung ausgenommen würden. „Das wäre in jedem Fall eine Katastrophe.“

Das sagt die Politik zu den Hilfen

Am Donnerstag hat sich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) mit Finanzminister Olaf Scholz (SPD) darauf geeinigt, wie mit Umsätzen verfahren wird, die aus dem erlaubten Außer-Haus-Verkauf resultieren. Bis zu 25 Prozent des Vergleichsumsatzes aus dem Vorjahr werden auf die Novemberhilfe nicht angerechnet. Um eine Überförderung von mehr als 100 Prozent des Vergleichsumsatzes zu vermeiden, erfolgt ab dem 26. Prozent eine entsprechende Anrechnung.

Anträge sollen in den nächsten Wochen über die staatliche IT-Plattform gestellt werden können, über die die bereits bestehende Überbrückungshilfe abgewickelt wird. Derzeit ist das noch nicht möglich, weshalb es auch noch keine Antrags- und Abrufzahlen gibt. Die Bundesregierung rechnet damit, dass das Programm bis zu 10 Milliarden Euro kosten wird. Wirtschaftsminister Altmaier hat versprochen, dass das Geld rasch fließen soll. Bis Ende November sollen zumindest erste Abschläge ausbezahlt werden. Auf der Fachebene des Bundeswirtschaftsministeriums hält man das für extrem ambitioniert.

Peter Altmaier (CDU), Bundesminister für Wirtschaft und Energie, und Olaf Scholz (r, SPD), Bundesminister der Finanzen, haben ein  weiteres Rettungspaket  für Unternehmen geknüpft.

Peter Altmaier (CDU), Bundesminister für Wirtschaft und Energie, und Olaf Scholz (r, SPD), Bundesminister der Finanzen, haben ein weiteres Rettungspaket für Unternehmen geknüpft. © picture alliance/dpa

Antragsberechtigt sind alle Firmen und Einrichtungen, die wegen behördlicher Anordnungen im November dichtmachen mussten. Streit gibt es um Firmen, die indirekt betroffen sind – die also nicht schließen mussten, deren Geschäfte aber dennoch unter dem Teil-Lockdown leiden. Sie müssen „nachweislich und regelmäßig“ 80 Prozent ihrer Umsätze mit direkt von den Schließungen betroffenen Unternehmen erzielen. Als Beispiel nannten Bundeswirtschafts- und Finanzministerium eine Wäscherei, die vorwiegend für Hotels arbeitet. Andere Firmen fallen bislang durchs Raster, obwohl auch sie vom Teil-Lockdown betroffen sind.

Ein weiteres Beispiel dafür sind Gebäudereiniger: „Geschlossene Restaurants und Hotels, verstärkt leere Büros aufgrund von Homeoffice und nach wie vor keinerlei Veranstaltungsgeschäft – unser Dienstleistungshandwerk ist und bleibt in vielen Teilbereichen eingeschränkt“, sagt Christopher Lück vom Verband der Gebäudereiniger. „Zwei Drittel unserer Unternehmen beklagen Umsatzeinbußen, Besserung ist bis Jahresende nicht in Sicht.“

Retten Überbrückungshilfen die Unternehmen?

Der Mittelstandsverbund, ein Verband mit 230.000 Unternehmen aus Handel und kooperierenden Branchen, warnt vor schwerwiegenden Folgen für zahlreiche Geschäfte in deutschen Innenstädten. „Der neuerliche Lockdown wirkt sich auch für viele nicht unmittelbar von der Schließung betroffene Unternehmen katastrophal aus“, heißt es in einem Brief des Verbands an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD), der dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt.

„Gerade für Geschäfte in den Innenstädten bleiben bis zu 80 Prozent der Kunden aus. Dies verschärft die ohnehin krisenhafte Situation noch einmal dramatisch“, so der Mittelstandsverbund weiter. Die nun beschlossene außerordentliche Wirtschaftshilfe erreiche die meisten Unternehmen nicht, warnt der Verband, zugleich seien die finanziellen Reserven vieler Unternehmen und Selbstständiger aufgebraucht. „Ohne zugkräftige Unterstützung werden sie die kommenden Wochen kaum überstehen können“, warnt der Verband.

Mit Krediten allein sei die Krisensituation nicht mehr zu meistern, heißt es in dem Schreiben weiter. Und auch die Überbrückungshilfe in ihrer bisherigen Ausgestaltung hätten sich aufgrund der Antragsbedingungen und limitierten Verwendungsmöglichkeit als nur sehr bedingt praxistauglich erwiesen. „Das erklärt den begrenzten Mittelabfluss, obgleich die Mittel dringend benötigt werden“, erklärt der Mittelstandsverbund.

Um Unternehmen schneller und einfacher helfen zu können, schlägt der Verband ein neues Verfahren zur Berechnung möglicher Zuschüsse vor. Unternehmen und Selbstständige sollen dem Vorschlag zufolge für das Geschäftsjahr 2020 eine Ertragsprognose erstellen und diese mit den durchschnittlichen Erträgen der letzten drei Geschäftsjahre abgleichen. Ergeben sich dabei Negativabweichungen, sollen Hilfsgelder maximal in Höhe der Abweichung beantragt werden können. Bei Unternehmen, die jünger als drei Jahre sind, schlägt der Mittelstandsverbund einen kürzeren Bemessungszeitraum vor.

Sollte sich nach Ende des Geschäftsjahres im Rahmen der Steuererklärung für 2020 herausstellen, dass der Ertragsrückgang geringer als prognostiziert ausgefallen ist, soll der zu viel gezahlte Zuschuss vom Unternehmen verzinst zurückgezahlt werden müssen. Der gerechtfertigte Zuschuss soll im Rahmen der Steuererklärung in die reguläre Besteuerung einbezogen werden. „Jetzt geht es um eine Breitenwirksamkeit in einer Situation, die gegenüber der ersten Welle aufgrund der eigenkapitalgeschwächten Unternehmen weit größere Risiken birgt“, sagte Eckhard Schwarzer, Präsident der Mittelstandsverbundes, dem RND.

„Das vorgeschlagene Modell schließt mögliche Ungleichbehandlungen der Unternehmen und damit Akzeptanzprobleme bei Teilen des Mittelstandes von vornherein aus“, so Schwarzer weiter. Erste Zahlen gibt es bereits für die vor dem Teil-Lockdown beschlossene Corona-Überbrückungshilfe II, die seit dem 21. Oktober für den Zeitraum September bis Dezember beantragt werden kann. Laut Bundeswirtschaftsministerium wurden bis zum 6. November 6601 Anträge mit einem Antragsvolumen von 189,6 Millionen Euro eingereicht. Der tatsächliche Finanzbedarf der Unternehmen dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

Urlaub vom Lockdown? – Gar nicht so unmöglich

Mit dem Teil-Lockdown in Deutschland am 2. November ist auch ein Verbot für touristische Übernachtungen in Kraft getreten. Hotels, Pensionen, Ferienhäuser und andere Unterkünfte dürfen bis Ende des Monats nur noch Geschäftsreisende aufnehmen. Das kommt praktisch einem Urlaubsverbot in Deutschland gleich. Viele Touristen wurden von dieser Entwicklung vor Ort überrascht. Sie mussten gemäß der Abreisefristen der Bundesländer ihre Domizile an der Ostsee, der Nordsee oder in den Bergen früher verlassen als geplant.

Aber, und das ist paradox: Eine Flucht aus dem Teil-Lockdown ist trotzdem möglich, denn Urlaub im Ausland ist aus deutscher Sicht weiterhin erlaubt. Denn die Grenzen bleiben – anders als im Frühjahr des Jahres – offen.

Es gelten zwar für viele Länder Reisewarnungen, das sind jedoch keine Reiseverbote. Wenn die Einreise vom Zielland erlaubt ist, steht einem Urlaub also theoretisch nichts im Weg. Derzeit sind sogar Fernreisen ganz ohne Konsequenzen bei der Rückreise möglich: So stehen beispielsweise Ziele wie Barbados, Kuba und Grenada sowie Namibia und die Seychellen in Afrika weder auf der RKI-Liste der Risikogebiete, noch gilt eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes.

Urlaub vom Lockdown nehmen ist schwer, viele Länder haben Reisewarnungen verhängt.

Urlaub vom Lockdown nehmen ist schwer, viele Länder haben Reisewarnungen verhängt. © picture alliance/dpa

Wer aus einem solchen Land nach Deutschland einreist, muss keinen Corona-Test machen und auch nicht in Quarantäne. Viele Deutsche nutzen diese Möglichkeit einer Flucht vor dem Teil-Lockdown ins Warme: Auf den Kanaren zeigt sich beispielsweise seit der Aufhebung der Reisewarnung ein Aufwärtstrend – die Zahl der Flugangebote ist wieder massiv gestiegen, und so auch die Nachfrage. „Wir erfahren eine positive Resonanz unserer Gäste. Die meisten haben wir auf Fuerteventura, gefolgt von Gran Canaria und Teneriffa“, teilt Deutschlands größter Reiseveranstalter Tui mit.

Aber: Die Situation in Bezug auf die Covid-19-Pandemie entwickelt sich auch aus Reisesicht weiterhin sehr dynamisch – jede Woche prüft das Robert-Koch-Institut die Lage und weist im Zweifelsfall neue Risikogebiete aus. Wenn davon das eigene Reiseziel betroffen ist, hat das Konsequenzen: Seit Sonntag, 8. November, besteht die Pflicht zur digitalen Registrierung vor der Einreise für Reisende aus Risikogebieten. Auf der Webseite www.einreiseanmeldung.de müssen Daten angegeben werden, darunter Name, Adresse, Telefonnummer, Herkunfts- und Zielort, der Zeitpunkt der Wiedereinreise und bei Flugreisen auch die Flugnummer.

Gleichzeitig gilt die Quarantänepflicht bei der Einreise aus einem Risikogebiet im Ausland, diese wurde mit der neuen Quarantäneverordnung aber von 14 auf zehn Tage verkürzt. Aber: Bisher konnten Rückkehrer einen höchstens 48 Stunden alten negativen Corona-Test vorlegen, um nicht in Quarantäne zu müssen. Nun darf ein Test frühestens am fünften Tag nach der Einreise gemacht werden und bis zum Ergebnis muss man auf jeden Fall in Isolation bleiben.

Sport: Die Nationalelf – nicht mehr zum Anfassen

Es war eine beliebte, weil eine der wenigen verbliebenden Möglichkeiten, den Stars der deutschen Nationalmannschaft noch hautnah zu begegnen. Doch selbst das bleibt für die deutschen Fußball-Fans nun aus. Den Vorwurf der Entfremdung von der Basis und ihrem Anhang müssen sich die Verantwortlichen der DFB-Elf zwar schon eine ganze Zeit lang gefallen lassen, doch aktuell sind ihnen wirklich die Hände gebunden. Massenansammlungen der Fans, die bei der Ankunft der Mannschaft vor dem jeweiligen Teamhotel traditionell darauf lauern, ein Foto oder ein Autogramm zu ergattern, wenn die Spieler aus Kleinbussen mit verdunkelten Fensterscheiben steigen, gab es am Montag in Leipzig nicht.

Nur einige wenige versammelten sich vor dem The Westin in Leipzig, natürlich mit Maske. Autogrammanfragen wurden von den Spielern freundlich, aber bestimmt abgeblockt, der ein oder andere stand immerhin für ein Selfie bereit – mit nötigem Abstand. Auch die Polizei beobachtete das Verhalten der Nationalspieler, der wenigen Anhänger und Journalisten genau – zwei Mannschaftswagen waren angerückt.

Nur gucken, nicht anfassen: Fans müssen zur Zeit auf Selfies und Autogramme mit Spielern der Nationalmannschaft, etwa mit Emre Can, verzichten.

Nur gucken, nicht anfassen: Fans müssen zur Zeit auf Selfies und Autogramme mit Spielern der Nationalmannschaft, etwa mit Emre Can, verzichten. © picture alliance/dpa

Eine Woche residiert der DFB-Tross in Leipzig, um sich für die Europameisterschaft im nächsten Jahr einzuspielen. Geplant ist, dass das Turnier in zwölf Ländern stattfindet. Für „schwer vorstellbar“ hält das Bundestrainer Joachim Löw aktuell, wie er im RND-Interview betont: „Ich hoffe das natürlich und auch, dass sich die Situation grundsätzlich verändert. Wir wollen alle endlich wieder Spiele erleben mit Fans und damit mit Emotionen, das macht gerade so ein Turnier ja aus. Aber aktuell kann ja keiner so genau absehen, wie es weitergeht und was die Folgen der Pandemie betrifft.“

Für die an die Geisterspiele bereits gewöhnten Fans bedeutet der „Lockdown light“ vorerst wieder, die Partien lediglich vor dem Fernseher verfolgen zu können – auch die Länderspiele gegen Tschechien und die Ukraine in Leipzig sowie die Partie der Nations League am kommenden Montag gegen Spanien in Sevilla. Nachdem zwischenzeitlich bereits Teilmengen in den Stadien des Profifußballs zugelassen waren, hieß es nun auch in Bundesliga und Co., trotz eines strengen Hygienekonzepts: Kommando zurück. DFL-Chef Christian Seifert warnte mit Blick auf die restliche Spielzeit bereits: „Es wäre schon sehr optimistisch, jetzt noch davon auszugehen, dass in der laufenden Saison in großem Stil Zuschauereinnahmen fließen.“

Der Deutsche Fußball-Bund hat die Politik bereits um eine Lockerung der Corona-Einschränkungen im Amateurbereich gebeten. Die Präsidenten der Regional- und Landesverbände sowie DFB-Präsident Fritz Keller richteten einen Appell an die Politik, der sich auf den organisierten Sport von Kindern und Jugendlichen unter freiem Himmel bezieht. Und: Dies sei ausdrücklich nicht nur auf den Fußball bezogen.

Und wie geht’s den anderen Sportarten?

Überleben würde der Fußball dank exorbitanter TV-Einnahmen auch ohne Zuschauer, andere Sportarten müssen ohne die Ticketgelder hingegen erneut um ihre Existenz bangen. Die Deutsche Eishockey Liga sah sich anders als die Bundesligen im Handball und Basketball bislang noch nicht in der Lage, mit dem Spielbetrieb zu starten. Geschäftsführer Gernot Tripcke sagte: „Wenn die Politik Zuschauer verbietet, entzieht sie dem Profisport die Basis zum Überleben.“ Am 19. November soll nun darüber entschieden werden, ob auch Eishockey-Geisterspiele möglich sind. Zuvor startet quasi als Testlauf vom Mittwoch an ein eigens ins Leben gerufenes Vorbereitungsturnier mit acht der 14 DEL-Klubs und täglich einem Spiel bis in den Dezember hinein.

Weitgehende Verbote wurden erneut im Breiten- und Amateursport ausgesprochen, auch wenn diese durch verschiedene Verordnungen mit Ausnahmen in den Ländern bereits aufgeweicht worden sind – und die für Diskussionen sorgen. „Bundeseinheitliche Regelungen, die für alle Sportvereine gelten und an denen sich alle orientieren können, wären sehr wünschenswert“, erklärte etwa der Bayerischer-Landes-Sportverband-Präsident Jörg Ammon. Fitnessstudios, Schwimm- und Spaßbäder wurden geschlossen. Erlaubt ist es in den meisten Ländern indes, allein oder zu zweit aus verschiedenen Haushalten Sport zu treiben.

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