„Zehn Prozent Quarantäne-Rabatt“ - Existenzängste wegen Corona

Coronavirus

Zwei junge Kölner wagen den Schritt in die Selbstständigkeit. Dann kommt Corona und eventuell das Aus? Eine freie Autorin verliert ihre Aufträge und ein Gastronom fürchtet sich vor Hartz 4.

Köln

20.03.2020, 07:51 Uhr / Lesedauer: 3 min
Sinan Bartsch und Oliver Noster (r), Betreiber einer Sushi Bar, stehen vor ihrem geschlossenen Restaurant.

Sinan Bartsch und Oliver Noster (r), Betreiber einer Sushi Bar, stehen vor ihrem geschlossenen Restaurant. © picture alliance/dpa

Die hölzernen Hocker stehen auf den Tischen, die Türen bleiben zu: Das „MJ Sushi“ ist ein Restaurant, in dem man nicht mehr essen darf. Das Asia-Lokal befindet sich in der Kölner Südstadt und wird geführt von Sinan Bartsch (29) und Oliver Noster (28). Die zwei jungen Kölner haben das Restaurant zum ersten März übernommen, oder wie Bartsch es zynisch lächelnd nennt: „zum Coronastart“.

Wegen der Corona-Pandemie ist der Verzehr in Restaurants in Nordrhein-Westfalen nicht mehr gestattet. Lieferungen und take-away-Bestellungen sind noch möglich - und „für uns nötig“, wie Bartsch schildert. Noch könne er keine konkrete Bilanz ziehen, aber es habe einen „Einbruch von fast 70 Prozent“ gegeben, teilt Bartsch mit.

Rabatt-Aktionen, um in der Krise Kunden zu gewinnen

Das hänge hauptsächlich mit Corona zusammen, außerdem sei das Restaurant wegen des Inhaberwechsels fürs Erste auch aus dem Pool der Lieferdienste von Lieferando rausgenommen worden. Eine wichtige Einnahmequelle - vor allem in Zeiten von Corona. Normalerweise arbeiten im Restaurant neben den zwei Geschäftsführern noch sieben Menschen. Drei in der Küche und vier als Fahrer. Die Fahrer fahren nicht mehr und in der Küche stehe nur noch ein Koch. Wenn mal eine Bestellung reinkomme, übernehmen die jungen Chefs die Lieferung, auch Freunde haben mal ausgeholfen.

Mithilfe von sozialen Medien versuchen sie, an Kunden zu kommen. „Zehn Prozent Quarantäne-Rabatt“ bekommen Bartsch zufolge alle, die jetzt bestellen. „Da wir wissen, dass dieser Ausnahmezustand uns ALLE betrifft“, so steht es auf einem Zettel in den Fenstern des geschlossenen Ladenlokals.

Zwei Monate vom Ersparten leben - dann wird es knapp

Yasmin M`Barek ist freie Autorin und sitzt ein paar Straßen weiter in ihrem Zimmer. „Mir sind plötzlich 2500 Euro flöten gegangen“, berichtet sie. Die 20-Jährige sitzt regelmäßig auf Podien und Tagungen, war kurz vor dem Ausbruch der Pandemie für ein Praktikum nach Berlin gezogen. Plötzlich sei alles schnell gegangen, der Praktikumsplatz in der Redaktion weg, alle Aufträge weg, alle Veranstaltungen abgesagt. Jetzt sei es schwer, neue Aufträge an Land zu ziehen.

„Solange du keine Corona-Expertin bist, bekommst du nichts“, erklärt die junge Journalistik-Studentin. Jetzt versuche sie zwar immer, neue Ideen einzureichen, bekomme aber selten eine Antwort. Zwei Monate könne sie noch von Ihrem Ersparten leben, danach werde es knapp. Es sei nicht die Zeit, wählerisch zu sein: „Ich nehme, was ich bekomme“.

Für manche bleibt in der aktuellen Situation nur Hartz IV

Der Düsseldorfer Gastronom Daniel Semmelroth (45) musste bereits drei von vier Mitarbeitern betriebsbedingt kündigen. „60 Prozent vom Arbeitsamt sind besser als ein leeres Versprechen von mir“, sagt Semmelroth. Die Katastrophe setzte bei Semmelroth schon vor drei Wochen ein: „Ich habe 65 Prozent des Umsatzes mit Catering gemacht. Das ist alles weggebrochen. Alle Veranstaltungen wurden abgesagt.“

Was ihm blieb, war seine Bar in der NRW-Kunstsammlung K 21 in Düsseldorf - bis vergangenes Wochenende. Nun sind die Museen zu - und die Bar. Auf unbestimmte Zeit. „Es war schlimm - und hat sich dann noch zugespitzt.“ Jetzt prüft Semmelroth, ob die in Aussicht gestellten Hilfstöpfe sein Unternehmen retten können: „Ich habe mit meiner Hausbank gesprochen, aber die genauen Bedingungen kommen erst Montag raus.“

Der 45-Jährige hat auch mit seinem Steuerberater gesprochen: „Als letztes habe ich ihn gefragt, was mit mir ist, wenn die Situation so bleibt. Die Antwort war: „Hartz IV“.“ Seitdem mache er sich keine Illusionen: „Wir stehen nicht nur vor dem unternehmerischen, sondern auch vor dem privaten Ruin. Aber es ist eine Katastrophe für uns alle“, sagt er.

„Ich lebe ja schon vom Geld, das mir eigentlich nicht gehört“

Auch der Kölner Restaurant-Betreiber Bartsch und sein Geschäftspartner schauen sich nach Hilfsmöglichkeiten um. Vor der Übernahme habe er der Belegschaft versichert, sie weiterhin als Angestellte zu beschäftigen. Doch es kam alles anders. Nach einem Gespräch mit dem Steuerberater wolle er jetzt die Mitarbeiter „schweren Herzens“ als Kurzarbeiter anmelden.

Die Übernahme des Lokals habe etwa ein Jahr gedauert. Um dem Laden einen ganz neuen Schliff zu geben, haben die zwei jungen Unternehmer jeweils 60.000 Euro Kredit aufgenommen - es sollte ein Neuanfang sein. Zwar weiß Bartsch, dass er als Selbstständiger zu vergünstigten Umständen einen weiteren Kredit bekommen könnte, aber: „Ich lebe ja schon vom Geld, das mir eigentlich nicht gehört“.

Weitere Verschuldungen will er verhindern. Ein Teil des Kredits sei für den Umbau geplant gewesen und der Rest als Puffer für den äußersten Notfall. „Jetzt garantiert der Puffer unser Überleben“, erzählt Bartsch. Dass der äußerste Notfall schon rund zwei Wochen nach dem Schritt in die Selbstständigkeit kommen könnte, habe er niemals gedacht. „Das ist einfach nur krank“, fügt der 29-Jährige hinzu.

dpa

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