Ein ausgewachsener Rotmilan: leicht zu erkennen an dem rostbraunen Federkleid und an dem gegabelten Schwanz. © picture alliance / dpa
Naturschutz

Greifvogel kehrt zurück: Wie viele Rotmilane leben im Kreis Coesfeld?

Er ist ein König der Lüfte: elegant, majestätisch groß und trotzdem scheinbar schwerelos. Naturschützer wollen es genau wissen: Wie viele dieser Flugartisten gibt es im Kreis Coesfeld?

Matthias Olthoff hat seinen Blick in den Himmel gerichtet, als er telefoniert. Dort zieht just der Vogel seine Bahnen, über den er gerade spricht: der Rotmilan. Ein Zufall, denn nach wie vor macht sich der Greifvogel rar. Trotz einiger Erfolge in den zurückliegenden Jahren.

Einer der seltensten Vögel der Welt

Der Rotmilan ist einer der seltensten Vögel der Welt. Der Weltbestand des eindrucksvollen Segelfliegers besteht nur aus 20.000 bis 25.000 Paaren. Die brüten fast ausschließlich in West- und Mitteleuropa – und davon mehr als die Hälfte in Deutschland. Statt des Seeadlers, der zwischen Grönland und dem äußersten Ende Sibiriens zuhause ist, hätte der Rotmilan also das Zeug zum deutschen Wappentier gehabt: Bundesmilan statt Bundesadler.

Um so etwas geht es Matthias Olthoff und seinen Mitstreitern vom Naturschutzzentrum des Kreises Coesfeld, vom Nabu und vom Kreis Coesfeld nun nicht. Sie wollen den Flugkünstler mit dem rostroten Federkleid und dem hellen Kopf nicht auf die Zwei-Euro-Münze prägen, sondern seine Zukunft am heimischen Himmel sichern. Dazu kann jeder einen Beitrag leisten – mit dem Kopf im Nacken.

Unter dieser Adresse werden die Rotmilane gemeldet

„Wir möchten Sie bitten, uns aktuelle Beobachtungen des Rotmilans aus dem Kreisgebiet mitzuteilen“, schreibt Olthoff. „Die Sichtungen werden am besten mit Datum, Telefonnummer für eventuelle Rückfragen sowie einer Kartendarstellung direkt an folgende Mailadresse gesendet: rotmilan@naturschutzzentrum-coesfeld.de.“ Einen solchen Aufruf hatten die Vogelschützer auch bereits 2019 gemacht – und 250 Rotmilan-Meldungen bekommen. In diesem Jahr schon wieder mehr als 100.

Um „den Roten“ zu melden, müssen Naturfreunde ihn aber erst einmal einwandfrei erkennen können. Das ist am Himmel gar nicht so einfach. Denn dort kreisen auch die häufigsten deutschen Greifvögel: die Mäusebussarde. Es gibt aber eine leichte Unterscheidungsmöglichkeit.

So lässt sich ein Rotmilan von einem Bussard unterscheiden

Der Rotmilan heißt auch Gabelweihe. „Wegen seines Schwanzes“, sagt Matthias Olthoff. Der sehe eben aus „wie eine Pommesgabel“: gegabelt. Der Schwanz des Bussards ist dagegen eher gerade bis abgerundet. Dieser Unterschied ermöglicht es, die Vögel auch aus der Entfernung leicht zu bestimmen. Aus der Nähe würde der Größenunterschied auffallen.

Der Rotmilan ist mit circa 65 Zentimeter Länge mehr als zehn Zentimeter größer als der Bussard. Auch die Spannbreite ist größer: 1,10 bis 1,40 beim Bussard und 1,50 bis zu 1,75 Meter beim Milan. Nur der Adler ist noch größer.

Nicht zu verwechseln ist der Rotmilan mit dem Mäusebussard (Foto), dem häufigsten Greifvogel in Deutschland. © Boris Roessler © Boris Roessler

Wenn es um den Flugstil geht, kommt Olthoff ins Schwärmen: „Der Milan fliegt wesentlich eleganter als der vergleichsweise plumpe Mäusebussard.“ Er kreise oft Stunden lang – meistens stumm und ohne einen Flügelschlag. Dafür ist aber sein Schwanz – der mit der Kerbe – immer in Bewegung. Wie ein Seitenruder setzt der Vogel ihn zum Navigieren ein. Und wenn er doch einen Laut von sich gibt, dann ist es ein dünnes, klagendes „Wi-uuh-ii-uu ii-uu“.

Bei der Nahrungssuche ist der in der Regel in 50 Meter Höhe unterwegs. Er schafft es aber auch einen Kilometer hoch. Kollege Bussard macht es sich dagegen lieber auf einem Pfahl am Feldrand bequem: Er ist ein Ansitzjäger und beobachtet so regungslos sein Umfeld. Beide – Bussard und Milan – haben es dabei auf die gleiche Beute abgesehen.

Rotmilane bleiben sich über Jahre treu

Feldmäuse mögen beide gerne. Aas darf es aber auch sein. Dazwischen alles, was sich gerade anbietet: auch Vögel, Reptilien, Frösche, Regenwürmer und Insekten. In den nächsten Wochen wird der Appetit deutlich wachsen.

Die ersten Rotmilane haben zum Monatswechsel angefangen, Eier zu legen: meistens zwei oder drei. Die Brut übernimmt meist das Weibchen. Es sitzt etwa 30 Tage auf dem Nest. Die Versorgung mit Futter ist vor allem Sache des Männchens. Eine echte Herausforderung. Denn die Kleinen müssen in kurzer Zeit kräftig zulegen. Nach 50 Tagen werden sie flügge. Es ist also von Vorteil, wenn sich Herr und Frau Rotmilan gut verstehen. Das gelingt meistens: Rotmilane sind ihrem Partner in der Regel über Jahre treu. Auch wenn sie den Winter nicht gemeinsam verbringen, treffen sie sich im Frühjahr zur Familiengründung wieder. Ihre eher unordentlichen Nester – gerne auch mit Plastikmüll ausgekleidet – befinden sich in der Regel in hohen Bäumen am Waldrand.

Matthias Olthoff hat das Auto irgendwo in Ascheberg gestoppt, um seinem Rotmilan nachzuschauen. Vielleicht fliegt er in ein neues Brutrevier. Davon gab es traditionell im Münsterland und im Kreis Coesfeld nur wenige: lange nur ein bis zwei. Inzwischen an die 20. „Es geht aufwärts.“

Ein neuer tödlicher Feind ist aufgetaucht: das Windrad

Die Folgen gnadenloser Bejagung vor allem im 19. Jahrhundert sind aber immer noch bundesweit spürbar. Der stolze Vogel galt als Konkurrent des Menschen um Jagdwild wie Hasen oder Rebhühner. Auch heute wird dem unter strengem Schutz stehenden Vogel noch nachgestellt. „2019 haben wir drei nachweislich vergiftete Milane unter ihrem Horst entdeckt“, sagt Olthoff: „Das ist eine Straftat, keine bloße Ordnungswidrigkeit.“

Inzwischen gibt es aber einen ganz neuen Feind für die Könige der Lüfte: Windräder. „Die Rotmilane haben null Angst vor den Rotoren“, sagt Olthoff. Die Folgen seien tödlich. Umso wichtiger sei es, zu wissen, wo die Tiere lebten, um sie entsprechend schützen zu können.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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