Der Hof Aschoff in der Zeit, als Marga Spiegel mit ihrer Tochter dort lebte. © Repro: Matthias Münch (Archiv)
Geschichte

Jüdisches Leben: Eine Spurensuche in Nordkirchen

Am 27. Januar 1945 ist das KZ Auschwitz befreit worden - heute vor 76 Jahren. Es ist ein Tag des Gedenkens, der Mahnung und des Zurückblickens. Wo sind in Nordkirchen Spuren jüdischen Lebens?

Der Strick hing immer im Fensterkreuz der kleinen Kammer auf den Bauernhof. Eine kleine, ziemlich vage Versicherung für Siegmund Spiegel, dass er – sollte er entdeckt werden – kurzerhand aus dem Fenster in den Heuboden klettern und fliehen konnte. Die Angst entdeckt zu werden, kannten der Pferdehändler aus Ahlen, seine Frau Marga und ihre fünfjährige Tochter Karin da schon seit mehreren Jahren: Verfolgung, Diskriminierung, Sorge um Hab, Gut, Leben – als Juden im Deutschland des Nationalsozialismus gehörte das für die junge Familie längst zum Alltag.

Zwei Jahre lang – von 1943 bis 1945 – versteckte sich die Familie auf mehreren Bauernhöfen in der Region: bei Aschoffs in Herbern, auf dem Hof Pentrup in Südkirchen, bei Sickmann in Werne, bei der Familie Silkenbrömer in Nordkirchen und schließlich auf dem Hof der Familie Südfeld in Südkirchen. Und dank der Hilfe der pragmatisch mutigen Bauern aus dem Münsterland überlebten alle drei als eine der wenigen jüdischen Familien die Zeit des Dritten Reiches in Deutschland.

„Ein kleines Stückchen Heldentum“: So nennt Hubert Kersting vom Heimatverein Nordkirchen das, was die Familien auf den Bauernhöfen damals geleistet haben, um die Spiegels vor dem sicheren Tod im Konzentrationslager zu retten.

Deutsche für Tod von sechs Millionen Juden verantwortlich

Die Geschichte um die Rettung der jüdischen Familie in Nordkirchen ist eine prominente. Leider aber nicht unbedingt eine typische für die Zeit des Nationalsozialismus. Denn Siegmund, Marga und Karin Spiegel haben den Holocaust überlebt. Für sechs Millionen europäische Juden gilt das nicht. Sie hatten keine Retter – im Gegenteil. In den Konzentrationslagern waren es die Deutschen und ihre Helfer, die sie ermordeten. Allein in Auschwitz-Birkenau starben 1,1 Millionen Menschen, bevor das Lager am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde.

Unter dem Titel „Unter Bauern“ wurde die Geschichte der Familie Spiegel verfilmt.
Unter dem Titel „Unter Bauern“ wurde die Geschichte der Familie Spiegel verfilmt. © Michael Boehme / Filmform / Pandora / ACAJOU / 2L © Michael Boehme / Filmform / Pandora / ACAJOU / 2L

Nach Spuren jüdischen Lebens sucht man heute – ziemlich genau 76 Jahre später – vergebens in der Gemeinde Nordkirchen. Stolpersteine – also kleine Messingtafeln im Asphalt, die an ehemaligen Wohnorten an die Geschichte jüdischer Mitbürger erinnern – gibt es in Nordkirchen beispielsweise nicht, wie Hubert Kersting vom Heimatverein bestätigt. Juden haben in der Gemeine kaum Spuren hinterlassen – wahrscheinlich weniger, weil es sie nicht gab. Und mehr, weil es, wie im Rest Deutschlands, der nationalsozialistischen Bewegung gelang, eigentlich alle Lebensbereiche der Menschen zu durchdringen.

Wie haben die Nordkirchener 1930 und 1933 gewählt?

Wobei: „Die Wahlergebnisse aus den Jahren 1930 und 1933 zeigen, dass die Basis für den Nationalsozialismus in Nordkirchen, Südkirchen und Capelle nicht allzu breit war. 1930 stimmten in Nordkirchen 46 Bürger für die NSDAP, 637 für das Zentrum (eine katholisch-konservative Partei). In Südkirchen votierten nur 12 Bürger für die NSDAP und 556 für das Zentrum. In Capelle gaben 17 Bürger ihre Stimme der NSDAP und 301 dem Zentrum. Auch 1933, als die Nationalsozialisten bereits die Macht an sich gerissen hatten, sah es in der Schlossgemeinde nicht viel anders aus. Die religiöse und vor allem katholische Bevölkerung Nordkirchens und des Münsterlandes unterstützte das Zentrum“, erklärt Hubert Kersting auf seiner Homepage zur Geschichte der Gemeinde.

Dass die Unterstützung für die nationalsozialistische Ideologie den Wahlergebnissen zufolge anfangs noch nicht so groß war in Nordkirchen, änderte sich mit der Machtergreifung. „Natürlich gab es auch in der Schlossgemeinde Begeisterung für die nationalsozialistische Bewegung, Beflaggung, Fackelzüge, Spitzelei und Denunziation“, so Kersting zum Alltag im Dritten Reich – eben auch in Nordkirchen.

Marga Spiegel überlebte mit der Hilfe von Bauern aus Nordkirchen, Südkirchen, Ascheberg und Werne mit ihrer Familie den Holocaust. 2014 ist sie im Alter von 101 Jahren gestorben.
Marga Spiegel überlebte mit der Hilfe von Bauern aus Nordkirchen, Südkirchen, Ascheberg und Werne mit ihrer Familie den Holocaust. 2014 ist sie im Alter von 101 Jahren gestorben. © Foto: Goldstein © Foto: Goldstein

Hinzu kam, dass das Schloss schon ab 1933 ein Ort war, an dem sich bis zum Ende des Krieges 1945 immer wieder bekannte Parteitreue versammelten. „Im Schloss Nordkirchen befand sich von 1933 bis 1945 eine Gauleiterschule. Hier wurden Lehrgänge für die potentiellen Nazi-Größen abgehalten“, erklärt Hubert Kersting.

Auch wenn es nicht die Art der Gauleiter war, sich „unter das Volk“ zu mischen, war das Klima in Nordkirchen in den Jahren des Dritten Reiches Juden gegenüber wahrscheinlich genauso feindselig wie im Rest des Landes. Wie Juden im Dorf lebten? Wie viele ihres Besitzes beraubt wurden, wie viele flohen oder ermordet wurden? Wie ihre Namen waren? Dazu gibt es bislang keine historische Aufarbeitung.

Marga Spiegels Überlebensgeschichte „Retter in der Nacht“

Anders ist das bei der Geschichte der Familie Spiegel. Marga Spiegel hat ihre Überlebensgeschichte in den 1960er-Jahren aufgeschrieben und veröffentlicht: „Retter in der Nacht“, heißt das Buch, das 2009 auch unter dem Titel „Unter Bauern“ verfilmt wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg ist die Familie Spiegel in ihren Heimatort Ahlen zurückgekehrt. „Gerade die Überzeugung, dass nicht alle Deutschen Mörder waren“ sei es gewesen, „die Kraft gab, nach all dem Unmenschlichen und Unfassbaren weiter hier – wo wir geboren sind – zu leben“, schrieb die Familie Spiegel im Jahr 1960 in einem Leserbrief an das Bistumsblatt Münster.

Marga Spiegel war mit ihrem Buch immer wieder in der Region zu Gast, um über die Zeit von Nationalsozialismus und Judenverfolgung zu sprechen – oft auch stand sie an Schulen jungen Menschen als Zeitzeugin Rede und Antwort. Sie starb im Jahr 2014 – im Alter von 101 Jahren.

Die Namen der Bauern aus Nordkirchen, Südkirchen, Werne und Ascheberg stehen mittlerweile in der „Allee der Gerechten unter den Völkern“ an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. In dieser Allee erinnern Gedenktafeln an die etwa 27.000 nichtjüdischen Menschen und Organisationen, die versucht haben, Widerstand zu leisten und jüdische Menschen zu retten.

Mehrere Millionen Namen und Daten von Juden, die Opfer des nationalsozialistischen Völkermordes wurden, werden ebenfalls in der Gedenkstätte Yad Vashem gesammelt. Unter anderem auch die der 37 Verwandten von Marga Spiegel und ihrem Mann, die nicht das Glück hatten, in dieser dunklen Zeit Retter in der Nacht zu finden.

Über die Autorin
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Ich mag Geschichten. Lieber als die historischen und fiktionalen sind mir dabei noch die aktuellen und echten. Deshalb bin ich seit 2009 im Lokaljournalismus zu Hause.
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Marie Rademacher

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