Kinderheilstätte in Nordkirchen: So läuft dort der Corona-Shutdown

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Nur noch Bewohner und Mitarbeiter haben im Moment Zutritt zur Kinderheilstätte. Selbst Eltern dürfen ihre Kinder dort im Moment nicht besuchen. Wegen des Coronavirus.

Nordkirchen

, 04.05.2020, 14:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mittendrin und offen, ein Ort, von dem eigentlich keiner ausgeschlossen wird: Das zu sein, ist der Anspruch der Kinderheilstätte in Nordkirchen. Der Grund, warum sich in den ersten, grundsätzlichen Satz das Wort „eigentlich“ eingeschlichen hat, ist die Corona-Krise.

Denn auch die Kinderheilstätte, die der Wohnort von rund 200 Kindern mit Behinderung ist, musste auf die Pandemie reagieren, wie Jutta Blienert, die Leiterin des Wohnbereichs der Einrichtung, im Gespräch mit der Redaktion erklärt. Seit Anfang April ist die Kinderheilstätte nicht mehr wirklich ein offener, frei zugänglicher Ort - und das gilt nicht nur für die Außenanlagen.

Der Spielplatz, der Sinnesgarten, die Sportstätte und der Streichelzoo sind schon seit März für Menschen, die nicht in der Kinderheilstätte wohnen und arbeiten, gesperrt - Bauzäune und Schilder weisen darauf hin. Diese Sperrung ist den Verantwortlichen nicht leicht gefallen, erklärt Jutta Blienert. Eigentlich nutzen viele Nordkirchener Bürger gerade bei schönen Wetter gerne die öffentlichen Angebote der Kinderheilstätte. Eigentlich.

Eltern dürfen Kinder im Moment nicht besuchen

Noch viel schwerer als dieser Schritt war für die Verantwortlichen aber der, der dann Anfang April erfolgte. Seitdem ist es nämlich nicht mehr möglich, dass die Kinder in den Wohngruppen Besuch empfangen oder abstatten. Und das gilt auch für enge Bezugspersonen - für die Eltern. Seit dem 1. April dürfen auch Mütter und Väter ihre Kinder nicht mehr in den Wohngruppen besuchen - und die Kinder dürfen die Heilstätte für Besuche zu Hause auch nicht verlassen.

„Das ist uns wirklich nicht leicht gefallen“, sagt Jutta Bliebert. „Hier leben minderjährige Kinder - und im Moment müssen wir sie von ihren Eltern fernhalten.“ Dennoch sei der Schritt des Corona-Shutdowns notwendig gewesen, erklärt sie weiter. Die Kinder, die in der Kinderheilstätte leben, haben alle eine geistige Behinderung. Viele haben auch starke oder mehrfache körperliche Behinderungen oder Vorerkrankungen. Etwa ein Drittel der Bewohner, so sagt es Jutta Blienert, fällt in die Gruppe der Hoch-Risikopatienten. „Wenn der Virus hier jemanden trifft, würde er ihn auch sehr hart treffen“, sagt sie klar, wie wichtig die Maßnahme in dieser Situation war.

Jutta Blienert ist die Leiterin den Wohnbereichs der Kinderheilstätte. In Zeiten von Corona gehört der Mundschutz dort auch zum Alltag dazu.

Jutta Blienert ist die Leiterin den Wohnbereichs der Kinderheilstätte. In Zeiten von Corona gehört der Mundschutz dort auch zum Alltag dazu. © Marie Rademacher

Die Eltern hatten zu Beginn des „Shutdowns“ die Möglichkeit zu sagen, dass sie ihre Kinder unter diesen Umständen ganz zu sich holen wollen und für die Corona-Zeit auf eine Betreuung durch die Kinderheilstätte verzichten. In den 16 Wohngruppen, die es in Nordkirchen gibt, haben etwa ein bis zwei Elternteile pro Wohngruppe so gehandelt, sagt Blienert. Grundsätzlich aber, so erklärt sie weiter, verstehen die Eltern das Handeln der Verantwortlichen und verstehen den Ernst der Lage. „Und Herz und Kopf sind da nun mal oft zwei unterschiedliche paar Schuhe“, sagt sie.

Damit das Vermissen zumindest ein bisschen überbrückt werden kann, hat Gisela Stöver Te Kaat Tablets für die Wohngruppen organisiert - sodass wenigstens Videoanrufe möglich sind und Kinder und Eltern sich regelmäßig sehen. Gisela Stöver Te Kaat kümmert sich an der Kinderheilstätte um das Sozialmarketing - über die Blitzfeuerwehr, also Spendengelder für kurzfristige, dringende Anschaffungen, hat sie die Tablets gekauft. „Ich hoffe, dass unsere Spender uns auch weiterhin treu bleiben“, sagt sie gegenüber der Redaktion.

Schulbegleiter und Bufdis helfen mit

In den Wohngruppen, so versichert Jutta Blienert, ist die Stimmung aber gut. „Die Kinder verpacken das gut“, sagt sie. Das gute Wetter der letzten Wochen hat dabei geholfen. „Die Mitarbeiter lassen sich viel einfallen“, so Jutta Blienert. Insgesamt hat die Kinderheilstätte mit allen Außenstellen 850 bis 900 Mitarbeiter, erklärt sie. Auch für diese ist die Lage gerade natürlich herausfordernd.

„Im ersten Moment war das natürlich ein Schock für viele Mitarbeiter und sie dachten, auf sie kommen jetzt ganz viele Überstunden zu“, erinnert sich Jutta Blienert an dem Moment, als klar war, dass Schulen und Kitas schließen und sich das ganze Leben der Kinder nur noch in den Wohngruppen abspielen wird. So sei es aber nicht gekommen: Die Schulbegleiter, die sonst in der Maxi-Schule tätig wären, unterstützen die Wohngruppen, die Bufdis helfen mit: So konnten Überstunden vermieden werden. „Und wir können auch das eine oder andere Freizeitangebot machen und so einiges entzerren“, so Jutta Blienert.

Isolierbereich und Quarantänegruppe

Eingerichtet wurde mittlerweile außerdem ein Isolierbereich - falls es in der Kinderheilstätte einen Corona-Fall geben sollte, ist die Einrichtung darauf vorbereitet. Weil es außerdem nach wie vor keinen Aufnahmestopp in der Kinderheilstätte gibt, gibt es eine Quarantäne-Gruppe. Dort müssen Kinder, die die Heilstätte neu aufgenommen hat, zwei Wochen bleiben, bevor sie in eine Wohngruppe ziehen können.

Ansonsten gelten in den Wohngruppen die üblichen Hygienemaßnahmen. Eine Maskenpflicht für die Kinder gibt es nicht. „Viele unserer Kinder akzeptieren auch gar keine Maske“, so Jutta Blienert. Die Mitarbeiter tragen allerdings zum Beispiel in Pflegesituation selbstverständlich eine Maske, wenn sie dem Kind oder Jugendlichen sehr nahe kommen.

Wann wieder alles „normal“ ist in der Kinderheilstätte? Jutta Blienert vermag es nicht zu sagen. Sie geht aber davon aus, dass das Thema Corona die Einrichtung noch sehr lange beschäftigen wird und es noch dauert, bis die Kinderheilstätte wieder ein offener Ort ohne Absperrungen ist. Und das nicht nur eigentlich.

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