Jetzt gibt es auch Lockerungen für die Menschen im Kreis Coesfeld - trotz Grenzwert, der weiterhin überschritten wird. Eine andere Frage bleibt hingegen noch offen.

Olfen, Nordkirchen, Herbern

, 15.05.2020, 19:13 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Bild ist ähnlich zu dem aus der vergangenen Woche. NRWs Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann tritt am Freitagnachmittag in der Düsseldorfer Staatskanzlei vor die Kameras, um über die Entwicklungen im Kreis Coesfeld zu berichten. Dieses Mal hat er deutlich bessere Neuigkeiten mitgebracht als eine Woche zuvor.

Damals hatte er verkündet, dass der Kreis Coesfeld mit den neuen Lockerungen eine Woche länger warten müsste als alle anderen Kreise in NRW. Da hatte der Kreis gerade frisch die Marke von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen gerissen.

Lockerungen treten ab Dienstag in Kraft

Am Freitag steht der Kreis zwar laut Robert-Koch-Institut immer noch bei einem Wert von 67,3, doch Laumann ist dieses Mal gekommen, um Lockerungen zu verkünden, statt eine weitere Sperre. Es handele sich im Kreis Coesfeld „um ein sehr begrenztes, lokales Ausbruchsgeschehen“, so Laumann. Er sehe daher keinen Grund, warum die Lockerungen, die im Rest von NRW schon gelten, nicht ab Montag auch im Kreis Coesfeld gelten sollten. Später gibt es noch Unstimmigkeiten darüber, ob die Lockerungen wirklich am Montag oder am Dienstag in Kraft treten. Der Kreis stellt spät am Freitagabend klar, dass sie tatsächlich schon ab Montag greifen.

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Erleichtert davon zeigt sich am Freitag zum Beispiel Nordkirchens Bürgermeister Dietmar Bergmann. Die Gemeinde im südlichen Kreis Coesfeld hat schon seit einem Monat keinen einzigen neuen Corona-Fall mehr vorzuweisen, alle vormals Infizierten sind gesund. „In der vergangenen Woche war noch nicht klar, inwieweit sich der Ausbruch bei Westfleisch auch im restlichen Kreis bemerkbar macht“, sagt Bergmann. Da nun eine Woche später die Zahlen zum Beispiel in seiner Gemeinde keinen weitere Ausbruch gezeigt haben, war aber auch Bergmann überzeugt, dass mindestens einen Teil des Kreises keine Einschränkungen mehr treffen sollten. Auch Olfens Bürgermeister Wilhelm Sendermann begrüßt die Entscheidung. Es gehe darum, alle Mittel zu ergreifen, damit die Pandemie sich nicht weiterverbreitet, gleichzeitig aber dafür zu sorgen, dass die Menschen weiterhin Akzeptanz für die Maßnahmen zeigen. Für die Menschen in Olfen sei Westfleisch räumlich und emotional weit weg, so Sendermann. Der nördliche Kreis um den Ausbruchsherd Coesfeld war besonders von den Infektionen betroffen, während es im südlichen Kreis kaum neue Infektionen gegeben hatte.

Keine besondere Gefahr für Bürger im Kreis Coesfeld

Die Lockerungen gelten aber nun für alle Städte und Gemeinden des Kreises, auch für die, die besonders stark betroffen waren. Es sei kein Fall bekannt, bei dem ein infizierter Westfleisch-Mitarbeiter einen anderen Bürger angesteckt habe, so Laumann. Die Bevölkerung vor Ort brauche daher keine Angst haben, im Kreis einer besonderen Gefahr ausgesetzt zu sein. Von 148 Infektionen in den vergangenen sieben Tagen seien 132 auf Westfleisch-Mitarbeiter zurückzuführen. Rechnet man Westfleisch bei den Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen heraus, läge der Wert nur noch bei 7,3. „Das sind aber Erkenntnisse, die wir letzte Woche noch nicht hatten“, so Laumann.

Der Gesundheitsminister kündigte aber an, dass man das Infektionsgeschehen weiter im Blick haben werde. Dazu gehöre auch, dass die 662 Westfleisch-Mitarbeiter, die negativ getestet worden sind, noch einmal getestet werden. Diese zweite Testrunde hat bereits am Freitag begonnen. Von 1033 Abstrichen, waren bislang 268 positiv getestet worden. 103 Tests stehen noch aus.

Hygienekonzept von Westfleisch noch in der Prüfung

Offen blieb am Freitag auch, wie es mit Westfleisch weitergeht. Das Unternehmen ist ebenfalls noch bis einschließlich Montag geschlossen. Am Donnerstag hatte Westfleisch ein Hygienekonzept vorgelegt, dieses ließe aber laut Kreis noch Fragen offen. „Die offenen Fragen sind nachgeliefert worden, das muss aber noch geprüft werden“, sagt Sandra Wilde vom Kreis Coesfeld. Es ist möglich, dass am Wochenende darüber eine Entscheidung fällt, ob die Schließungsverfügung ausläuft, oder sie verlängert werden muss.

Auf dem Marktplatz in Coesfeld fand am Freitag eine kleine Demonstration statt, um auf die Ausbeutung von Mensch und Tier aufmerksam zu machen.

Auf dem Marktplatz in Coesfeld fand am Freitag eine kleine Demonstration statt, um auf die Ausbeutung von Mensch und Tier aufmerksam zu machen. © Privat

Auf dem Markplatz in Coesfeld gab es indes am Freitag eine Mini-Demonstration mit rund 25 privaten Teilnehmern. Sie kritisierten die Ausbeutung von Menschen und Tieren in dem Schlachtbetrieb. Damit waren sie nicht die einzigen Kritiker. „Die Situation, die nun bei Westfleisch eingetreten sei, stellt das traurige Ergebnis jahrzehntelanger Missachtung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in der Fleischindustrie dar“, schreibt die SPD im Kreis Coesfeld in einer Pressemitteilung. Sie fordert neben der lückenlosen Aufklärung der Vorfälle bei Westfleisch auch umfassende Hilfsangebote für die erkrankten Mitarbeiter sowie die Prüfung finanzieller Entschädigungszahlungen durch Westfleisch.

Die CDU im Kreis möchte ein Modell zur Diskussion stellen, bei dem die Unterkünfte der Arbeiter regelmäßig durch den Kreis und einen unabhängigen Zertifizierer überprüft werden und es eine kommunale Anlaufstelle gibt. „In der Fleischindustrie muss sich etwas ändern“, bekräftigte auch Karl-Josef Laumann bei der Pressekonferenz in Düsseldorf. Dabei wäre ein Verbot von Werksverträgen am konsequentesten, so Laumann. Es könne nicht sein, dass Subunternehmer das Kerngeschäft der Arbeit machten. Olfens Bürgermeister Wilhelm Sendermann sprach noch einen weiteren Punkt an: „Ich sehe die Risiken nicht nur bei Westfleisch, sondern auch in der Bauindustrie und in anderen Zweigen, wo Menschen eng zusammenleben.“ Ihn irritiere, dass sich die Diskussion nur auf die Fleischindustrie erstreckt.

Anmerkung: Wir haben diesen Text aktualisiert, nachdem bekannt wurde, dass die Lockerungen nun - anders als zunächst vom Kreis kommuniziert - doch ab Montag greifen werden.

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