Die Aufarbeitung des Fälle sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster läuft. © dpa
Missbrauchsskandal

Missbrauch in Kirche: Recherchen zu Fällen aus Nordkirchen, Werne und Selm

Forscher von der Uni Münster sind seit einem Jahr damit beschäftigt, den Missbrauchsskandal im Bistum Münster aufzuarbeiten- auch die Fälle aus Selm, Werne und Nordkirchen.

Es ist, so sagt es Dr. Bernhard Frings im Gespräch mit der Redaktion, eine Sisyphosarbeit. Der Historiker gehört zu der Expertenkommission, die sich seit rund einem Jahr mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle an Minderjährigen durch katholische Priester im Bistum Münster beschäftigt. Auch die Akten zu Alfred Albeck und von Theo Wehren liegen seitdem auf den Schreibtischen der Geschichtswissenschaftler.

Beide Fälle, so sagt es der Historiker Bernhard Frings, seien „relativ prominent“.

Zur Erinnerung: Im März 2019 war bekannt geworden, dass Alfred Albeck in mehreren gleichlautenden anonymen Briefen des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird. Albeck, der 2002 gestorben ist, war von 1961 bis 1964 Kaplan in St. Konrad in Werne und von 1973 bis 1984 Pfarrer in der Gemeinde St. Mauritius in Nordkirchen. Gegen den ebenfalls bereits verstorbenen Theo Wehren wurden im Juni 2019 Missbrauchsvorwürfe bekannt: Er war bis 1969 Kaplan in der Gemeinde St. Josef in Selm.

Die Recherchen der Historiker in beiden Fällen, so sagt es Bernhard Frings im Gespräch mit der Redaktion, seien noch nicht abgeschlossen. Aber natürlich habe man sich die vom Bistum zur Verfügung gestellten Personalakten schon eingehend angeschaut. Das Problem: Diese sind als Quelle in der Regel „nicht so ergiebig“. Oft seien in den Akten Beschuldigungen nicht vermerkt.

So schien es auch im Fall Albeck zunächst: In der vom Bistum veröffentlichten Pressemitteilung hieß es im März 2019: „Weder zu seinen Lebzeiten gab es Hinweise noch ergeben sich solche aus seiner Personalakte auf einen sexuellen Missbrauch.“ Ein Satz, der bei einem Betroffenen, der sich an die Redaktion gewandt hatte, gelinde gesagt komisch ankam. Er habe das Bistum schon 2010 informiert, dass er von Pfarrer Albeck als minderjähriger Junge missbraucht worden sei, sagte er im Gespräch mit der Redaktion und konnte sogar einen ausführlichen Schriftverkehr vorlegen, der eigentlich keinen Zweifel an seiner „Anzeige“ ließ. Beim Bistum, so die Antwort auf die Presseanfrage, wusste man davon nichts. Ein weiterer Betroffener gab außerdem an, das Bistum schon 1993 – da lebte der beschuldigte Pfarrer noch – mit Missbrauchsvorwürfen von Albeck konfrontiert zu haben.

„Dass dazu nichts vorliegt, stimmt so nicht“

Ein kleiner Erfolg für die Opfer ist es entsprechend vielleicht, dass das Forscherteam hier mittlerweile einen Schritt weiter ist. „Dass dazu nichts vorliegt, stimmt so nicht“, erklärt Bernhard Frings. Fragen bleiben trotzdem viele. Hat im Bistum jemand geholfen, den „Mitbruder“ zu schützen, die Vorfälle zu vertuschen? Was war tatsächlich bekannt? Wie schuldig haben sich neben dem Pfarrer auch mögliche Mitwisser gemacht?

Auf diese Fragen haben die Historiker im Fall von Alfred Albeck noch keine Antwort. Auch in dem von Theo Wehren nicht. In diesem Fall ist besonders schockierend, dass sich in der Personalakte des Bistums zu Theo Wehren die Abschrift eines rechtskräftigen Urteils des Amtsgerichts Bocholt vom November 1976 findet. „Darin war der Pfarrers wegen mehrerer sexueller Handlungen an Minderjährigen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr – auf Bewährung – verurteilt worden. Das Bistum hatte ihm damals die Beratung durch einen Therapeuten empfohlen “, erklärte das Bistum 2019 dazu in einer Pressemittelung.

Nach Missbrauchs-Urteil weiter in der Seelsorge tätig

Das Urteil hat die Verantwortlichen aber offensichtlich nicht gehindert, den Priester weiter in der Seelsorge einzusetzen. Ihm die Arbeit mit Kindern zu erlauben. Nach 1976 war er noch bis zu seiner Emeritierung 2006 als Pfarrer in Bocholt-Barlo tätig, wo er noch bis zu seinem Tod lebte.

Auflage des Bistums war nach dem Urteil gegen Wehren zwar, dass er eine Therapie machen sollte. Nur: „Es ist nicht mehr nachvollziehbar, ob, wie lang oder wie intensiv er sich in Therapie begeben hat“, erklärt Bernhard Frings. Fakt ist, dass er weiter vornehmlich in der Jugendarbeit tätig war. In Bocholt-Barlo war sogar ein Spielplatz nach ihm benannt worden, wie die Westfälischen Nachrichten berichten.

Möglichen Vertuschungen oder Beschützern auf die Spur zu kommen, so sagt Bernhard, sei mit den vorliegenden Quellen sehr schwer. Dass dazu etwas schriftlich niedergeschrieben steht, sei sehr, sehr selten. Gerade deshalb arbeitet das Forscherteam nicht ausschließlich mit Akten und Aufzeichnungen, sondern auch zusammen mit den Betroffenen. Durch zumeist telefonisch geführte Interviews versuchen sie, weitere Informationen zu den Fällen zu sammeln.

Kommission arbeitet unabhängig

Die wissenschaftliche Untersuchung, an der das Team arbeitet, ist zwar finanziell gefördert vom Bistum Münster. Die Forscher arbeiten aber, so betonen sie es, unabhängig.

„Es ist in unserem Interesse, die schrecklichen Taten des Missbrauchs von einer vollkommen unabhängigen Institution aufarbeiten zu lassen. Der Wunsch der Betroffenen nach Aufklärung ist mehr als nachvollziehbar“, erklärt so der Generalvikar des Bistums Dr. Klaus Winterkamp. Etwas, das auch Projektleiter Prof. Dr. Thomas Großbölting wichtig ist. „Wenn ich auch nur den Hauch eines Zweifels an der Unabhängigkeit meines Teams hätte, hätte ich dieses Projekt nicht angenommen“, so Thomas Großbölting, der Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Uni Münster ist. „Mit Blick auf die Täter werden wir Ross und Reiter nennen“, sagt er weiter.

Anschuldigungen gegen 200 Priester

Es gebe, so erklärt es Bernhard Frings, zwei Schwerpunkte bei den Untersuchungen: einmal die quantitative Erhebung der Fälle und einmal die qualitative Untersuchung. Die Zahlen zu Punkt eins sprechen Bände: Gegen rund 200 Priester gab es zwischen 1945 und 2018 Beschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs. „Die Analyse einer Stichprobe von bisher 49 Beschuldigten ergab 82 Betroffene, die zu 90 Prozent männlich und zum Zeitpunkt des ersten erfahrenen Übergriffs durchschnittlich elf Jahre alt waren“, heißt es in einer Pressemitteilung der Uni Münster zu ersten Ergebnissen der Arbeit der Kommission. In vielen Fällen, so heißt es dort, waren die Beschuldigten Wiederholungs- und Langzeittäter.

Etwas, das nach den bisherigen Erkenntnissen wohl auch für Pfarrer Albeck gilt, wie Bernhard Brings bestätigt. Mit zwei Betroffenen habe es in diesem Fall schon Interviews gegeben. Es sei aber so, dass die Forscher nicht aktiv auf die Betroffenen zugehen – um eine Retraumatisierung zu vermeiden, wie Frings erklärt. Wenn Opfer etwas zu den Fällen sagen wollen, müssen sie sich an die Teammitglieder wenden. Das geht per Mail an missbrauchsstudie@uni-muenster.de oder telefonisch unter Tel. (0251) 83-24337.

„In beiden Fällen“, so erklärt es Bernhard Frings in Bezug auf Alfred Albeck und Theo Wehren, „sind die die Recherchen noch nicht abgeschlossen.“ Es gebe immer wieder Zufallsfunde, neue Erkenntnisse durch Gespräche. Dass alle Fälle aufgeklärt werden und durch die Recherchen nachvollziehbar wird, wie das alles passieren konnte, sei eher unwahrscheinlich.

Über die Autorin
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Ich mag Geschichten. Lieber als die historischen und fiktionalen sind mir dabei noch die aktuellen und echten. Deshalb bin ich seit 2009 im Lokaljournalismus zu Hause.
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Marie Rademacher

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