„Party-Porsche“: Mit 29 ins Kloster, mit 43 wieder raus – und nun?

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Seine Freunde nannten ihn „Party-Porsche“. Doch mit 29 ging Marcus Porsche ins Kloster. 13 Jahre später trat er wieder aus. Seine Geschichte zeigt, wie ein neues Leben beginnen kann. Zwei Mal.

Nordkirchen

, 19.05.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 7 min

Einatmen. Ausatmen.

Marcus Porsche hält einen Pfeil in der einen und einen Bogen in der anderen Hand. Um ihn herum ist nichts außer Wiese, Bäumen und der Herbstsonne. Die Vögel zwitschern. Er hebt den Bogen, fixiert die Zielscheibe, die etwa 50 Meter entfernt von ihm steht. Er spannt den Bogen an, die Konzentration ist spürbar. Langsam und laut inhaliert er die Luft in seine Lunge.

Er lässt los. Der Pfeil zischt in Sekundenschnelle durch die Luft und bohrt sich in die Zielscheibe. Marcus Porsche atmet aus. Die Anspannung löst sichtbar aus seinem Körper, seine Gesichtszüge entspannen sich, er lächelt. Wo genau der Pfeil in der Zielscheibe gelandet ist, spielt keine Rolle. Direkt in der Mitte. Weit außen. Egal. Er schaut es sich nicht an.

Das Leben verläuft nicht wie ein Pfeil

Das, was, Marcus Porsche - 43 Jahre alt, blonde Haare, angenehm tiefe Stimme, offenes Lächeln und ein großes blaues Kreuz um den Hals - da auf dem Benediktshof in Münster tut, nennt sich meditatives Bogenschießen. Es geht nicht darum, in möglichst wenig Zeit besonders viele Treffer zu landen. Sondern, so erklärt es Porsche, in sich hineinzufühlen.

Dieser Artikel erschien zuerst am 2. November 2018. Marcus Porsche arbeitet inzwischen als Pastoralreferent in Nordkirchen.

Etwas zu spüren in diesem Spannungsfeld zwischen Anspannung und Entspannung. Das meditative Bogenschießen ist Teil einer Zusatzausbildung zur Geistlichen Begleitung, die er gerade absolviert. „Es ist in der Tat ein Medium, womit man Leute begleiten kann“, sagt Marcus Porsche. Wie jemand den Pfeil anfasst, wie er ihn abschießt, das sagt etwas über diesen Menschen aus, erklärt Porsche.

Bogenschießen als Metapher für das Leben. Das klingt gut. Jeder ist der Bogenschütze seines Lebens. Zieht den Pfeil aus seiner Tasche, hat das Ziel, also die Zielscheibe, fest im Blick, zielt - und weiß dann sofort, ob der Treffer saß. Das wäre so schön einfach.

Nicht alle Pfeile landeten in der Mitte. Macht aber nichts.

Nicht alle Pfeile landeten in der Mitte. Macht aber nichts. © Sabine Geschwinder

Und doch läuft das mit dem Leben so ganz anders als mit dem Bogenschießen. Der Pfeil zischt nicht in sekundenschnelle ins Ziel. Alles dauert viel länger. Und während der Pfeil beim Bogenschießen einen geraden Verlauf nimmt, schlägt der Pfeil des Lebens doch eher Haken wie ein Kaninchen auf einem Kohlfeld.

Marcus mit Anfang 20 - Sex, Drugs und Rock‘n‘Roll

Marcus Porsche kennt sich aus mit den Pfeilen, die unliebsame Haken schlagen. Mit verschiedenen Versionen seiner selbst, die eigentlich immer nur eins darstellen: den Versuch, sich selbst zu finden.

Der Glaube spielte dabei von Anfang an eine nicht unwesentliche Rolle. Vor 43 Jahren wurde er in Hoyerswerda in Sachsen geboren. Katholisch erzogen in einer Zeit und an einem Ort, wo Atheismus die Volksreligion war und wo die Stasi lieber noch mal genau hingeschaut hat, wenn jemand wirklich meinte, er müsse eine Religion haben. Er und seine Mutter machen sogar ein Geheimzeichen aus. Unterschreibt sie einen Brief mit Rg - für Regina - ist alles in Ordnung. Unterschreibt sie mit R., weiß Marcus, dass die Stasi sie gezwungen hat, den Brief zu schreiben. Zum Glück muss sie niemals mit R. unterschreiben.

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Er geht zur Kirche, macht mit bei Messdienerfahrten. Dann geht es zum Studium nach Dresden, Wirtschaftsingenieurwesen. Keine Herzensangelegenheit, sondern eine spontane Idee. Wer Marcus in dieser Zeit, mit Anfang 20, kennenlernt, erlebt einen jungen Mann, der nicht so viel mit Kirche, dafür aber umso mehr mit Partys - vor allen Dingen Techno-Partys - zu tun hat. Seine Freunde nennen ihn „Party-Porsche.“ „Sex, Drugs und Rock‘n‘Roll, das war in der Zeit drin für mich“, sagt er heute. In dieser Zeit war er irgendwie rastlos, „ich habe das Glück gesucht und nicht gefunden“ , sagt er.

Irgendwann hat er diesen Traum. Er ist in einem Techno-Schuppen, dröhnende Musik, wummernde Bässe und da sind all diese hübschen Mädels. Sie sagen ihm: „Wir lieben dich nicht.“

Er geht weniger auf Partys und nimmt öfter an den Veranstaltungen der Studentengemeinde teil. Statt ein bisschen Kirche und viele Partys, verschiebt sich alles. Mehr Glaube, weniger Partys.

Marcus mit 27: Der Weg ins Kloster

Als er sein Studium abgeschlossen hat, geht er für einen Monat in ein Jesuitenkloster nach Berlin, um Exerzitien abzuhalten. Das bedeutet, zu meditieren und zu schweigen, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Kein Wort zu den anderen Menschen im Kloster. Nur eine Stunde am Tag darf er mit einem betreuende Begleiter sprechen, der dabei hilft, die eigenen Gedanken und Gefühle zu ordnen. Marcus schweigt, meditiert, denkt und spürt nach und macht sich Notizen über seine Gedanken.

Tagelang geht das so. Schweigen, denken, notieren. Bis zu Tag 12. An diesem Tag ist etwas anders, so sagt er es. Da ist plötzlich dieses Gefühl, diese Zuversicht. Dass Gott für ihn da ist und dass er ihn berufen hat.

Marcus Porsche ist der neue Pastoralreferent für Nordkirchen.

Marcus Porsche ist der neue Pastoralreferent für Nordkirchen. © Sabine Geschwinder

„An diesem Tag sind keine Wunder passiert“, erklärt Marcus Porsche. Er saß in seiner Kammer im Kloster, machte sich Notizen am Schreibtisch und dann war da dieser Gedanke, dass alles klar ist. Das hört sich sehr unkonkret an. Aber Marcus Porsche hat dieses Talent, unkonkrete Dinge ins Konkrete zu holen: „Das ist wie bei einer Beziehung“, sagt er, „wenn man den anderen anschaut, und das erste Mal merkt, da könnte etwas gehen.“ So war das bei ihm und Gott an diesem Tag. Ein Abchecken.

Eine Beziehung mit Gott, sagt Marcus Porsche, das ist wie bei einer richtigen Beziehung - eine stetige Annäherung. Die Beziehung muss gepflegt werden, mal ein bisschen flirten reicht nicht, „der ist nicht so einfach zu haben“, sagt Porsche und lacht.

Mit Gott ist es nicht sofort etwas „Ernstes“

Dennoch wird es zwischen ihm und Gott nicht sofort etwas Ernsthaftes, wie man in Beziehungssprech sagen würde, es bahnt sich an. Marcus Porsche macht sich so seine Gedanken. Geht er ins Kloster, muss er Gelübde ablegen. Armut, Gehorsamkeit, kein Problem. „Aber wie kann man auf Sex verzichten und haben die überhaupt einen Fernseher?“ Diese Frage hat er sich bereits als Student gestellt, jetzt ist da noch eine weitere drängende Frage hinzugekommen: Kann er für seine Berufung seine Freundin verlassen? Seit zwei Jahren sind sie zusammen, sie haben sich auf der Love Parade in Berlin kennengelernt.

Marcus schlägt die Bibel auf. Dort steht irgendwas von Liebe und Beziehungen. Da weiß er: Gott lässt ihn erst mal vom Haken. Er glaubt, Gott hat ihm diese Botschaft geschickt. Alles ein Zufall? Für Marcus Porsche ausgeschlossen. „An Zufall glaub ich nur bei der Kellertür“, sagt er.

So zieht Marcus erst mal mit seiner Freundin nach Bonn, studiert Theologie und macht eine Ausbildung zum Diakon. Anderthalbjahrelang lässt „ihn Gott vom Haken“. Er lebt in seine Beziehung, merkt aber, dass sie Stück für Stück zerbricht, es ist nicht mehr wie am Anfang. Das Paar wird sich fremd. Dafür wird die Beziehung zu Gott immer enger, der Ruf immer klarer. Der Pfeil steuert immer zielstrebiger in die Richtung, die er schon vor längerer Zeit ganz vorsichtig angesteuert hatte.

Marcus mit Ende 20: Der Gang ins Kloster

So tritt Marcus mit 29 Jahren ins Kloster ein. Er entscheidet sich für die Canisianer in Münster. Eine Gemeinschaft, die 1894 gegründet wurde und deren Brüder in verschiedenen sozialen und pastoralen Berufsfeldern arbeiten, zum Beispiel als Altenpfleger oder Pastoralreferenten.

Im Kloster ist er zehn Jahre lang der Jüngste, „doch es kommen immer mal wieder welche nach“, sagt er.

In Deutschland gibt es laut der Deutschen Ordensoberenkonferenz (DOK) etwa 15.000 Ordensfrauen und 3800 Ordensmänner – Tendenz stark sinkend.

Nur knapp die Hälfte aller Ordensmänner ist unter 65 Jahre alt – bei den Frauen sind es sogar nur 16 Prozent. „Es ist schmerzlich und ein Verlust für unsere Gesellschaft, dass viele Orden große Nachwuchsprobleme haben“, sagte der Münsteraner Bischof Felix Genn jüngst der Deutschen Presseagentur.

Die Sicherheit gibt ihm Halt

So sind Menschen wie Marcus, die ihren Ruf hören und auch bereit sind, ihm zu folgen, für die Klöster eine Bereicherung. Marcus mag das Kloster, die Sicherheit, die es ihm geben kann und auch seine Mitbrüder. Wenn er einmal alt ist, weiß er, sie werden ihn pflegen. Er kann mit Gott ins Gespräch kommen und Zwiegespräche mit sich selbst führen.

Das Kloster hätte die letzte Station auf Marcus‘ Weg zu sich selbst sein sollen. Eigentlich. Das Kloster, das bedeutet aber auch strikte Regeln, streng geregelte Tagesabläufe. Brüderlichkeit, aber eben nicht die Liebe, die es zwischen Liebenden geben kann.

Bogenschießen ist der Wechsel von Anspannung un Entspannung.

Bogenschießen ist der Wechsel von Anspannung un Entspannung. © Sabine Geschwinder

Marcus betet immer wieder Psalme an einen alttestamentarischen strengen Gott. Was ihm früher gut tat, bedrückt ihn immer mehr. Mit den Jahren spürt er eine Unzufriedenheit. „Ich fühlte mich nicht mehr so zugehörig“, sagt er, „und das zog sich über Jahre.“

Als er 2012 in Münster eine Stelle zum Pastoralreferenten annimmt, spürt er auch eine Sehnsucht. Nach da draußen. Nach der Liebe. Einfach mal die Liebe und körperliche Nähe erfahren. Zum Beispiel von ihr. Der Frau, in die er sich schließlich verliebt. Er geht mit sich ins Zwiegespräch. Ringt mit sich. Soll er alles aufgeben? Noch mal?

Marcus mit Anfang 40: Anfangen bei Null

Juni 2018. Marcus Porsche steht mit klopfendem Herzen vor der Tür des Ordensoberhauptes. Er wird es ihm gleich sagen, dass er den Orden verlässt und in einer Beziehung leben will. Denn lügen kommt nicht infrage, etwas verstecken auch nicht. Er will seine Berufung lieber an anderer Stelle fortsetzen. Seine Brüder reagieren verständnisvoll sagt er, helfen ihm, sich auf sein neues Leben vorzubereiten.

Er braucht eine Wohnung, ein Auto, einen neuen Job. All die Dinge, über die er sich im Kloster keine Gedanken machen musste.

„Ich stehe dazu, dass ich in der katholischen Kirche bin“, sagt Marcus Porsche, dennoch: Porsche würde sich doch wünschen, dass die Kirche etwas offener würde. „Unsere Gesellschaft ist bunter geworden, ich glaube, dass die Kirche darauf reagieren muss“, sagt er. Statt striktem Zölibat, wünscht er sich Freiwilligkeit.

„Es gibt genug Männer, die leben für ihren Job“, erklärt er. Aber eben nicht alle. „Letztlich muss man dafür gemacht sein und das auch wollen. Bei mir ging das 13 Jahre lang, jetzt aber nicht mehr.“ Dennoch war es nicht allein sein Bedürfnis nach einer Beziehung, das ihn dazu brachte, aus dem Kloster auszutreten. „Ich habe mich dazu entschieden, Marcus zu werden“, sagt Marcus Porsche.

Marcus Porsche ist gerade in seine Wohnung in Nordkirchen gezogen, ein gebrauchtes Auto hat er gekauft und angemeldet. Am ersten Novemberwochenende stellt er sich der St.-Mauritius-Gemeinde Nordkirchen als neuer Pastoralreferent vor.

Eine weitere 50-Prozent-Stelle hat er als geistlicher Beistand beim Katholischen Sportverband DJK in Münster, wo auch seine Freundin lebt. Marcus Porsche will ein Ansprechpartner sein für alle Menschen in Nordkirchen, vielleicht auch für die Studentinnen und Studenten an der Fachhochschule für Finanzen. Er freut sich schon auf die Begegnungen mit den Menschen in Nordkirchen. Zum Beispiel bei Hausbesuchen und Beerdigungen, da komme man gut in Kontakt.

Der Weg des Pfeils

Marcus Porsche sagt, das war alles anstrengend. Doch er fühlt sich gut. Ob er auch in Zukunft die richtigen Entscheidungen treffen wird, wenn der Pfeil wieder einen Haken schlägt. Er kann es nicht mit hundertprozentiger Gewissheit sagen.

Doch er hat einen Tipp für Menschen, die vor einer schwierigen Entscheidung stehen: „Ich würde raten, die Realität wahrzunehmen.“ Was sagen die Gefühle? Was sagt der Kopf? „Und dann zu schauen, wo will ich hin, was soll man bei meiner Beerdigung über mich sagen?“ Diese Antwort gilt es dann zu prüfen, mit einem vertrauten Gesprächspartner oder auch einem geistlichen Beistand, rät Marcus Porsche.

Was am Ende über ihn gesagt werden soll, dafür hat Marcus Porsche einen Vorschlag:

„Er war ein Suchender. Ein Liebender. Immer auf der Suche nach mehr Leben und Liebe - nicht nur für sich, sondern auch für andere.“

Angst dagegen ist ein schlechter Ratgeber, sagt Marcus Porsche. „Wo es langgeht, das sagt mein Herz“, sagt Marcus Porsche. Denn das Herz ist der Pfeil. Ein hakenschlagendes, unberechenbares Herz.

Das ist ein Pastoralreferent:
  • Pastoralreferenten arbeiten im seelsorgerischen Bereich in der katholischen Kirche und haben in der Regel ein abgeschlossenes Theologiestudium. Sie übernehmen Aufgaben wie zum Beispiel Firm- und Kommunionvorbereitung oder Öffentlichkeitsarbeit.
  • Laut Zahlen des Berufsverbands der Pastoralrefenten Deutschlands e.V. aus dem vergangenen Jahr gibt es in Deutschland 3043 Pastoralreferenten und Pastoralreferentinnen in den deutschen Diozösen. Darunter sind im Durchschnitt 42,1 Prozent Frauen.
  • Marcus Porsche stellt sich am ersten November-Wochenende der Gemeinde als neuer Pastoralreferent vor. Seine Stelle ist eine 50-Prozent-Stelle.
  • Neben ihm verfügt die St.-Mauritius-Gemeinde noch über eine weitere Stelle dieser Art: Sabine Milde ist bereits in der Gemeinde als Pastoralreferentin tätigt.
  • Weitere Informationen: www.stmauritius.de/seelsorger/
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