Supermarkt-Neubau in Capelle sorgt für Kritik und hitzige Diskussionen

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Edeka Jehle wird 2021 schließen und die Gemeinde schlägt einen Supermarkt-Neubau vor. Am Vorgehen der Verwaltung haben die Grünen jetzt Kritik geäußert. Und sorgen für hitzige Diskussionen.

Capelle

, 20.06.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Nachricht von Bianca und Ulrich Jehle, ihren kleinen Supermarkt 2021 für immer schließen zu wollen, ist in Capelle eingeschlagen, wie ein mittelgroßer Meteorit. Edeka Jehle - das ist eine Institution in Capelle. Ein Stück Unabhängigkeit, Gemeinschaftsgefühl - zusammengefasst: das, was den kleinsten Nordkirchener Ortsteil im Kern ausmacht. Hier trifft man sich samstags zum Brötchenholen, unter der Woche zum Einkauf, unterhält sich nebenbei. Man kennt Familie Jehle und einander.

Nebenbei ist dieser 140 Quadratmeter kleine Supermarkt seit Jahrzehnten auch als Versorger für das Dorf unersetzbar. Capelle ohne Edeka Jehle. Das schüttelt das Dorf nicht einfach mit einem Schulterzucken ab, das hinterlässt eine Lücke, einen Krater.

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Das war auch der Gemeinde seit Längerem bewusst. Denn ganz pragmatisch gedacht, ist es in Capelle gerade für ältere oder weniger mobile Menschen ganz ohne Lebensmittelversorger vor Ort nicht einfach, einkaufen zu gehen. Mit dem Auto in den Nordkirchener Mühlenpark - das ist kein Problem. Ein Wocheneinkauf mit dem Fahrrad: Das geht vielleicht, wenn man fit ist.

Seit Sommer 2019 wusste die Verwaltung von den Plänen der Inhaberin Bianca Jehle, ihr Geschäft schließen zu wollen. Für Bürgermeister Dietmar Bergmann und Wirtschaftsförderer Manuel Lachmann war es der Startschuss für die Suche nach einer Nachfolgelösung, die letztlich dafür sorgte, dass zwei Einzelhandelsketten ernstes Interesse bekundet haben, einen Markt in Capelle zu eröffnen.

Es gab seit August 2019, also seit zehn Monaten, keine Ausschusssitzung zur Versorgungssituation in Capelle, keine Gespräche mit den Capellern.“
Urlich Stüeken

Alles gut also für Capelle? Nicht ganz, findet zumindest der Nordkirchener Ortsverein der Grünen. In einer Stellungnahme, die in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht wurde, kritisierte Ulrich Stüeken, Vorsitzender des Ortsvereins, das Vorgehen der Verwaltung. Stüeken wirft der Verwaltung darin vor, aus der Nachricht, dass Familie Jehle ihr Geschäft schließen wollen, „eine Art Geheimnis“ gemacht zu haben. „Es gab seit August 2019, also seit zehn Monaten, keine Ausschusssitzung zur Versorgungssituation in Capelle, keine Gespräche mit den Capellern, keinen runden Tisch, kein Bürgerforum, nichts“, schreibt Stüeken weiter.

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Hätte die Verwaltung mit den Plänen von Familie Jehle an die Öffentlichkeit gehen sollen? Hätte sie die möglichen Varianten, wie die Lebensmittelversorgung in Capelle gesichert werden könnte, gemeinsam mit den Capellern diskutieren müssen, anstatt mit dem Supermarkt-Neubau eine fertige Lösung „aus dem Hut zu zaubern“, wie es Uta Spräner, Ratsmitglied der Grünen, auch im vergangenen Ausschuss für Bauen und Planung nannte?

Dass die Verwaltung auf diese Fragen mit „Nein“ antwortete, mag nicht überraschen. Bürgermeister Dietmar Bergmann verwies in der Sitzung auf die Bitte der Jehles, die Nachricht über die geplante Schließung erst dann publik zu machen, wenn eine Nachfolge vorbereitet ist. Immerhin hängt hier bis 2021 das Geschäft und damit die Lebensgrundlage der Familie daran, dass die Capeller weiter dort einkaufen gehen. Nichts wäre in dieser Situation schlechter gewesen, als unbestätigte Vermutungen und Dorfgespräche rund um die Aussage: „Jehle macht zu.“ So das Argument der Gemeinde.

Bauamtsleiter Josef Klaas wies darüber hinaus den Vorwurf zurück, die Gemeinde habe andere Standorte nicht ausreichend geprüft. „Wir haben den Betreibern einen Standort an der Werner Straße vorgeschlagen, der war aber schlicht nicht attraktiv“, machte Klaas deutlich. Eine von der Größe her geeignete Fläche für den Supermarkt direkt im Ortskern wäre sonst nur der Dorfpark gewesen, so Klaas.

Dann wäre da noch die ehemalige Gaststätte Mersch: Die befindet sich in privatem Besitz und kommt nicht in Frage, „weil die Eigentümer uns deutlich gemacht haben, dass sie an einem Verkauf nicht interessiert sind“, so Klaas.

Darüber hinaus sei jetzt die Möglichkeit für die Politik, den Vorschlag der Verwaltung zu diskutieren und ihn abzulehnen, wenn er in dieser Form nicht gewünscht sei, antwortete Klaas auf den in der Stellungnahme der Grünen geäußerten Vorwurf.

Auf dieser Fläche an der Bahnhofstraße soll der neue Lebensmittelmarkt gebaut werden.

Auf dieser Fläche an der Bahnhofstraße soll der neue Lebensmittelmarkt gebaut werden. © Karim Laouari

Die Diskussion zwischen den Fraktionen zeigte im Anschluss, in welche Richtung es in Capelle gehen wird. Sowohl die CDU, als auch die SPD sprachen sich deutlich für den Markt-Neubau aus. „Es ist sehr schade, dass Familie Jehle aufhört und man kann ihnen nur einen großen Dank aussprechen“, sagte Thomas Quante für die CDU-Fraktion. Der neue Supermarkt sei eine „sehr sehr gute Alternative für Capelle“.

Wenig Verständnis für die Kritik der Grünen äußerte Gereon Stierl, Fraktionsvorsitzender der SPD. „Hier geht es um die Existenzsicherung Capelles“, machte Stierl deutlich. Die Verwaltung habe alles richtig gemacht.

Dass Capelle einen Versorger vor Ort dringend braucht, hatte auch Ulrich Stüeken in seiner Stellungnahme deutlich gemacht. Seine Forderung ging dabei in mehr Mitbestimmung der Capeller Bürger bei der Lösungsfindung. Allerdings auch diese Forderung stieß vor allem bei den anwesenden Capeller Ausschussmitgliedern auf Unverständnis.

Planung geht weiter

Seit 2016 werde in Capelle am Dorfinnenentwicklungskonzept (Diek) gearbeitet, machte Lothar Steinhoff (SPD) deutlich. Beteiligt seien zu jeder Zeit die Capeller Bürger gewesen, so Steinhoff weiter. Hier hätte aber auch jeder andere mitdiskutieren und -gestalten können, so Steinhoff weiter.

Fest steht seit Donnerstag: Die Planung für den neuen Lebensmittelmarkt an der Bahnhofstraße wurde mehrheitlich beschlossen und wird somit weitergeführt. Bis der neue Markt eröffnet, will Bianca Jehle ihren Edeka weiter betreiben.

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