Über das Sterben nachzudenken, macht keinen Spaß. Wer sich aber trotzdem ein Herz nimmt und an einem Letzte-Hilfe-Kurs teilnimmt, kann Ängste überwinden - und viele Fragen für sich klären.

Olfen

, 25.02.2019, 05:01 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ist heute ein guter Tag, um über das Sterben zu reden?

Es ist jedenfalls ein kalter, nasser Tag im Januar, an dem ich mich auf den Weg ins Haus Katharina in Olfen mache. In einem kleinen Raum mit Glasfenstern sitze ich an diesem Samstagnachmittag und blicke mit acht weiteren Teilnehmern in den wolkenverhangenen Nachmittag. Die meisten Teilnehmer sind über 60, ich bin mit meinen 31 Jahren schon die Zweitjüngste, die jüngste Teilnehmerin ist mit 19 Jahren aber noch ein gutes Stück jünger.

Wir alle wollen an einem Kurs in Letzter-Hilfe teilzunehmen. Dass viele Menschen das zunächst für einen Schreibfehler halten, hatte mir Dr. Antje Münzenmaier, die Vorsitzende des Hospizvereins Selm, Olfen Nordkirchen, schon im Voraus erzählt. „Dabei ist es viel wahrscheinlicher, dass man Letzte Hilfe leisten muss, als dass man in die Verlegenheit kommt, Erste Hilfe zu leisten“, erklärt Münzenmaier. Das überrascht vielleicht zunächst. „Jeder, der einen Führerschein möchte, muss an einem Erste-Hilfe-Kurs teilnehmen, aber man kann an einer Hand abzählen, wie oft man das braucht.“ Bei der letzten Hilfe sehe das hingegen anders aus.

Alle haben Erfahrungen mit dem Tod

Alle Teilnehmer des Kurses haben ihre Erfahrungen mit dem Tod. Als Ehepartner, als Sohn oder Tochter, als Enkel oder Enkelin, als Freund oder Freundin oder auch als jemand, der im Pflegebereich tätig ist und sich deshalb besonders häufig mit dem Thema Tod auseinandersetzt. So wie die Altenpflegerin Bianca Krumminga und die ehemalige Intensivkrankenschwester Sigrid Dworaczyk. Beide sind Trauerbegleiterinnen beim Hospizverein Selm Olfen Nordkirchen und haben zudem die Weiterbildung für den Letzte-Hilfe-Kurs absolviert. Mittels einer Power-Point-Präsentation führen die beiden durch das Thema, erzählen nebenbei von ihren Erfahrungen und lassen auch den Teilnehmern Raum, um ihre Fragen zu stellen und von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten.

Ich zum Beispiel habe inzwischen keine Großeltern mehr. Die Art, wie sie gestorben sind, war sehr unterschiedlich, aber immer schmerzhaft. Bei meinem Opa Lorenz war ich zwei Jahre alt. Er ist sehr plötzlich gestorben. Nachts im Schlaf, also so, wie sich die meisten Menschen das wünschen. Laut einer Befragung des Deutschen- Hospiz und Palliativverbandes möchten 66 Prozent der Deutschen zu Hause sterben. Das zu ermöglichen, ist auch ein Anliegen des Letzte-Hilfe-Kurses. „Die Menschen wissen zu wenig über Sterbebegleitung“, sagt Dworaczyk. „Je mehr Menschen das kennen, desto mehr Menschen können auch zu Hause sterben.“ Es gehe darum, das Wissen und die Kompetenz nicht auf das Krankenhaus zu verlagern, sondern sie zurück in die Familien zu holen.

Was man bei einem Letzte-Hilfe-Kurs über Leben und Sterben lernt

Bianca Krumminga mit Schokolade und Eierlikör. Auch diese Kleinigkeiten können Sterbenden auf ihrem letzten Weg begleiten. © Sabine Geschwinder

Ich kann mich an den Tod meines Opas nicht mehr erinnern. Aber von den Erzählungen meiner Eltern glaube ich, dass ich nicht wirklich verstanden habe, dass er nicht mehr wiederkommt.

Im Kurs lerne ich, dass man Kinder mit einbeziehen sollte. „Kinder kennen ihre eigenen Grenzen und ziehen sich zurück, wenn es ihnen zu viel wird“, sagt Bianca Krumminga. Außerdem sollte man ihnen die Möglichkeit geben, sich zu verabschieden - sie also fragen, ob sie mit zur Beerdigung wollen. Falls nicht, sei das auch okay. Raum für Gefühle zu lassen und die täglichen Routinen aufrechtzuerhalten, auch das ist wichtig, erklärt Bianca Krumminga.

Bei meinem anderen Großvater, Anton, war ich 19, als er starb. Er hatte Krebs und war zum Ende hin abgemagert und nicht mehr ansprechbar, wegen des Morphiums, das er gegen die Schmerzen bekommen hat. Einen Tag nachdem er vom Krankenhaus ins Hospiz gebracht worden ist, ist er gestorben. Ich habe mich damals sehr hilflos gefühlt, weil ich nichts tun konnte. Außer weinen. Im Kurs lerne ich vier Strategien des Umsorgens: da sein, Nähe spenden (zum Beispiel durch das Halten der Hand oder eine Umarmung, wenn der Betroffene das will). Medikamente zur Schmerzlinderung. Bleiben und aushalten. Das hört sich einfach an, ist aber doch viel.

„Bis zum letzten Atemzug“

„Wenn man weiß, was auf einen zukommt, geht man ganz anders damit um“, sagt Antje Münzenmaier. Eine Angst vor dem Umgang mit dem Thema Tod entstehe meistens durch Unsicherheit. „Und es ist ja letztlich für den Sterbenden von Vorteil, wenn das Umfeld eine gewisse Ruhe und Sicherheit ausstrahlt und sich dem nicht entzieht“, zählt die Ärztin einen Vorteil der Letzten Hilfe auf.

Schon der Gründer des Deutschen Roten Kreuzes, Henri Dunant, stand sterbenden bei. „Er kniete neben schwer Verwundeten, die ihn anflehten, an ihrer Seite zu bleiben, bis zum letzten Atemzug, damit sie nicht alleine sterben sollten“, heißt es in einem Bericht über eine Schlacht aus dem Jahr 1859, bei der Dunant als Sanitäter im Einsatz war. Diese Schilderungen inspirierten den Notfall- und Palliativmediziner Georg Bollig dazu, die Letzte Hilfe zu entwickeln.

Erstmals bot er den Kurs 2015 in Schleswig-Holstein an. Inzwischen gibt es die Kurse in verschiedenen deutschen Städten und auch im Ausland. Seit Oktober 2017 bietet der Hospizverein Selm, Olfen, Nordkirchen die Kurse in der Region an.

Die großen Fragen des Lebens

Während es bei der Ersten Hilfe darum geht, das Überleben des Betroffenen zu sichern, geht es bei der Letzten Hilfe darum, Schmerzen zu lindern und Lebensqualität zu erhalten. Im Kurs lernen die Teilnehmer unter anderem, was ein ambulanter Hospizdienst ist, was ein Palliativarzt macht und was das Palliativnetzwerk ist. Außerdem lernen sie etwas über Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten. Zumindest so kompakt, dass man grob weiß, worum es geht. „Wir raten dazu, die Verfügung auch mal mit uns im Hospizverein zu besprechen und nicht nur mit dem Anwalt“, sagt Sigrid Dworaczyk. „Wir können über den medizinischen Part aufklären.“

Was man bei einem Letzte-Hilfe-Kurs über Leben und Sterben lernt

Das Stäbchen ist mit einer Zitronenlösung getränkt. Es hilft, das Durstgefühl zu lindern © Sabine Geschwinder

Im praktischen Teil zeigen die Referentinnen, wie man durch ganz kleine Dinge den Prozess des Sterbens angenehmer gestalten kann: Alle Teilnehmer legen sich ein Stäbchen mit Zitronenlösung in den Mund. Die Stäbchen sind keine geschmackliche Offenbarung, sondern schmecken chemisch-zitronig. Die Stäbchen können aber helfen, das Durstgefühl des Sterbenden zu lindern. Eine andere praktische Hilfe: Für einen Patienten mit Schluckbeschwerden kann es schön sein, ein Stück Schokolade in einer Kompresse in den Mund zu bekommen. Die Schokolade löst sich langsam auf, die Kompresse nimmt man kaum wahr.

Vielleicht möchte der Sterbende aber auch lieber den Geschmack von Eierlikör oder ein letztes Mal Limonade. „Eigentlich ist alles erlaubt, was der Angehörige möchte“, sagt Bianca Krumminga. Was genau passieren wird - niemand kann es wissen. „Jeder stirbt zum ersten Mal“, sagt Sigrid Dworaczyk.

Es hilft aber, wenn man sich vorher folgende Fragen stellt:

  • Was ist mir wichtig?
  • Wer soll entscheiden? (Stichwort Vorsorgevollmacht)
  • Wo und wie will ich sterben? (Wer im Altenheim ist, kommt zum Beispiel nicht mehr ins Hospiz.)
  • Wann hat das Leben noch einen Sinn für mich? (Zum Beispiel, wenn ich im Wachkoma bin?)

Und um sich über diese Fragen Gedanken zu machen, dafür ist ein kalter, nasser Tag im Januar genauso gut oder schlecht wie jeder andere Tag im Jahr.

Die Serie „ Der letzte Weg: Sterben und Tod“ Mit unserer Serie „Der letzte Weg: Sterben und Tod“ wollen wir das Thema Tod aus der Tabuzone holen. Denn Sterben gehört zum Leben dazu. Grund genug, darüber offen zu sprechen.
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