Andauernder Stress und Leistungsdruck machten Susanne Bem irgendwann krank. Durch Yoga fand sie wieder zurück zu einem gesunden Leben. Jetzt gibt sie selbst in Nordkirchen Yogastunden.

Nordkirchen

, 06.03.2019, 12:17 Uhr / Lesedauer: 4 min

Was Susanne Bem (49) lange Zeit mit sich, mit ihrem Körper und ihrer Psyche gemacht hat, nennt sie mittlerweile „Raubbau am eigenen Körper“. Über einen langen Zeitraum war sie dauerhaft verspannt. Hatte Schmerzen. Nahm Schmerzmittel, um weiter zu funktionieren. „Ich bin jemand, der gerne und viel arbeitet und der das auch lange exzessiv gemacht hat“, erklärt die Drensteinfurterin.

„Ich hatte immer Nackenschmerzen, ich hatte immer Rückenschmerzen“, erinnert sich Bem, die im Öffentlichen Dienst arbeitet. Inzwischen betreibt sie auch ein Yoga-Studio in Nordkirchen. So geplant war das nicht. Es gehörte zu ihrer Natur, viel zu leisten, die eigenen Grenzen zu überwinden. Das sei mittlerweile Teil unserer Gesellschaft, sagt sie. Noch mehr zu leisten, noch besser zu werden, mit sich selbst niemals zufrieden zu sein.

Schlüsselerlebnis für Susanne Bem

Bei der 49-Jährigen ging dieser Anspruch bis zum Burnout, wegen dem sie in Behandlung ging. Susanne Bem erinnert sich noch an das Schlüsselerlebnis vor zwölf Jahren, das ihr deutlich machte, dass sie so nicht weitermachen kann: „Ich bin durch die Fußgängerzone gelaufen und habe diese Frau im Schaufenster gesehen, die so gebückt ging, als würde sie eine schwere Last mit sich herumtragen.“

Sie erschrak vor ihrem eigenen Spiegelbild.

„Ich dachte: ‚Das kann doch nicht ich sein‘“, erinnert sich Bem.

Nach diesem Erlebnis kam auch ein Bandscheibenvorfall hinzu, der die damals 37-Jährige quasi bewegungsunfähig machte und sie zu einer Auszeit zwang.

Schnell verbesserte sich ihr körperlicher Zustand

Bem machte eine Reha und kam dabei zum Yoga. Schnell erlebte sie wie sich ihr körperlicher Zustand verbesserte. Und das ist Yoga am Anfang auch: mehr eine körperliche als eine mentale Erfahrung, die auch erst einmal eine Umgewöhnung ist. Susanne Bem sagt zu den Teilnehmern ihrer Yogakurse gerade in den ersten Stunden, sie sollen sich auf einzelne Körperteile konzentrieren: „Spürt mal ganz bewusst eure Oberschenkel.“ Häufig sei die Reaktion darauf die Frage: „Wie denn?“

Susanne Bem zigt Redakteur Karim Laouari einige Yoga-Übungen.

Susanne Bem zigt Redakteur Karim Laouari einige Yoga-Übungen. © Jürgen Weitzel

Yoga habe viel mit Achtsamkeit, mit Gewaltlosigkeit zu tun, erklärt Bem. Gewaltlosigkeit bedeutet dabei auch, den eigenen Körper und Geist nicht über die natürlichen Grenzen hinaus zu belasten. Dafür muss man seinen Körper allerdings kennen und bewusst wahrnehmen.

Die Aufmerksamkeit wandert durch den gesamten Körper

Man könnte Yoga so zusammenfassen: Es beginnt beim Körper und endet beim Geist. Wer zum ersten Mal Yoga ausprobiert, merkt, wie sehr man sich konzentrieren muss, um Bewegung und Atmung gemeinsam bewusst zu steuern.

So wandert die Aufmerksamkeit während der Yogaübungen immer wieder durch den gesamten Körper. Es beginnt bei den Fußsohlen, mit denen die Teilnehmer die Yogamatte fühlen sollen, geht über die Beine, den Po, Rücken und Schultern bis in die Fingerspitzen.

Das Atmen, eine so selbstverständlich alltägliche wie lebenswichtige Sache wird auf einmal zur bewussten Übung, die nicht mehr nur von alleine abläuft, sondern synchron zu den Bewegungen, die der Körper macht. Dafür braucht es Aufmerksamkeit.

„Alleine, dass man sich wirklich nur auf sich konzentriert, ohne Handy, ohne Laptop und ohne andere Ablenkung, sorgt bei vielen schon ab der ersten Stunde für Entspannung.“
Susanne Bem, Yogalehrerin

Die Yogalehrerin sagt dazu aber auch: „Alleine, dass man sich wirklich nur auf sich konzentriert, ohne Handy, ohne Laptop und ohne andere Ablenkung, sorgt bei vielen schon ab der ersten Stunde für Entspannung.“

Einige ihrer Kursteilnehmer seien anfangs skeptisch, erklärt Bem. Und selbst in einer Atmosphäre der Entspannung würden einige Teilnehmer ihren Erfolgsdruck nicht ganz ablegen können. „Gerade Männer sind untereinander in einem ständigen Konkurrenzdruck“, sagt sie.

Yoga ist auch Psychologie

Sich selbst in solchen Momenten umzuerziehen sei auch für sie nach wie vor ein Thema. Auch nach Hunderten Stunden Yoga, davon über 500 als Yogalehrerin. Was sie ihrem früheren Ich aber mittlerweile voraus hat, ist, dass sie ihr eigenes Verhalten kenne und sich rechtzeitig bremsen könne. Yoga habe auch im Kern viel mit Psychologie zu tun, sagt Bem.

Yoga kann helfen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Yoga kann helfen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. © Jürgen Weitzel

„Dadurch, dass man in dieser Stunde ganz bei sich selbst ist, seine Bewegung, seinen Atem und auch seinen Geist in Einklang bringt, kommt das Gedankenkarrussell zum Ruhen“, erklärt die Yogalehrerin. Mit dem neuen Lebensweg, den sie nach ihrer Erkrankung einschlug, änderte Susanne Bem auch viele ihrer Verhaltensmuster. Sie ernähre sich zum Beispiel viel bewusster, sagt sie.

„Geist kommt eigentlich nie so richtig zur Ruhe“

„Wann hat man den das letzte Mal wirklich etwas bewusst gegessen und getrunken?“, fragt die 49-Jährige. „Wenn wir eine Sache machen, sind wir immer schon in Gedanken bei der nächsten Sache. Unser Geist kommt eigentlich nie so richtig zur Ruhe“, sagt Susanne Bem. Sie sieht darin ein gesellschaftliches Problem, das Erkrankungen wie Burn-out oder Depressionen fördere.

Dass Susanne Bem mit ihrer Erkrankung nicht alleine ist, zeigen auch statistische Zahlen. Das Statistik-Portal Statista hat die Anteile der zehn wichtigsten Krankheitsarten an den Arbeitsunfähigkeitstagen unter DAK-Versicherten in Deutschland in den Jahren 2011 bis 2017 zusammengetragen. Mit 16,7 Porzent gehörten psychische Erkrankungen zu den zweithäufigsten im Jahr 2017. 2011 waren es mit 13,4 Prozent nur die vierthäufigste Ursache.

Eine Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland des Robert-Koch-Instituts von 2013 kam zu dem Ergebnis, dass „Stress, Lärmbelastungen, Schlafstörungen und Burnout“ zu den Themen gehörten, die „Leben vieler Menschen in Deutschland mitbestimmen“. „Mehr als jeder Zehnte in Deutschland ist stark stressbelastet: Frauen geben mit 13,9 Prozent noch deutlich häufiger als Männer (8,2 Prozent) eine starke Belastung durch Stress an“, heißt es in der Studie.

Teufelskreis durchbrechen

So hätten Menschen mit einer starken Belastung durch chronischen Stress häufiger eine depressive Symptomatik, ein Burnout-Syndrom oder Schlafstörungen.

Susanne Bem habe das Yoga dabei geholfen, den Teufelskreis aus den Erwartungen an sich selbst, gesellschaftlichem Druck und Rast- und Ruhelosigkeit zu durchbrechen. Sie arbeitet noch immer in ihrem Beruf, betreibt das Yogastudio in der Orangerie am Schloss Nordkirchen gemeinsam mit Ulla Schwickert nebenbei. Was einerseits eine zusätzliche Arbeit ist, ist für die 49-Jährige ein Weg gewesen, Ballast von ihren Schultern zu werfen und sich neu auszurichten.

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