Zu wenig Unterricht: Jugendhilfe will im Sommer 2021 an Start gehen mit neuer Förderschule

mlzNeue Förderschule

Die Jugendhilfe Werne will nicht länger tatenlos zusehen. Weil Heimkinder häufig weniger Unterricht haben als vorgesehen, will sie selbst eine Schule gründen. Der grobe Zeitplan steht.

Olfen, Nordkirchen

, 30.01.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

250 Mädchen und Jungen betreut die Jugendhilfe Werne aktuell in rund 30 Gruppen in der stationären Jugendhilfe. In der Lippestadt Werne und auch im Kreis Coesfeld. Mehr als 25 Prozent - rund 60 Kinder - haben sonderpädagogischen Förderbedarf.

Doch genau an dieser Stelle gibt es ein großes Problem. Eine Umfrage der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) in ihren eigenen rund 140 Einrichtungen hat ergeben, dass zwölf Prozent der Kinder im vergangenen Jahr weniger als 15 Stunden pro Woche am Unterricht teilgenommen haben.

Jugendhilfe Werne will die Schulsituation nachhaltig verbessern

Eine Feststellung, die in der Tendenz auch auf die Mädchen und Jungen bei der Jugendhilfe zutrifft. „Es gibt eine Reihe von Kindern in unserer Einrichtung, die nicht entsprechend beschult werden können“, sagt Uwe Schenk, Geschäftsführer der Jugendhilfe Werne.

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Schenk geht es bei seiner Initative vor allem darum, den Kindern und Jugendlichen eine spätere Perspektive zu eröffnen. „Wenn sie nur kurz beschult werden, bekommen sie keinen Schulabschluss. Diese Situation wollen wir verbessern.“ Bereits im Februar will die Jugendhilfe Werne das formale Genehmigungsverfahren für die geplante neue Förderschule auf den Weg bringen.

Kreis Coesfeld winkt bei Nutzung der Lindgren-Schule ab

„Ziel ist es, im Sommer 2021 an den Start zu gehen“, sagt Uwe Schenk. Bis dahin bleibt aber noch viel zu tun. Aktuell verfügt die Jugendhilfe über kein geeignetes Gebäude für eine Förderschule. Die naheliegende Lösung - (Teil-)Übernahme der Astrid Lindgren Schule Lüdinghausen - hat sich bereits zerschlagen.

Abteilungsleiter Gregor Twilling, Geschäftsführer Uwe Schenk (St.-Christophorus-Jugendhilfe), Landrat Dr. Christian Schule Pellengahr und Dezernent Detlef Schütt (v.l.) streben nach Auskunft des Kreises Coesfeld eine "einvernehmliche Lösung" beim Thema Förderschule an. Doch schon beim Thema Schulgebäude kamen beide Seiten nicht auf einen Nenner.

Abteilungsleiter Gregor Twilling, Geschäftsführer Uwe Schenk (St.-Christophorus-Jugendhilfe), Landrat Dr. Christian Schule Pellengahr und Dezernent Detlef Schütt (v.l.) streben nach Auskunft des Kreises Coesfeld eine "einvernehmliche Lösung" beim Thema Förderschule an. Doch schon beim Thema Schulgebäude kamen beide Seiten nicht auf einen Nenner. © Kreis Coesfeld, Christoph Hüsing

Der Kreis Coesfeld hat nach Aussage von Uwe Schenk abgewunken. Das bedauert die Jugendhilfe ausdrücklich. „Lüdinghausen liegt zentral.“ Alternativ könnte sich der Geschäftsführer auch die Barbaraschule in Werne als Standort der neuen Förderschule vorstellen.

Aus Sicht von Schenk läuft alles darauf hin, dass die Jugendhilfe Werne eine oder mehrere Gebäude mietet. Betreut werden sollen in der neuen Schule Grundschüler und auch Schülerinnen und Schüler im Sekundarbereich.

„Eltern sind bei der Schulwahl frei in ihrer Entscheidung“

Da es sich um eine öffentliche Einrichtung handeln wird, können nicht ausschließlich Mädchen und Jungen aus den Wohngruppe die Schule besuchen. „Die Eltern sind frei in ihrer Entscheidung.“

Uwe Schenk geht deshalb davon aus, dass die Schulgründung Auswirkungen haben wird auf die bestehenden Förder- und auch die Regelschulen in der Region. Klipp und klar sagt der Geschäftsführer, dass „ich Bauchschmerzen habe, wenn ein Kind eine Stunde mit dem Bus zur Förderschule fahren muss.“

Genau das ist aber der Fall, nachdem der Kreis Coesfeld die Förderschule von Lüdinghausen nach Nottuln verlegt. Mit dieser unbefriedigenden Situation und und auch den Plänen der Jugendhilfe beschäftigt sich an diesem Freitag (31. Januar) eine Fachkonferenz in Werne.

Vertreter aus Selm, Olfen und Nordkirchen nehmen teil an Fachkonferenz

Ihre Teilnahme an dieser Konferenz haben nach Aussage von Uwe Schenk auch Vertreter der Städte Selm und Olfen sowie der Gemeinde Nordkirchen zugesagt. Sie soll auch eine Art „Zwischenstopp“ sein, bevor es mit Volldampf an die Schulgründung geht.

Die Jugendhilfe Werne hätte sich gut vorstellen können, das Gebäude der Astrid-Lindgren-Schule in Lüdinghausen zu nutzen. Der Kreis Coesfeld habe aber abgewunken.

Die Jugendhilfe Werne hätte sich gut vorstellen können, das Gebäude der Astrid-Lindgren-Schule in Lüdinghausen zu nutzen. Der Kreis Coesfeld habe aber abgewunken. © Thomas Aschwer (A)

Wie viel Dampf mittlerweile im Kessel beim Thema Förderschule ist, zeigt die jüngste Initiative der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. In einem Brief an NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) fordert die Diakonie RWL eine „Gesamtkonzeption zur Kooperation zwischen Jugendhilfe und insbesondere Förderschulen“.

Diakonie-Vorstand Christian Heine-Göttelmann kritisiert, dass „Schule die auffälligsten Schülerinnen und Schüler exkludiert.“ Dabei bekämen sie „zahlreiche Zusatzleistungen und Integrationshelfer“, um die Beschulung dieser stark geschädigten Kinder zu ermöglichen.

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