Als der Hahn von St. Vitus von einer Artillerie-Granate getroffen wurde

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Der Kirchturm von Olfen wurde 1945 beschossen – von deutscher Artillerie. Bei den Granatangriffen gab es auch Todesopfer. Ein Olfener erinnert sich.

Olfen

, 27.02.2019, 16:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist Ostermontag, als der Hahn auf der Spitze der St.-Vitus-Kirche zum ersten und einzigen Mal in seinem Dasein fliegt. An diesem Tag wird er nämlich von einer Granate getroffen. „Seit Ostermontag 1945 ist unsere Kirche des höchsten Schmuckes und der höchsten Zierde beraubt“, schreibt der damalige Pfarrer, Monsignore Gerhard Harrier, in Sütterlinschrift in die Pfarrchronik.

„Die neunte Armee kam auf dem Weg nach Lippstadt hier entlang“

Bernhard Wilms ist heute 84. Der Olfener ist gerade zehn Jahre alt, als die Amerikaner in den Ostertagen 1945 in die Stadt einmarschieren. Er kann sich noch genau an die Geschehnisse aus den Wochen des sogenannten „Ruhrkessels“ erinnern.

„Am 24. März waren die Alliierten bei Wesel über den Rhein gegangen. Auf dem Weg nach Lippstadt kam die neunte Armee dann hier entlang“, erzählt er.

Der Schüler Bernhard Wilms versteckt sich in diesem März bei Fliegerangriffen im Luftschutzbunker. „Den hatte mein Vater unter unserem Haus errichtet. Mit unserer Familie und zehn Nachbarn waren wir dann so ungefähr 20 Leute im Bunker.“

Für jeden Fliegeralarm gibt es damals strikte Regeln. Ein Polizist führt ein Luftschutztagebuch, das jeden Alarm, jede Uhrzeit genau wiedergibt. „Eigentlich fanden wir Kinder es spannend im Bunker“, erzählt Bernhard Wilms. Gegenüber liegt nämlich ein Kolonialwarenladen, und die Besitzerin bringt für die Kinder immer Süßigkeiten mit in den Bunker. „Und wir hatten dann oft schulfrei.“ Nachts können die Olfener am Himmel die Flammen sehen, in der Richtung, in der Dortmund liegt.

„Sie war ein nettes, hübsches, blondes Mädchen.“

Am Ostermontag sind es aber keine amerikanischen Fliegerbomben, die auf Olfen gerichtet sind. Es ist die deutsche Artillerie. Die eigenen Soldaten. „Die deutsche Wehrmacht war in Datteln stationiert. Und die wussten ja, dass Olfen von den Amerikanern besetzt war.“ Um die amerikanischen Truppen zu treffen, nehmen die deutschen Befehlshaber auch Opfer unter den eigenen Zivilisten in Kauf. „Wenn man darüber nachdenkt – das war ja ein völliger Irrsinn“, sagt Bernhard Wilms kopfschüttelnd.

Aus der Pfarrchronik von Gerhard Harrier: „Am Ostermontag, dem 2. April 1945, war ich nach einer schlaflosen Nacht gegen 5 Uhr aufgestanden und in den Garten gegangen. Aus der Richtung Datteln - Waltrop donnerten die Geschütze. Plötzlich merke ich, dass das Geschützfeuer sich auf Olfen richtet. Ich höre, wie die Granaten bald hier, bald dort einschlagen. Mit Windeseile laufe ich ins Haus. Alles ist schon auf den Beinen und sucht Deckung im Luftschutzkeller.“

Als der Hahn von St. Vitus von einer Artillerie-Granate getroffen wurde

„Am Ostermontag war ich nach einer schlaflosen Nacht gegen 5 Uhr aufgestanden und in den Garten gegangen“, schreibt der Pfarrer am 2. April 1945. © Martina Niehaus


Auch die Familie von Bernhard Wilms flieht wieder in den Bunker. Zwei Stunden lang dauert der Artilleriebeschuss. Vor allem die Kirche und die umliegenden Häuser werden beschossen. In einem anderen Bunker wird ein neunjähriges Mädchen getroffen. „Das war Irmgard Klüter, ich kannte sie aus der Schule. Ein nettes, hübsches blondes Mädchen. Sie ist gestorben“, sagt Bernhard Wilms. „Das war für uns alle ein großer Schock damals.“ Auch ein italienischer Soldat, so steht es in der Chronik, wurde verwundet und starb am nächsten Tag.

Aufzeichnungen des Stadtkämmerers

Bernhard Wilms hat auch noch eine weitere Quelle gefunden, die aus der damaligen Zeit berichtet. Der Stadtkämmerer Bernhard Kleimann schreibt in seinen Aufzeichnungen von einem „Aufblitzen und Dröhnen“.

Bernhard Kleimann: „Was geschah? - Deutsche Artillerie beschoss aus Richtung Datteln Wohnstätten, Kirchen, Krankenhäuser und Pfarrhäuser. Der Kirchturm wurde getroffen, der Hahn heruntergerissen. Die Vikarie wurde beschädigt, auf dem gegenüberliegenden Friedhof Denkmäler verwüstet. Viele Häuser erlitten schweren Schaden.“

Trümmer des Hahns flogen bis in ein Wohnzimmer

Wilms weiß heute, dass der Kirchturm aus einem ganz einfachen Grund beschossen wurde: „Er war von Datteln aus gut zu sehen, deshalb hat die Artillerie ihn als Ziel genommen.“ Am nächsten Morgen zeigt sich das Ausmaß der Zerstörung, wie der Pfarrer in der Chronik schildert.

„Eine Granate war oberhalb des Gewölbes quer durch die Mauern des Kirchturms gegangen, eine andere hatte einige Querbalken in und über dem Glockenturm beschädigt und eine letzte Granate hatte es abgesehen auf den harmlosen Hahn oben auf der Kirchturmspitze. Er muss einen gewaltigen Volltreffer bekommen haben, denn von der Höhe des Kirchturms hatte er einen letzten Sprung bis auf die Marktstraße gemacht. Bei Pieper im Wohnzimmer und bei Wulfert auf der Marktstraße hat man Teile von ihm wiedergefunden.“

Auch Bernhard Wilms weiß noch, wie Teile des Hahns in und um die Häuser herum verstreut waren. „Er ist bestimmt 150 Meter weit geflogen“, sagt er heute. „Wir haben in Olfen lange darüber geredet.“

Auch in den folgenden Tagen hat man in Olfen ständig Angst vor weiteren Angriffen der Artillerie. Als die Amerikaner dann in die Stadt einziehen und allmählich das gesamte Ruhrgebiet einkesseln, zieht auch in Olfen wieder Ruhe ein.

Als der Hahn von St. Vitus von einer Artillerie-Granate getroffen wurde

Ein amerikanischer Soldat verteilt in Olfen Süßigkeiten an Kinder. © Repro Martina Niehaus

Die Kinder von damals erinnern sich lange Zeit vor allem an die Freundlichkeit der ehemaligen Feinde. „Die amerikanischen Soldaten waren nett zu uns, gaben uns Schokolade. Damals habe ich meine ersten englischen Sätze gelernt“, sagt Bernhard Wilms. Und er zitiert: „Have you chocolate for me? Thank you very much.“

Und Pfarrer Gerhard Harrier freut sich vier Jahre später in der Pfarrchronik:

„Am 19. November erhielt unser Kirchturm wieder einen neuen Hahn. Der neue Hahn wurde von der Firma Vennemann in Bramsche hergestellt und nach feierlichem Umzug durch die Stadt unter feierlichem Glockengeläut aufmontiert.“

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