„Muss zur Stecherei“: Gericht spricht Urteil nach Sturm auf Geburtstagsfeier im Leohaus

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Eine Axt und ein Messer waren involviert in eine Auseinandersetzung auf einer Geburtstagsfeier im Leohaus. Der Richter sprach von einem „Rollkommando“. Nun wurde das Urteil gesprochen.

von Klaus Möllers

Olfen

, 27.09.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zu mehrjährigen Haftstrafen sind zwei der ursprünglich vier Angeklagten im Verfahren am Landgericht Münster um den „Sturm“ einer Geburtstagsfeier im Leohaus verurteilt worden.

Das Gericht verhängte am Donnerstag drei Jahre und drei Monate Gefängnis gegen den heute 27 Jahre alten „Wortführer“ und „Initiator“ aus Selm, wie der Vorsitzende Richter erklärte, wegen gefährlicher Körperverletzung. Sein heute 22 Jahre alter Kumpel aus Herten muss nach Jugendstrafrecht für drei Jahre ins Gefängnis wegen Beihilfe sowie wegen Besitzes eines Schlagringes. Der dritte im Bunde, ein jetzt 28-Jähriger aus Oer-Erkenschwick, wurde zu zehn Monaten Haft auf Bewährung sowie zu 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt.

Das Verfahren gegen den vierten Angeklagten (32, aus Euskirchen) war eingestellt worden. Bei den beiden Gefängnisstrafen wurden bei den Tätern jeweils vorherige Urteile aus anderen Prozessen wegen anderer Delikte einbezogen. Der Selmer stand zur Tatzeit im Februar 2017 sogar noch unter Bewährung, was sich strafschärfend auswirkte, wie die Kammer darlegte.

Mehrere Oberteile verhinderten Schlimmeres

Bei der Feier eines 30. Geburtstages waren, da zeigte sich der Vorsitzende Richter sicher, „mindestens sechs Personen in der Art eines Roll-Kommandos“ in das Leohaus gestürmt. Ein Besucher stellte sich ihnen vor dem Saal in den Weg. Der Selmer schlug mit einer Axt in Richtung des Mannes. Der wehrte den Schlag mit einer Verteidigungstechnik, die er noch „aus dem Kampfsport“ kannte, auf den eigenen Oberschenkel ab.

Außer der „oberflächlichen“ Wunde durch den Schlag, so hieß es weiter, bekam der Mann Reizgas in die Augen gesprüht und wurde vier Mal mit einem Messer in den Oberkörper gestochen. Wohl nur, weil das Opfer mehrere Oberteile trug, drang das Messer nicht tief in die Haut ein.

Überführt durch Handy-Nachrichten

Wer das Messer eingesetzt hatte, konnte das Gericht nach der Beweisaufnahme nicht sicher feststellen. Die Staatsanwaltschaft hatte es dem 22-Jährigen unterstellt. Auch wegen Messenger-Nachrichten von dem Abend, in denen es hieß „Müssen nach Olfen, Palaver dort“, „Muss zur Stecherei“, „drei Stiche verteilt. Jetzt schnell weg. Bullen“ und „Jetzt geht’s zur nächsten Runde“. Der zur Tatzeit erst 20-Jährige habe sich dadurch „selbst überführt“. Dessen Verteidiger hingegen war der Ansicht, dass die Nachrichten auf dem Handy nicht bedeuten müssten, dass der 22-Jährige „sie selbst geschrieben hat“.

Nach Auffassung des Gerichts sei ebenfalls nicht klar feststellbar, ob der 28-Jährige an der Attacke an dem Mann vor dem Saal beteiligt war. Der Richter betonte indes für beide wegen Beihilfe Verurteilten einen „Gehilfenvorsatz“. Der komme zum Tragen, wenn „man etwas für möglich hält und es billigend in Kauf nimmt“. Das hätten die beiden mit ihrer Unterstützung für den Haupttäter aus Selm getan.

Streit um Cousine

Auslöser des „Sturms“ auf die Party mit überwiegend russlanddeutschen Gästen war ein Streit zwischen dem späteren Haupttäter aus Selm und dem Cousin seiner Freundin. Der Cousin warf dem 27-Jährigen vor, die Frau immer wieder zu schlagen. Dabei soll der Cousin ein russisches Wort benutzt haben, das missverständlich sowohl als „Alter“, aber auch als „Pisser“ oder „Versager“ ausgelegt werden könnte.

Der Selmer entfernte sich beleidigt von der Party und rief per Messenger Kumpels zusammen. Mit zwei Autos soll die Gruppe laut dem Gericht zur Party gefahren sein. Als sie besagten Cousin dort nicht antrafen, fuhren sie zu dessen Privatadresse. Die Polizei war allerdings schon informiert. Sie nahm den 22- und den 28-Jährigen fest. Bei dem Jüngeren stellten die Beamten einen Schlagring sicher. Der Haupttäter aus Selm befand sich schon im Flur des Mehrfamilienhauses und flüchtete. Zwei Tage später stellte er sich der Polizei.

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