In Olfen leben 213 Flüchtlinge. Einige sind gut in den Alltag integriert, andere weniger. Einer von ihnen geht einen ganz besonderen Weg der Integration.

Olfen

, 09.11.2019, 16:26 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Projekt „Jugendliche ohne Grenzen“ vereint junge Flüchtlinge aus dem Kreis Coesfeld im Bemühen, am gesellschaftlichen und politischen Leben teilzunehmen. Die Idee ist in Berlin geboren worden, mittlerweile aber auch im Kreis Coesfeld angekommen. Die Teilnehmer der regelmäßigen Treffen wollen sicherer und kompetenter werden, um den Alltag zu meistern. Sie sollen aber auch Ansprechpartner für andere Flüchtlinge werden.

Der Name der Gruppe - „Jugendliche ohne Grenzen“ - fasst den Begriff Jugendliche etwas weiter als üblich. 16 bis 30 Jahre alt seien die Teilnehmer, berichtet Valerie Malberg-Gerle vom Kommunalen Integrationszentrum (KI) Kreis Coesfeld. Sie ist Ansprechpartnerin für die Gruppe. „Ohne Grenzen“ arbeiten die Flüchtlinge tatsächlich, wie Rasoul (23) aus Afghanistan erzählt, der in Ascheberg lebt. „Es ist egal, welche Religion einer hat. Es ist egal, aus welchem Land man kommt. Jeder ist willkommen.“

Flüchtlinge wurden Multiplikatoren

Gestartet ist das Projekt 2018 mit drei Blockmodulen an Wochenenden. Referenten kamen mit den jungen Flüchtlingen ins Gespräch, konnten ihre eigenen Erfahrungen in der Flüchtlingspolitik und politischen Bildung mit einbringen. Am Ende der Seminare waren aus jungen Flüchtlingen auch Multiplikatoren in den einzelnen Städten und Gemeinden des Kreises Coesfeld geworden.

Ziadin Moradi ist einer von ihnen. Er ist 23, kam 2015 aus Afghanistan nach Deutschland. Mittlerweile lebt er in Olfen, durchläuft zurzeit das Asylverfahren. Außerdem absolviert er gerade in Olfen eine Ausbildung zum Metallbauer. Da sollte man meinen, dass die Zeit des jungen Mannes knapp bemessen ist. Ist sie vielleicht auch. „Aber ich möchte anderen Flüchtlingen helfen, Lösungen für ihre Probleme zu finden“, berichtet er im Gespräch mit der Redaktion. Dazu wolle er auf andere Flüchtlinge in Olfen zugehen. „Ich kenne viele und möchte sie zu Gesprächen einladen.“

Deutsch selbst beigebracht

Ziadin weiß, was es bedeutet, mit Problemen in Deutschland zu kämpfen. Es sei viel zu organisieren, allein schon wegen des Asylverfahrens. Aber es gebe auch sprachliche Hürden. „Viele dürfen ja keine Sprachkurs besuchen, weil sie noch nicht als Asylbewerber anerkannt sind.“ Apropos Sprache. Woher kann Ziadin so gut Deutsch? „Das habe ich mir selber beigebracht.“

Rasoul nickt. Rasoul wohnt in Ascheberg, absolviert wie Ziadin eine Ausbildung zum Metallbauer. Er ist mittlerweile als Asylbewerber anerkannt. Auch er habe sich Deutsch selber beigebracht.

Nächstes Treffen Das nächste Treffen der Gruppe „Jugendliche ohne Grenzen“ ist am 23. November auf der Burg Vischering in Lüdinghausen. Beginn ist um 9.30 Uhr.Zeit ist bis 14 Uhr. Das November-Treffen wollen die jungen Leute nutzen, um eine eigene Webseite zu erstellen. Um noch präsenter zu sein. Um anderen Menschen Kontaktmöglichkeiten zu geben, das Projekt kennen zu lernen. Zum Beispiel auch deutschen Jugendlichen: „Sie können meine Geschichte kennen lernen, ich kann ihre Geschichte kennen lernen“, sagt Ziadin. Die Kerngruppe des Projekts „Jugendliche ohne Grenzen“ im Kreis Coesfeld besteht aus zehn Frauen und Männern aus Städten und Gemeinden im Kreis Coesfeld. Sie kommen aus Afghanistan, Syrien, Iran, Irak und Afrika. Wer Interesse daran hat, in dem Projekt „Jugendliche ohne Grenzen“ mitzumachen, kann sich an Valerie Malberg-Gerle, Tel. (02541) 189403, wenden. Ihre E-Mail-Adresse: valerie.malberg-gerle@kreis-coesfeld.de

„Viele Leute denken, Flüchtlinge haben nur Probleme. Das ist aber nicht so. Ich möchte etwas machen, selber aktiv sein“, sagt der 23-Jährige. Deshalb habe er sich dem Projekt „Jugendliche ohne Grenzen“ angeschlossen. „Es gibt wenige Gruppen, wo wir Flüchtlinge selbst aktiv sein können“, berichtet Rasoul weiter. In vielen Gruppen gehe es nur darum, ob ein Flüchtling anerkannt sei oder nicht. „Viele fragen, ob man überhaupt teilnehmen dürfe, weil man ja noch nicht anerkannt ist.“ Im Projekt „Jugendliche ohne Grenzen“ sei das nicht so.

Selbstbestimmt in Deutschland leben

Rasouls und Ziadins Beispiele sollen auch anderen Flüchtlingen zeigen, dass es möglich ist, selbstbestimmt in Deutschland zu leben, auch wenn die Rahmenbedingungen womöglich schwer sind. Es zeugt von einem gewissen Selbstbewusstsein, wenn Rasoul berichtet, dass es für ihn nur einen Weg geben konnte, um sich besser in Deutschland zu integrieren: „Ich muss Deutsch lernen und sprechen, um hier klar zu kommen.“

Dieses Selbstbewusstsein möchten Rasoul und Ziadin in ihren Heimatorten auch anderen Flüchtlingen ermöglichen. Indem sie mit ihnen reden, ihnen Tipps geben oder -auch das gehört dazu - ihnen von ihrer eigenen Geschichte zu erzählen.

In Deutschland endlich zur Ruhe gekommen

Gerade bei Rasoul klingt die Biografie spannend: „Ich bin mein ganzes Leben lang ein Flüchtling.“ Sein Vater sei politisch verfolgt gewesen und habe mit seiner Familie Afghanistan verlassen. Da war Rasoul noch ein Kind. Iran, Irak und schließlich 2015 Deutschland. Das sind die Stationen, die Rasoul erlebt hat. „Ich hatte nirgendwo eine Heimat.“ Als er nach Deutschland gekommen sei, habe er gehofft, dass er endlich zur Ruhe kommen kann. Und? Ist seine Hoffnung erfüllt worden? „Rasoul antwortet „Ja“. Und seine Augen strahlen.

„Jugend ohne Grenzen“: So packen junge Flüchtlinge ihre Integration selbst an

Valerie Malberg-Gerle ist beim Kommunalen Integrationszentrum Kreis Coesfeld Ansprechpartnerin für das Projekt "Jugendliche ohne Grenzen". © Arndt Brede

Mit dem Kommunalen Integrationszentrum Coesfeld haben die jungen Flüchtlinge kompetente Ansprechpartner. Zum Beispiel Valerie Malberg-Gerle, Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin sowie Ehrenamtskoordinatorin. „Wir versuchen, regelmäßige Gruppentreffen zu organisieren, und sorgen dafür, dass Referenten dazu kommen, damit die Teilnehmer sich auch weiterbilden können.“ Das Ziel sei, dass die Gruppe sich noch regelmäßiger treffen kann. Eigenständig. Womöglich auch ohne sie als KI-Mitarbeiterin.

„Jugend ohne Grenzen“: So packen junge Flüchtlinge ihre Integration selbst an

Die Teilnehmer des Projekts "Jugendliche ohne Grenzen" während der Planungsphase für eine Ausstellung zu Fluchtgeschichten. © Kommunales Integrationszentrum

Ziadin will versuchen, auch in Olfen junge Flüchtlinge dazu zu bewegen, selbst aktiv zu werden. „Wir wollen schauen, wie wir hier in Olfen starten können“, sagt Valerie Malberg-Gerle. Dazu soll der Kontakt zur Stadt Olfen und zum Olfener Asylkreis gesucht werden. Ziel sei, die Geflüchteten vor Ort zu erreichen, die nicht so mobil sind.

Sie sollen dann profitieren von den Erfahrungen von Menschen wie Rasoul und Ziadin. Von zwei jungen Flüchtlingen, die nicht fragen, was Deutschland für sie tun kann. Sondern die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und auch noch andere unterstützen. Gelebte Integration

Zahlen und Fakten Die Zahl der Flüchtlinge, die in Olfen aufgenommen wurden, hat sich seit Januar dieses Jahres nur leicht erhöht. Waren es im Januar 195 Flüchtlinge, stieg die Zahl im Juni auf 203 und lag im September bei 213. Die meisten der Geflüchteten, nämlich 49, kommen aus Syrien. Aus dem Irak kommen 34, aus Nigeria 23, aus der Türkei 18 und aus Afghanistan 15. Die weiteren Herkunftsländer: Ägypten (4), Albanien (8), Algerien (1), Aserbaidschan (2), Bangladesch (1), China (1), Eritrea (7), Guinea (7), Indien (2), Iran (7), Kosovo (3), Kongo (1), Myanmar (1), Pakistan (7), Serbien (5), Somalia (4). Bei drei Flüchtlingen ist das Herkunftsland unbekannt. (Stand Juni 2019) Der sogenannte ausländerrechtliche Status der Geflüchteten (Stand Juni 2019): 111 hatten einen positiven Bescheid bei ihren Asylverfahren; bei 69 lief das Asylverfahren noch; 23 hatten einen negativen Bescheid.
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