Ein selten gewordenes Bild: Ein Kiebitz stolziert über eine Wiese. Das ist auch in der Steveraue zu beobachten. © dpa
Rote Liste

Kiebitze in der Olfener Steveraue: Ein Zufluchtsort vorm Aussterben

Die Störche stehlen ihnen etwas die Show. Dabei balzen in der Steveraue noch andere schwarzweiße Vögel: Kiebitze - eine Vogelart, der die Menschen bundesweit gerade beim Aussterben zusehen.

Das Fernglas tastet den grauen Himmel ab. Wo ist nur der Storch geblieben? Er hatte sich von seinem Horst schräg gegenüber der Skateanlage am Olfener Friedhof abgestoßen, seine breiten Schwingen geöffnet und war losgeflogen. Ein unaufmerksamer Augenblick, und plötzlich war er nicht mehr zu sehen. Gelandet, um Würmer aus dem Boden zu ziehen? Zum zweiten Horst am Floßanleger geflogen, um die Nachbarn dort zu ärgern? Das Fernglas zeigt in zehnfacher Vergrößerung einen Ausschnitt der Aue nach dem nächsten: aber kein Storch. Dafür stürzt plötzlich etwas anderes durchs Bild: senkrecht von oben nach unten. Mit einem schrillen, langgezogenen Ruf, der wenig später erschallt, stellt sich der tollkühne Flugakrobat selbst vor: „Kieuwit, kieuwit, -wit, wit, wit.“

Der Kiebitz ist da. Und er lässt sich durch das aktuelle Herbstwetter nicht abbringen von seinen Frühlingsgefühlen. Wieder steigt er in die Höhe und lässt sich erneut kopfüber fallen, um dann – gerade rechtzeitig – wieder elegant aufzusteigen. Was für Kunststücke. Menschliche Beobachter am Wegesrand, die längst ihr Fernglas wieder weggepackt haben – so schnell, wie Herr Kiebitz fliegt, lässt es sich nicht bewegen -, möchten applaudieren. Frau Kiebitz scheint noch mehr zu erwarten. Zumindest denkt sie noch nicht daran, dem atemberaubenden Werben nachzugeben.

Rote Liste führt Kiebitz als stark gefährdet

Ende Februar waren die Kiebitze angekommen aus ihren Winterquartieren in Frankreich oder Spanien, zum Teil auch Großbritannien. Zumindest in Olfen. Andernorts warten Naturfreunde bislang vergebens auf die Ankunft der Vögel, die einst so selbstverständlich zum Frühling gehörten wie Ostereier und Narzissen. In den vergangenen 40 Jahren ist er immer seltener geworden und inzwischen stellenweise ganz verschwunden: kein Einzelfall. Auch aus Rebhuhn und Feldlerche sind längst seltene Paradiesvögel geworden. Und den Großen Brachvogel, der einst über die Weiden landauf, landab stapfte, kennen viele nur noch vom Hörensagen.

Das Landesamt für Umwelt und Naturschutz hatte 2020 eine neue Rote Liste der Brutvogelarten in NRW vorgelegt. Dabei gab es auch Erfolge festzustellen: Dank intensiver Schutzbemühungen haben sich etwa die Bestände des Storchs so vergrößert, dass Meister Adebar von der roten Liste entlassen werden kann. Die Haubenlerche und der farbenfrohe Ortolan (Fettammer) sind aus einem anderen Grund von der Liste verschwunden: Die Arten gelten inzwischen als ausgestorben in NRW. Jetzt drohen Allerweltsvögel dazu zu kommen wie Kuckuck und eben Kiebitz. Sie gelten auf der roten Liste als stark gefährdet.

Rückgang im Kreis Coesfeld um 60 Prozent

Selbst im Kreis Coesfeld, wo es in jeder Gemeinde und Stadt noch Kiebitze gebe, gehe die Population zurück, sagt Corinna Becke, Mitarbeiterin des Naturschutzzentrums Kreis Coesfeld. In der Dekade zwischen 2004/5 und 2014/15 sei im Kreis die Zahl der Brutpaare um 60 Prozent zurückgegangen. Eine Entwicklung, die weiter fortschreitet, wie sie befürchtet.

„Es sind noch vereinzelt größere Populationen in offenen Landschaften im Kreisgebiet zu finden, diese gilt es durch gezielte Schutzmaßnahmen zu fördern“, sagt sie. Denn nur in der Gruppe gelingt es den Kiebitzen erfolgreich Fressfeinde abzuwehren.

Der größte Feind der Kiebitze sind aber nicht Fuchs, Hermelin, Greif- und Rabenvögel, sondern die Menschen. Sowohl die Zerstückelung und Versiegelung der Landschaft durch Industrieflächen, Baugebiete und Straßen nimmt dem Wiesenvogel seinen Lebensraum als auch die intensive Landwirtschaft. Wiesen und Äcker werden meistens mehrmals im Jahr bearbeitet. Das stört den Kiebitz immer wieder bei der Brut. Die Folge: Die Gelege gehen verloren. Dem versuchen Naturschutzverbände, Landwirtschaftskammer und Landesregierung entgegenzuwirken – etwa durch sogenannte Feldvogelinseln.

Ein männlicher Kiebitz im Balzflug. Tollkühne Flugmanöver vollzieht er dabei. © Klaus Nowack © Klaus Nowack

Schutzinseln für Feldvögel im Acker

„Die Landwirte wissen in der Regel am besten, wo Kiebitze brüten“, sagt Corinna Becke. Wer auf seiner Fläche Brutpaare antrifft, kann sogenannte Feldvogelinseln ausweisen: einen halben bis zwei Hektar große Flächen, die für die Saison aus der

Bearbeitung herausgelassen werden. Für den Ernteausfall gibt es Ausgleichszahlungen. 2019 gab es im Kreis sechs solcher Inseln in Kooperation mit engagierten Landwirten, 2020 immerhin acht. „Ich bin optimistisch, dass die Zahl noch weiter wachsen wird“, so Becke. Für eine Trendwende bei dem Niedergang der Art wäre allerdings eine deutlich größere Anzahl dieser Schutzflächen notwendig.

Wenn sie sich etwas wünschen dürfte, sagt die Landschaftsökologin, seien das weite, offene Brachflächen: drei bis vier Hektar, gerne feucht und umgebrochen. Da würden sich die Kiebitze wohlfühlen und könnten mit mehreren Paaren brüten. Ob es für die Rettung der Art reichen wird? Angesichts der verheerenden Entwicklung in ganz Europa wohl kaum. „Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben“, sagt sie.

In der Olfener Steveraue ist damit an diesem trüben Nachmittag erst einmal nur ein Paar beschäftigt. Dafür aber ausdauernd – inzwischen aber nicht mehr in der Luft, sondern am Boden. Herr Kiebitz läuft emsig herum, scharrt Mulden in den nassen Boden, zupft Gras und gibt für seine Angebetete den idealen Nestbau-Spezialisten. Dass inzwischen der Storch zurückgekehrt ist, erscheint da fast als Nebensache.

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Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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