Schweigend hatte die Kirchengemeinde vernommen, dass Pfarrer Dieter Hogenkamp sie verlassen hat. Als sie hörte, wer seine Aufgaben erst einmal übernimmt, reagierte sie anders: mit Applaus.

Olfen

, 25.08.2019, 10:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Pater Rajakumar Mathias (40) schüttelt den Kopf. Nein, auch er habe nichts von den Plänen seines Vorgesetzten gewusst. „Das war eine Überraschung“, sagt der Inder, der zum ursprünglich fünfköpfigen Seelsorgeteam der Kirchengemeinde St. Vitus Olfen gehört. Seit Anfang August sind es nur noch vier Mitglieder.

Seelsorgeteam war ebenso überrascht wie die Gemeinde

Pfarrer Dieter Hogenkamp hatte den Bischof gebeten, ihn von seinen Aufgaben als leitender Pfarrer zu entpflichten und ihn in seine Heimatstadt Bocholt zu versetzen - ohne Abschiedsfeier, ohne öffentliche Erklärung und auch ohne Aussprache mit den Kollegen.

Über die Motive des 58-Jährigen, der erst im September 2017 nach Olfen gekommen war, will Pater Rajakumar nicht spekulieren. Und sie erst recht auch nicht kritisieren. Dass er den geräuschlosen Abschied seines Vorgesetzten bedauere, sagt er aber schon. Schließlich sei die Zusammenarbeit im Seelsorgeteam bis dahin immer vertrauensvoll gewesen. Wenn es um ihn selbst und seine neue Rolle in der Gemeinde geht, wird der 40-Jährige allerdings gesprächiger.

„Ich fühle mich in Olfen sehr wohl“, sagt Pater Rajakumar Mathias. Und die Gemeinde mag ihn. Das zeigte sich während des Gottesdienstes, in dem die Gottesdienstbesucher von dem überraschenden Abschied Hogenkamps erfuhren - und davon, wer die Gemeinde übergangsweise leiten wird: Pater Rajakumar. Kaum war der Name gefallen, begannen die Menschen zu applaudieren.

Leicht Kontakt geknüpft mit den Menschen in Olfen

Dass die Steverstadt mit ihrer aktiven katholischen Gemeinde genau das richtige Lebensumfeld für ihn ist, habe er schnell festgestellt, erzählt der Ordensmann: schon unmittelbar nach seiner Ankunft am 14. Februar 2016. „Die Menschen sind hier nett und offen, und man kann hier leicht Kontakt knüpfen“, hat er festgestellt. Zuvor war er in Rheine tätig: auch ganz schön, „aber Olfen ist überschaubarerer: familiärer.“

„Nach Deutschland gekommen bin ich im Oktober 2011“, erzählt Pater Rajakumar. Damals habe er kein einziges Wort Deutsch gesprochen. Heute ist nur noch ein leichter Akzent zu hören: das Ergebnis eines viermonatigen Intensivkurses. Dass er einmal im Ausland leben würde, hatte er nicht geplant. Das Priestersein dagegen schon. Mit 15 Jahren war er bereits ins Priesterkolleg eingetreten: eine Entscheidung, die seine Eltern zunächst wenig begeisterte hatte.

Rajakumar ist der älteste Sohn. Die Eltern hatten von ihm erwartet, selbst eine Familie zu gründen. Er hatte da aber andere Pläne - keine Ausnahme. „Unser Dorf zählt etwa 8000 Einwohner“: eine kleine Gemeinschaft, die aber 73 Priester und 150 Nonnen hervorgebracht habe. Zum Vergleich: Aus dem gesamten Bistum Münster sind in diesem Jahr gerade einmal fünf junge Männer zum Priester geweiht worden.

Indien und Deutschland: umgekehrte Verhältnisse

In Indien sind Christen eine Minderheit, die Zahl der Berufungen ist jedoch hoch. In Deutschland wiederum sind die Christen in der Mehrheit, es gibt aber immer weniger Priester. In Indien fehlt es der Kirche an Geld - „die Gläubigen bringen zu den Gottesdiensten Spenden mit, Reis und andere Lebensmittel für die Priester“ - , in Deutschland gibt es Geld. Davon, dass indische Priester in Deutschland arbeiten, haben alle Seiten etwas: Die deutschen Bistümer bekommen Seelsorger, die indischen Bistümer finanzielle Unterstützung. Ein Austausch, der funktioniert.

Nach dem überraschenden Weggang des Pfarrers: Wer leitet jetzt die Kirchengemeinde?

Rechts neben Pater Rajakumar aus Indien sitzt auf diesem Foto Pfarrer Dieter Hogenkamp. Das Chorjubiläum war Hogenkamps letzter großer, öffentlicher Auftritt. © CHRISTOPH REINKOBER

Messfeiern, Beerdigungen und Krankenbesuche, Treffen mit der Messdienergruppe, Predigtvorbereitung für den nächsten Tag, Glaubensgespräche und Beratung bei Alltagssorgen - das alles gehört zu Pater Rajakumars Aufgaben. Bis April 2019 hatte er dafür nur eine halbe Stelle. Denn er hatte noch anderes zu tun. Er schrieb an seiner Doktorarbeit. Das Thema: „Ehe und Ehelosigkeit“. Auch wenn die Arbeit aus Zeitmangel erst einmal liegen blieb, hat er eine klare Meinung dazu - und die unterscheidet sich deutlich vom katholischen Mainstream in Deutschland.

Warum der Zölibat laut Pater Rajakumar nicht abgeschafft gehört

Die Abschaffung des Zölibats sei nicht der richtige Weg, um dem Priestermangel entgegenzuwirken, meint er. Die Öffnung des Priesteramts für Frauen ebenso wenig. Der Pfarrermangel der evangelischen Kirche zeige das ja.

„Man muss Opfer bringen, wenn man Priester sein will“, sagt der 40-Jährige zu der vorgeschriebenen Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit. Dass dieses Opfer an keiner Stelle in der Bibel gefordert wird, ändere nichts daran. Die katholische Kirche baue eben „nicht nur auf der Schrift, sondern auch auf Tradition.“ In seiner Heimat Indien sei ein verheirateter Priester für die Gläubigen „undenkbar.“ In anderen Teilen der Weltkirche auch.

Seit Pfarrer Hogenkamps Weggang sind für den indischen Pater, der zweimal pro Woche Badminton spielt und sich alle zwei Monate mit seinen 16 indischen Kollegen im Bistum trifft, mehr Aufgaben und mehr Verantwortung dazu gekommen. Er steht jetzt an der Spitze der Gemeinde - übergangsweise. Die vakante Pfarrstelle werde neu besetzt, hatte das Bistum mitgeteilt. Wann, ist aber noch offen.

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