„Eine Tortur“: Olfener erinnert sich an Vertreibung aus Schlesien

mlz75 Jahre Kriegsende

Er war erst neun, als er aus seiner Heimat Schlesien fliehen musste. Im Viehwagon ging es ins Ungewisse - und bis nach Olfen. 75 Jahre später hat Gottfried Böer seine Erinnerungen aufgeschrieben.

Olfen

, 27.05.2020, 11:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seine Kindheit verbrachte er auf dem Bauernhof der Eltern in dem kleinen Örtchen Gnadenfrei in Schlesien, das heute im Südwesten Polens liegt. Nur neun Jahre alt ist Gottfried Böer, als er sich mit seiner Familie vor russischen Soldaten in Sicherheit bringen muss. Schließlich wird die Familie, wie große Teile der 4,5 Millionen Schlesier auch, nach Westen vertrieben. Eine Odyssee beginnt, erzählt Gottfried Böer heute.

Zwölf DinA4-Seiten mit persönlichen Erinnerungen

Eine Zeitschrift bringt den Olfener auf die Idee, seine Erinnerungen aufzuschreiben. „Ich habe das bewusst aufgeschrieben, damit es nicht in Vergessenheit gerät“, sagt der Senior. Zwei DinA4-Seiten sind für die Öffentlichkeit herausgekommen. Ganze zwölf Seiten hat Gottfried Böer für die Familie aufgeschrieben, für die Kinder und Enkel.

Anfang 1945 begann die Zeit von Flucht und Vertreibung für Gottfried Böer. Russische Soldaten rückten näher. Die Bevölkerung des Heimatdorfes sollte sich im etwa 20 Kilometer entfernten Eulengebirge in Sicherheit bringen, erinnert sich Böer. Als die Front sich beruhigte, ging es zunächst zurück nach Hause. „Das hielt allerdings nicht lange an“, schreibt Böer in seinen Erinnerungen. „Man sah nachts den glutroten Schein der Bombardierung von Breslau.“

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Wieder zog die Familie mit einem Fuhrwerk Richtung Gebirge. Der 8. Mai 1945 kam - Deutschland hatte bedingungslos kapituliert, der Zweite Weltkrieg war beendet. Das sprach sich unter den Geflohenen schnell rum. „Alle waren froh“, erzählt Gottfried Böer. Er erinnere sich noch genau an einen russischen Panzer, der über eine Landstraße rollte und noch einmal aus allen Rohren schoss. Die Russen überfielen auch die Geflüchteten in ihrer Unterkunft in einem Gasthaussaal und nahmen Schmuck und Uhren mit, erinnert sich der Olfener heute.

Gerüchte über eine Vertreibung

Doch danach konnte die Familie zurück zu ihrem Hof. „Anfang Mai wurde es Zeit, mit der Feldbestellung zu beginnen“, schreibt Böer. Doch die Spannungen in der Region wuchsen. Russland siedelte Polen aus der Ukraine dort an, sie wurden der Landbevölkerung in Schlesien zugewiesen, erinnert sich Böer. Im Frühjahr 1946 gab es dann die ersten Gerüchte, dass die Deutschen zwangsweise ausgewiesen werden würden.

Vertreibung 1946

2000 Flüchtlinge kamen nach Olfen

  • Als 1946 Millionen Menschen aus Schlesien im heutigen Polen vertrieben wurden, kamen einige der Menschen auch in Olfen an.
  • Laut Stadthistorie nahm die Stadt damals innerhalb eines Jahres fast 2000 Flüchtlinge auf. Eine riesige Zahl für eine Stadt, die damals nur wenige 1000 Einwohner hatte. Viele Flüchtlinge fanden hier schließlich ihre neue Heimat.
  • Da viele der Menschen evangelisch waren, trugen sie beispielsweise stark zum Wachstum der evangelischen Gemeinde in Olfen bei.

An Karfreitag wurde das Wirklichkeit: Auch Gottfried Böer und seine Familie, der Vater war im Krieg gefallen, mussten mit Handgepäck zum Bahnhof laufen. Dort stand ein Zug mit etwa 50 Güterwagons. In jedem der mit Stroh ausgelegten Wagen, „Viehwagen quasi“, erzählt Böer heute, wurden 15 bis 20 Personen verfrachtet. Keiner habe gewusst, was geschehen würde. Es habe Gerüchte gegeben, dass alle Deutschen nach Russland gebracht würden.

Eine „Tortour“ im Eisenbahn-Wagon

Als der Zug sich in Bewegung setzte, waren die Leute erleichtert, erzählt Böer. Denn es ging Richtung Westen. Plötzlich stürmten Eindringlinge mit Fackeln die Wagons und nahmen alles mit, was sie in die Finger bekamen, schildert Böer weiter. Dem Nachbarn hätten sie die Stiefel von den Füßen gerissen. Auch seiner Familie wurden alle Koffer gestohlen, „sodass wir nichts mehr besaßen.“ Die Zugfahrt ging danach weiter und wurde „zur Tortur bei unhygienischen Verhältnissen“, schreibt Böer.

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Etwa eine Woche lang dauerte es, schätzt Böer, bis sie mit Zügen nach Warendorf kamen. Dort lebt die Familie kurz in Pferdeboxen eines leerstehenden Landgestüts. Mit dem LKW geht es weiter nach Werne in eine Zechenbaracke und dann weiter mit dem LKW nach Olfen. Die ehemalige Gaststätte Leismann, heute die Ratsschänke, gegenüber dem Rathaus ist die Endstation der Odyssee.

Feldarbeit für Kost und Logis

Schließlich holt ein Bauer mit einem Fuhrwerk die Familie ab. Wer auf welchem Hof oder in welchem Haus leben sollte, das teilte die Stadtverwaltung damals zu. „Wir hatten am Anfang gar nichts mehr“, erinnert sich Gottfried Böer, der heute in seinem eigenen Haus in Olfen auf der Terrasse sitzen kann. Die Familie half dem Bauern auf dem Feld gegen Verpflegung. Nun hieß es für den fast zehn Jahre alten Gottfried, sich schnell in der neuen Umgebung zu integrieren.

Er wurde sofort eingeschult, machte später eine Lehre in der Landwirtschaft. Denn damals sei immer wieder gesagt worden: „Ihr seid nur kurzfristig hier, es geht wieder zurück“, erzählt Böer. Mit seiner Ausbildung hätte er den Hof der Eltern bewirtschaften können. Es kam anders: Gottfried Böer baute Jahre später ein Haus in Olfen, schulte um und arbeitet im öffentlichen Dienst der Stadt Olfen und später im Sozialamt, wurde Vater und wurde in Olfen heimisch.

„Es war immer etwas Neues“

Wenn er sich heute erinnert und von einer Tortour und Odyssee erzählt, erinnert er sich aber nicht daran, große Angst gehabt zu haben. Die Kinder hätten keine Angst gehabt. „Es war immer etwas Neues“, sagt Gottfried Böer. „Man hat das so hingenommen.“ Für Erwachsene war es wohl eine andere Situation, aber als Kind machte man sich keine großen Gedanken um die Zukunft, so Böer. Das Olfen seine Zukunft würde, hat der junge Gottfried sich wohl nicht ausgemalt.

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