Seit 40 Jahren arbeitet Dr. Konstantin Koralewski in Olfen - auf dem Land. Junge Ärztinnen und Ärzte zieht es lieber in große Städte. Für Koralewski gibt es dafür einen klaren Grund.

Olfen

, 15.10.2019, 03:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als erstes Bundesland hat Nordrhein-Westfalen zum gerade gestarteten Wintersemester eine Landarztquote eingeführt. Diese hält Studienplätze für die Medizinstudenten frei, die später auch auf dem Land arbeiten wollen. Um wieder mehr junge Ärzte in ländliche Regionen zu bekommen, muss es für den Olfener Dr. Konstantin Koralewski aber eine andere große, politische Veränderung geben.

„Die Politik hat das noch nicht kapiert“, sagt der 74-Jährige. Damit meint er das - aus seiner Sicht - eigentliche Problem für den Ärztemangel auf dem Land: die sogenannte Regresse. Denn jeder Arzt hat ein von Krankenkassen vorgegebenes Budget für die Medikamente, die er verschreibt. Wird das überschritten, ist der Arzt regresspflichtig.

Ärzte haben Angst vor hohen Nachzahlungen

Und das bedeutet, dass der Arzt die Summe, die er über dem Budget lag, selbst zahlen muss. „Die Krankenkasse holt sich das Geld zurück“, erklärt Koralewski. Das sei ein großes Problem und „trifft den Landarzt mehr als den Stadtarzt“.

Er schreibe auf dem Land nämlich oft mehr Rezepte als ein Arzt in der Stadt. Denn Stadtärzte würden ihre Patienten häufig zu mehr Fachärzten weiterschicken. Dadurch würden sich die Rezepte dann auf mehr Ärzte in der Stadt aufteilen, während er als Landarzt die meisten Rezepte selbst ausstelle.

Die Angst vor einer hohen Nachzahlung „ist das, was den jungen Leuten den Spaß nimmt“. Er selbst lebe sehr gerne in Olfen, „in der Natur“. Er glaubt, dass das auch viele andere Ärzte „machen würden, aber die haben die Hosen voll“.

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Zwar sei die Regresse „in Orten unter 20.000 Einwohnern aktuell eingefroren“, sagt er, doch das ändere nichts am Problem. Denn die Sorge, dass irgendwann doch wieder Geld von Ärzten verlangt wird, die ihr Budget überschreiten, sei immer allgegenwärtig.

Nicht der erste Arzt in der Familie Koralewski

Er selbst arbeitet schon seit 40 Jahren in seiner eigenen Praxis in Olfen an der Bilholtstraße 20. Dabei hatte er aber erst etwas ganz anderes als Medizin studiert, nämlich Philosophie, Germanistik und Geografie. „Aber nur für kurze Zeit“, erklärt er, „das war mir dann doch zu theoretisch“.

Dann studierte er doch noch Medizin - er war nicht der erste in seiner Familie. Denn schon sein Vater war Chefarzt im Krankenhaus in Lüdinghausen. Auch seine Frau Dr. Marlies Koralewski war dort Oberärztin, ehe sie 1982 auch in die Praxis ihres Mannes in Olfen wechselte.

Die Arbeit auf dem Land ist persönlicher

Damals, erinnert sich Konstantin Koralewski, habe er dann auch in Olfen leben müssen. „Früher gab es eine Präsenzpflicht“, erzählt er. Das bedeutete, dass Ärzte auch dort leben mussten, wo sie ihre Praxis hatten. Das wurde aber Anfang des Jahrtausends abgeschafft. „Um mehr Ärzte wieder aufs Land zu kriegen“, sagt der 74-Jährige. Eine Maßnahme mit mäßigem Erfolg.

Für ihn sei die Arbeit auf dem Land aber sowieso interessanter. Ein Grund sei die Nähe zu den Patienten. „In kleineren Orten kennt man doch jeden“, erklärt er. Doch auch in der Interaktion mit seinen Patienten befürchtet der Hausarzt Veränderungen in der Zukunft.

„Wir haben keine Versorgungslücke“

Denn Mitte Mai trat das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) in Kraft, welches dabei helfen soll, dass Patienten schneller Termine bekommen. Teil des Gesetzes ist der Ausbau von Terminservicestellen, die telefonisch erreichbar sind und Patienten einen Termin beim Facharzt in zumutbarer Entfernung und ohne lange Wartezeit verschaffen sollen.

Doch für Konstantin Koralewski ist das „ein Witz“. Denn er habe „nie ein Problem damit gehabt, einen akut Erkrankten unterzukriegen“. Wenn jemand als Notfall komme, könne der auch immer schnell genug behandelt werden. „So schlecht ist das hier nicht, wir haben keine Versorgungslücke“, sagt er.

Für Konstantin Koralewski sind Patienten keine Kunden

Auch die Entwicklung, wie Krankenkassen einen Patienten sehen, sieht der Olfener kritisch. Denn die würden die Patienten immer mehr nur als Kunden sehen. „Der Patient ist aber kein Kunde“, stellt er klar. „Er braucht mehr Zuneigung und Empathie.“

Doch die Zeit, die für umfangreichere Gespräche beansprucht wird, „wird man vielleicht irgendwann streichen müssen“. Dann würde nur noch unter dem Motto „Ich mach nur noch das, was notwendig ist“, gearbeitet werden. Und dann sei der Patient tatsächlich nur noch ein Kunde.

Doch genau das will Konstantin Koralewski nicht. „Die Krankenkassen sagen, ein Arzt ist ein Leistungserbringer“ - mehr nicht. Natürlich erbringe ein Arzt eine Leistung, erklärt er. Aber er kümmere sich eben noch weiter um seine Patienten anstatt nur das Nötigste zu tun.

Mehrere Generationen arbeiten in der Olfener Praxis

Wie lange er diese Entwicklung noch hautnah miterleben wird, weiß er nicht. Er werde noch so lange als Arzt tätig sein, „wie ich das kann“. Für ihn sei die Arbeit immer noch sehr schön.

Seine Patienten müssen sich allerdings keine Sorgen machen, dass sie sich in einigen Jahren eine neue Praxis suchen müssen. Denn schon seit 2008 ist auch sein Sohn Dr. Patrick Koralewski (34) in der Praxis tätig.

Ein Jahr davor wurde bei Konstantin Koralewski Krebs diagnostiziert - den er jedoch besiegen konnte. „Wir wussten aber erst nicht, wie es weitergeht“, erinnert er sich. Daher sei sein Sohn dann auch mit in die Praxis gezogen.

Und Patrick Koralewski kann ebenfalls schon auf reichlich Erfahrung zurückblicken. Immerhin hat er den Praxis-Alltag schon in seiner Kindheit miterlebt. „Seit er schreiben kann, hat er Telefondienst gemacht“, erzählt sein Vater.

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