Sandy Weber-Henniger erfuhr auf offener Straße von der Flucht ihrer Mutter in den Westen

mlz30 Jahre Mauerfall

Der 3. Oktober ist für Sandy Weber-Henniger mittlerweile ein Feiertag wie jeder andere. Doch Anfang November wird sie sentimental, wenn sich Tage jähren, an denen sich ihr Leben veränderte.

Olfen

, 03.10.2019, 04:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Ich bin gut angekommen. Komme nicht wieder. Kommt bald nach. Eure Mama.“ Nahezu wortgetreu kann Sandy Weber-Henniger den Inhalt des Telegramms wiedergeben, das ihr als Zwölfjährige Anfang November 1989 auf offener Straße in Reinsberg bei Freiberg in Sachsen in die Hand gedruckt wurde. Das Telegramm kam aus dem Westen, „ich vom Einkaufen in unserem Konsum“, erinnert sie sich. „Unverantwortlich, so ein Telegramm einem Kind zu geben“, sagt sie heute. Entspannt am Küchentisch in Olfen sitzend.

Genehmigte Ausreise zum Bleiben genutzt

Ihre Mutter war offiziell als Begleitperson der Großmutter zum Geburtstag ihres Bruders in die damalige BRD gereist - und hatte im Vorfeld mit ihrem Mann, Sandys Vater, besprochen, dass sie bleiben würde. Der gemeinsamen Tochter wurde nichts erzählt. „Die Gefahr, dass man mich verraten hätte, wäre viel zu groß gewesen“, sagt die Sandy Weber-Henniger heute rückblickend. Doch damals, als Zwölfjährige, war die Nachricht ein Schock. „Das war hart“, sagt sie. Doch nun ergaben Gesprächsfetzen, gefundene Aufzeichnungen, das merkwürdige Verhalten der Mutter beim Abschied am Bahnhof einen Sinn: Sandys Mutter war aus der DDR geflohen. Am 30. Oktober 1989 hatte sie sie das letzte Mal gesehen.

Kurz darauf öffnete die damalige Tschechoslowakei die Grenzen - und bei den Nachbarn klingelte am Abend des 5. November das Telefon. „Wir hatten noch kein eigenes“, erinnert sich Sandy Weber-Henniger. Die Stimme am Telefon sagte: „Fahrt bitte los.“

Flucht im Trabi bei Nacht und Nebel

Genau an dem Abend, als der Onkel mit Familie spontan zu Besuch gekommen war. Doch die Familie hielt zusammen: Der Onkel brachte seine Familie nach Hause, und kehrte mit Bruder und Vater zurück. Was in den Trabi passte, wurde eingeladen, die Männer räumten die Wohnung leer. „Mein Kinderzimmer stand später bei meiner Cousine, das Schlafzimmer bei meinem Onkel und das Wohnzimmer in der Datsche meiner Oma“, erzählt Sandy knapp 30 Jahre später. Die Räumaktion war notwendig, weil die Stasi kommen würde. „Die durfte nichts mehr finden“, erklärt Sandy Weber-Henniger.

Heftige Diskussionen mit dem Vater

Eine Wut auf die Mutter verspürte die damals Zwölfjährige wider Erwarten nicht. „Ich war sauer auf meinen Vater. Ich musste in diesen Trabi steigen, ich musste weg von meiner Heimat, meinen Freunden, meiner restlichen Familie. Ohne Vorbereitung von jetzt auf gleich. Ich wollte das nicht. Ich fühlte mich dort doch wohl.“ Denn das Kind hatte von den Problemen der Eltern mit dem Regime nichts mitbekommen. Erst später wurde darüber gesprochen, dass ihnen beim Traum vom eigenen Haus immer wieder Steine in den Weg gelegt worden waren.

Damals musste Sandy einfach tun, was der Vater sagte. „Wie kannst Du einfach losfahren?“, habe sie ihn gefragt - und das sei lange Thema gewesen. „Bestimmt ein Jahr“, sagt sie rückblickend.

Ein fremder Mann schenkte ihnen 20 DM

Es ging von der heutigen Tschechei über die Grenze nach Deutschland. „Wir hatten Geld für eine Woche getauscht, das machte uns wohl nicht verdächtig.“ Jedenfalls wurde das Auto im Gegensatz zu vielen anderen nicht gefilzt. Sie kamen in ein Zeltlager, und ein älterer Herr schenkte ihrem Vater 20 DM. „Damit hat Papa den Trabi vollgetankt und es ging gen Norden, obwohl wir eigentlich nach Regensburg ins Auffanglager sollten.“ Doch das Ziel des Vaters waren Frau und Schwager in Gelsenkirchen.

„Ich als Kind wäre am liebsten zurückgerannt“

In der Nacht auf den 7. November, dem Geburtstag der Mutter, kamen die beiden an, klingelten die Familie aus dem Bett. „Die hatten noch gar nicht mit uns gerechnet“, erinnert sich Sandy Weber-Henniger - und warum sich alle freuten, war der Zwölfjährigen schleierhaft. „Ich als Kind wäre am liebsten zurückgerannt.“

Was sie dann am Tag des Mauerfalls machte, weiß sie nicht mehr. „Vermutlich haben wir auch vor dem Fernseher gesessen, aber ich kann mich nicht erinnern.“ Erst als ein Jahr später die Wiedervereinigung kam, entspannte sie sich. Da war ihr klar, sie würde hin- und herfahren können. Freunde und Familie wiedersehen. Und mit denen hält sie bis heute Kontakt. Doch eins ist ihr klar: „Ich würde meine Kinder niemals so entwurzeln.“

In einer vorigen Version dieses Artikels hatten wir den Namen von Sandy Weber-Henniger falsch geschrieben. Das haben wir geändert.

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