Selbstständig auf dem Land: Von der Werbeagentur in den Hofladen

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Die eine denkt an ihr Auskommen im Alter, die andere erfüllte sich einen Jugendtraum. Aber eines haben die beiden Frauen aus Olfen gemeinsam: Sie verwirklichen ein eigenes Projekt auf dem Land.

Olfen

, 18.10.2020, 10:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Schon in ihrer Jugend hatte Jennifer Schulze Kökelsum davon geträumt, sich eines Tages selbstständig zu machen. „Ich habe schon immer gerne gebacken“, erzählt die 30-Jährige, „und ich habe schon damals daran gedacht, ein Café zu eröffnen. Außerdem war meine Mutter schon selbstständig und hat mir das irgendwie vorgelebt.“ Seit Anfang des Jahres sieht die Olfenerin ihren Traum verwirklicht: Seitdem ist sie Geschäftsführerin des Hofladens und -cafés Schulze Kökelsum in Olfen.

Gegründet hatte den Betrieb Schwiegermutter Maria Schulze Kökelsum vor 16 Jahren. Aus einem Spargelverkauf in der Scheune waren erst der Hofladen, dann das Café erwachsen. Ende 2019 hatte Maria Schulze Kökelsum die Leitung des Hoflandens an Jennifer Schulze Kökelsum nach langer Mitarbeit und einem Probejahr übergeben. Da konnte die Jung-Unternehmerin nicht ahnend, dass ihr ein derart hartes Jahr bevorstehen würde.

„Jetzt kann mich nichts mehr stressen“

„Dieses Corona-Jahr hat mich als Chefin direkt hart auf die Probe gestellt“, sagt sie. „Aber das Gute ist: nach diesem Jahr kann mich nichts mehr stressen.“

Es dauere immer etwa ein Jahr, bis sich etwas eingespielt hat. Das ist die vielleicht wichtigste Weisheit, die Maria Schulze Kökelsum ihrer Schwiegertochter Jennifer mitgibt. „Ich profitiere ganz klar aus der Erfahrung meiner Schwiegermutter und frage sie auch immer wieder um Rat. Es ist sehr schön, so unterstützt zu werden. Trotzdem stecken hier auch ganz viele eigene Überlegungen drin.

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Bevor Jennifer Schulze Kökelsum zur Unternehmensgründerin wurde, arbeitete sie in einer Werbeagentur. „Ich verließ um 7.30 Uhr das Haus und kam um 22 Uhr wieder“, erzählt sie. „Den Entschluss der Existenzgründung habe ich getroffen, als ich mit meinem Sohn schwanger wurde. Ich wollte eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ Ob das so geklappt hat, kann sie nach diesem ersten, harten Jahr, noch nicht sagen. Weniger arbeite sie jetzt nicht, aber anders. Morgens, sobald der knapp zweijährige Sohn bei der Tagesmutter ist, steht sie in der Küche und backt, bereitet Frühstück zu oder übernimmt bei Ausfällen auch mal eine Schicht.

Danach muss sie sich im Büro um die administrativen Aufgaben kümmern. Nachmittags ist Zeit für den Sohn und sobald der im Bett ist, wartet wiederum der Computer. Mehr als sechs Stunden Schlaf pro Nacht sind nicht drin. Zwei freie Wochenenden hatte sie in diesem Jahr. Zeit für sich selbst, zum Beispiel zum Joggen, gibt es nicht. „Aber ich arbeite jetzt anders, selbstbestimmter und für mich, statt für irgendeine Firma“, sagt sie mit einem breiten Lächeln.

Frauen gründen anders

Deutschlandweit gab es im Jahr 2019 605.000 Existenzgründungen. Im Münsterland 4300 und im Kreis Coesfeld 427. Jüngere Zahlen liegen noch nicht vor. Frauen seien dabei unterrepräsentiert und machten 40 Prozent aus, weiß Sven Wolf von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen. Dabei gäbe es keine Unterschiede zwischen ländlichem Raum und städtischen Ballungsgebiet. „Auffällig ist aber“, sagt er, „dass es bei den Frauen deutlich mehr Nebenerwerbsgründungen, also Unternehmensführungen in Teilzeit, gibt, als bei Männern. „Frauen behalten gerne ein zweites Standbein. Außerdem sind sie häufig in Branchen unterwegs, in denen es ein bisschen menschelt, also zum Beispiel Dienstleistungen, Kanzleien oder der Gastronomie.“ Im Bereich Technologie oder Energie seien Frauen mit 19 Prozent noch deutlicher unterrepräsentiert.

"Hallo Frau Brömmelkamp! Dürfen wir die Kaninchen füttern", tönt es, wenn Martina Brömmelkamp über den Hof geht. Reiten, Stallführungen oder Treckerfahrten für die Feriengäste anzubieten macht ich große Freude.

"Hallo Frau Brömmelkamp! Dürfen wir die Kaninchen füttern", tönt es, wenn Martina Brömmelkamp über den Hof geht. Reiten, Stallführungen oder Treckerfahrten für die Feriengäste anzubieten macht ich große Freude. © Kristina Gerstenmaier

Eine solche „Gründung in Teilzeit“ hat auch die Vinumerin Martina Brömmelkamp hinter sich. Gemeinsam mit ihrem Mann Christian entschied sie 2015 die Stallgebäude, die zehn Jahre lang leer gestanden hatten, zu drei Ferienwohnungen umzubauen.

Nachdem die Schwiegereltern ihre Ferkelaufzucht aufgegeben hatten und seither nur noch Sauenmast betreiben, habe es die Überlegung gegeben: Abreißen oder etwas draus machen? „Das mit den Ferienwohnungen war meine Idee und vom Verwaltungskram mit den Buchungsanfragen, über die Pflege und Reinigung, bis hin zur Bespaßung der Feriengäste komplett mein Projekt. Nur wenn handwerklich mal was getan werden muss, ist mein Mann auch dabei“, erzählt die 48-Jährige. „Ich hatte auch den Wunsch, etwas eigenes zu haben. Und mit Menschen und vor allem mit Kindern zu arbeiten, macht mir großen Spaß.“

Gründung als Altersvorsorge

Eine Selbstständigkeit anzumelden, darüber habe sie noch nie nachgedacht. Vielmehr sieht sie in den Ferienwohnungen ein drittes Standbein, das sie und ihr Mann neben ihren jeweiligen Berufen und dem landwirtschaftlichen Betrieb der Schwiegereltern gemeinsam haben. Christian Brömmelkamp arbeitet in Vollzeit als Anlagentechniker. Martina Brömmelkamp ist gelernte Kinderkrankenschwester. Es war ihr wichtig, auch mit der Geburt ihrer drei Kinder, immer einen Fuß in dieser Tür der Berufstätigkeit zu halten. Doch seit die Kinder aus dem Gröbsten raus sind - sie sind 13, 17 und 19 Jahre alt und die älteste Tochter sogar ganz frisch ausgezogen - hatte sie Zeit für etwas Neues. „Die Ferienwohnungen sehe ich vor allem als private Rentenvorsorge. Aber ich freue mich darauf, dass wir uns dann mit 60 Jahren zurücklehnen und nur noch das machen können.“

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