Keine Berufsschule: Manche Azubis bekommen nur das Wochenende zum Lernen

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Die Sorgen des Handwerks sind groß: Gibt es in einigen Monaten noch genügend Aufträge? Finden die Betriebe neue Auszubildende und wie werden sie unterrichtet? Die Situation ist komplex.

Nordkirchen

, 26.05.2020, 15:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ulrich Müller macht sich keine Illusionen: „Die normalen Wege bei der Gewinnung neuer Auszubildenden funktionieren dieses Jahr nicht“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Coesfeld. Bewährte Infoveranstaltungen und Kontaktaufnahmen zwischen Betrieben und Schülern seien in der Coronakrise aktuell nicht möglich.

Deshalb sei die Kreishandwerkerschaft gerade dabei, die Situation rund um den Ausbildungsstart 1. August „genauer zu beleuchten“. Kreishandwerks-Geschäftsführer Frank Summen ist noch nicht in Sorge. Summen erwartet aber „keine eklatante Veränderung bei den Ausbildungsplätzen im Kreis Coesfeld.“

Viele Azubis haben keine oder sehr wenige Präsenzzeiten in der Schule

Aktuell sind bei der Kreishandwerkerschaft für das neue Ausbildungsjahr erst 256 neue Verträge eingetragen. Eine Zahl, die sie deutlich erhöhen wird - vor allem nach den Abschlussprüfungen der Schulen. Nur zum Vergleich, aktuell machen gut 1750 junge Menschen eine Ausbildung in einem Handwerksbetrieb.

Zur praktischen Ausbildung kommt eigentlich der theoretische Unterricht. Allerdings haben viele Auszubildende schon seit Wochen keine Präsenzzeiten mehr an den Berufsschulen. „Sie waren geschlossen“, sagt Frank Summen. Als Unterricht wieder möglich war, hätten die Berufskollegs Schwerpunkte setzen müssen.

Vorrangig hätten die jungen Menschen Unterricht gehabt, die vor einer Zwischenprüfung standen. „Aber die Schulen haben sich Alternativen überlegt“, sagt Summen und verweist auf Sprechstunden, digitale Plattformen und überbetriebliche Unterweisungen.

Kreishandwerkerschaft: „Es gibt die Betriebe und die Betriebe“

Summen räumt aber Informationen dieser Redaktion ein, dass es Handwerksbetriebe gibt, die ihre Azubis komplett in der praktischen Arbeit einplanen. Die Theorie, so der Vorwurf, mögen die jungen Menschen am Wochenende in ihrer Freizeit nachholen. „Es gibt die Betriebe und die Betriebe“, sagt der Geschäftsführer.

Dass sich auch die Situation von Schule zu Schule deutlich unterscheiden kann, sagt Klaus Schneider, Leiter des Pictorius Berufskollegs Coesfeld. Eine wichtige Frage, wie sehr das Personal aktuell reduziert sei. Bekanntlich sind Pädagogen ab 60 Jahren, beziehungsweise mit Vorerkrankungen, aktuell nicht im Präsenzunterricht.

Allerdings habe gerade das Land NRW beschlossen, dass ab dem 3. Juni sich Lehrkräfte nur noch mit einem ärztlichen Attest vom Präsenzunterricht befreien lassen können. Schneider vermag noch nicht einzuschätzen, wie sich diese Neu-Regelung in der Praxis auswirken wird.

Berufsschulklassen müssen geteilt werden - bei weniger Lehrern

Ein Problem werden auch die Berufskollegs weiter haben, aus einer größeren Berufsschulklasse sind in Coronazeiten bis zu drei Klassen geworden - mit entsprechenden Bedarf an Lehrkräften. Weil aber ihre Zahl gleichzeitig gesunken ist, haben die Auszubildenden deutlich weniger Unterricht in der Schule als vorgesehen.

Auch die Berufskollegs hätten sich „digital sehr schnell weiterentwickelt“, sagt Schulleiter Schneider. Allerdings könne der Online-Unterricht nicht so effektiv sein wie der Präsenzunterricht. In den nächsten Monaten und vielleicht auch Jahren müsse deshalb „einiges aufgearbeitet werden.“

Betriebe müssen Azubis für das Lernen freistellen

Frank Summen sieht kein Problem darin, dass Auszubildende jetzt in Bereichen wie der Endmontage eingesetzt werden und somit beispielsweise eine ganze Woche nicht vor Ort sind. Frank Summen sagt aber auch sehr deutlich, dass „Betriebe die Auszubildenden für das Lernen theoretischer Grundlagen freistellen müssen.“

Dass diese Situation nicht überall gegeben ist, ist der Kreishandwerkerschaft bekannt. „Es gibt auch Betriebe, die den Wegfall der Berufsschule ausnutzen.“ Andere Firmen würden hingegen die Azubis auch in der Theorie schulen.

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