Wenn das Geld nicht reicht, um Urlaub zu machen

Eine junge Mutter erzählt

Andere träumen von den Malediven, den USA oder der Karibik. Silvia Heinze* würde schon ein Urlaub auf Ameland richtig glücklich machen. Für ihre drei Kinder ist Urlaub ein Tagesausflug an die holländische Grenze. Für mehr reicht das Geld nicht. Wie sich das anfühlt und welche Pläne sie hat, um sich und ihren Kindern mehr bieten zu können, hat Silvia Heinze uns erzählt.

OLFEN

, 21.08.2014, 17:10 Uhr / Lesedauer: 3 min
Sie hat einfach kein Geld, um mit ihren Kindern in den Urlaub zu fahren. Doch ihre Heiterkeit hat Silvia Heinze*, die unerkannt bleiben möchte, nicht verloren. »Mein Traum ist es, einmal mit meinen Kindern nach Ameland zu fahren«, sagt sie.

Sie hat einfach kein Geld, um mit ihren Kindern in den Urlaub zu fahren. Doch ihre Heiterkeit hat Silvia Heinze*, die unerkannt bleiben möchte, nicht verloren. »Mein Traum ist es, einmal mit meinen Kindern nach Ameland zu fahren«, sagt sie.

wirkt wie eine starke Frau: Sie ist sympathisch und aufgeschlossen, als wir sie im Café einer Olfener Bäckerei treffen. Ende 20 erst, aber schon mit drei Kindern gesegnet: Ihr ältester Sohn ist zehn Jahre alt, der Bruder sechs und die Halbschwester der beiden gerade zwei. Vor sechs Wochen trennte sie sich vom Vater der Tochter. Jetzt lebt sie wieder allein mit den Kindern – von Hartz IV.

Frau Heinze schläft daheim zurzeit in einem eigenen Zimmer; aber das ist Luxus, sie wird bald wieder auf die Couch der Vier-Zimmer-Wohnung umziehen, damit die beiden Jungs ein eigenes Zimmer haben. Geflogen ist sie noch nie in ihrem Leben, davor hat sie aber auch Angst. Ihr Urlaub in der Kindheit, sagt sie, war sechs Wochen Zeit bei Freunden. Sie zog daheim in den Ferien praktisch aus, schlief bei anderen Mädchen in der Nachbarschaft, damals in ihrer Heimat nahe der holländischen Grenze. Oft ging es auch auf den Campingplatz in der Nähe.

Ist das Urlaub? Psychologen unterstreichen die Bedeutung von einer Auszeit für den Menschen. Einmal im Jahr sollte er sie sich mindestens nehmen. Er sollte rausgehen aus dem gewohnten Umfeld. Das gilt für Erwachsene genauso wie für Kinder. Tapetenwechsel – das tut der Psyche gut. Es lädt den Akku für den nach dem Urlaub schnell wieder beginnenden Alltag auf, mit all seinen Prüfungen und Aufgaben. Große Erlebnisse oder Erkundungen der weiten Welt sind dabei nicht zentral, aber erhöhen manchmal sogar den Wert – denn sie sorgen dafür, dass man sich gerne erinnert und von einem Urlaub noch Jahre zehrt.

„Der Große erzählt öfter mal, dass seine Mitschüler hierhin und dorthin fliegen“, sagt die Frau, die schon als Minderjährige Mutter wurde, und holt uns mit den Gedanken, die gerade die Welt umkreisen, ins Olfener Café zurück. Sie kann ihm das nicht bieten. „Oft entgegnet er dann, dass er in Holland war – das ist auch akzeptabel, das klingt auch nach Urlaub.“ Was er dann aber meint, sind Tagesreisen zu Verwandten knapp hinter der Grenze. Strapaziöse Reisen: „Wir steigen dann hier in den Zug bis Lüdinghausen, steigen dort um bis nach Coesfeld; und von dort fährt ein Bus zum Zielort. Drei Stunden Fahrt sind das“, erzählt Silvia Heinze. Mit dem Auto wäre man in einer da.

„Zu Hause fällt mir die Decke oft auf den Kopf“, so Heinze – sie will auch mal rauskommen. Kürzlich war sie mit dem Zug für ein Wochenende bei einer Freundin in Winterberg. Die Kinder brachte sie bei deren Vater oder ihren Eltern unter.

Heinze bekommt Hartz IV. Sie konnte aufgrund der Schwangerschaft mit 16 ihre geplante Ausbildung zur Floristin nicht antreten, der Chef sagte ihr kurz vor dem Start einfach ab. Sie hatte einen Hauptschulabschluss mit gutem Zeugnis, aber sie musste das Kind erziehen. Und dann das zweite. Immer wieder arbeitete sie zwischendurch in Aushilfsjobs. So konnte sie ihren Großen in diesem Jahr zur Stadtranderholung schicken. Das kostete sie 120 Euro – „aber irgendwas muss der Junge ja erleben“. Die Kinder haben auch eine Jahreskarte fürs Naturbad (25 Euro je Kind). „Das lieben sie“, sagt Silvia Heinze.

Durch die Jobs gelang es ihr, via Verwandtschaft etwas Geld zurückzulegen, obwohl das eigentlich mit Hartz IV nicht geht. Sie sparte 50 Euro im Monat an und investierte das in einen Führerschein. Bald will sie sich das Auto ihrer Eltern ausleihen, die Kinder hereinsetzen und losfahren. Auf die Insel. Nach Ameland. Dort war sie früher dreimal mit einer Ferienfreizeit. In einen richtigen Urlaub. Den kann sie dann auch brauchen: Denn wenn die jüngste Tochter im nächsten Sommer in die Kita kommt – den Platz hat sie sicher –, dann macht Silvia Heinze endlich ihre Ausbildung zur Floristin. Den Vertrag hat sie kürzlich unterschrieben. Vorher kann sie dann vielleicht noch eine Woche den Akku aufladen. Ein Traum. Vielleicht wird er wahr. 

Ein Recht auf Urlaub forderte die Parteichefin der Linken, Katja Kipping, Anfang August. Ihr Vorschlag: 500-Euro-Gutscheine für Empfänger von Sozialleistungen. Ihre Diagnose: Jeder Fünfte in Deutschland leiste sich keine Urlaubsreise – 58 Prozent aller Armen und die Hälfte aller Alleinerziehenden, summiert nach ihrer Rechnung drei Millionen Kinder in diesem Sommer. Von anderen Parteien gab es zum Teil Zustimmung, aber auch den Hinweis, dass man das über bestehende Angebote wie Ferienfreizeiten oder sonstige Gutscheine lösen könne.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt