Westfleisch: Betrieb geschlossen, Konsequenzen für den ganzen Kreis

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Beim Konzern Westfleisch häufen sich die Coronafalle, was auch im Kreis Coesfeld zu einer massiven Steigerung der Neu-Infektionen führt. Was bedeutet das für den Kreis? Fragen und Antworten.

Nordkirchen, Olfen, Ascheberg

, 08.05.2020, 14:29 Uhr / Lesedauer: 4 min

Mit der Überschreitung des Corona-Grenzwerts von 50 ist der Kreis Coesfeld der erste Kreis in NRW, der diese Marke überschreitet. Im Zusammenhang stehen die Neu-Infektionen mit einem Ausbruch beim Unternehmen Westfleisch. Wie ist die Lage zu bewerten? Wir fassen es in Fragen und Antworten zusammen.

Wie ist die Lage bei Westfleisch?

Hat Westfleisch noch geöffnet? Diese Frage wollte der Kreis Coesfeld am frühen Freitagnachmittag nicht beantworten. Um 15.30 Uhr tat es dann Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Der Betrieb werde vorläufig geschlossen, verkündete Laumann auf einer Pressekonferenz.

Westfleisch selber antwortete uns am Mittag noch, dass die Produktion im reduzierten Ausmaß weiter laufe. „Auch in dieser Hinsicht erfolgt unser weiteres Vorgehen in enger Abstimmung mit den zuständigen Behörden von Kreis und Stadt“, so Philipp Ley. Auf die Frage, ob das Unternehmen schon von der Schließung wisse, antwortete Laumann in der Pressekonferenz: „Sie können das ja jetzt sehen.“

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Schon am Donnerstagabend war die Lage beim Kreis zum Thema Westfleisch äußerst unübersichtlich. Die widersprüchlichen Meldungen überschlugen sich. Zunächst hatte der WDR Landrat Christian Schulze Pellengahr zitiert, der davon sprach, dass eine Schließung des Unternehmens von Westfleisch-Seite entschieden worden sei. Wenig später sagte Sandra Wilde von der Kreis-Pressestelle unserer Redaktion, dies sei schon wieder überholt. „Das Unternehmen hat sich überlegt, wie es unter den derzeitigen Bedingungen mit den vielen Infizierungen den Weiterbetrieb gewährleisten kann.“ Die dpa berichtet dann später, dass der Betrieb doch weitergeführt werde. Eine erneute Mitteilung des Kreises, um die Meldung zu korrigieren, gab es nicht.

Wie viele Mitarbeiter von Westfleisch sind mit dem Coronavirus infiziert?

Mit Stand von Freitagabend war bei 151 der rund 1200 Mitarbeitern eine Infektion festgestellt worden. Es stehen aber auch noch Tests aus. Insgesamt sind 650 Abstriche gemacht worden. Der Kreis will alle Mitarbeiter des Unternehmens testen lassen.

Seit wann treten die gehäuften Fälle auf?

Die erste Nachricht gab es dazu am Montag. Der Kreis vermeldete 51 neue Infektionen. Eine Überraschung im Vergleich zu den konstant niedrigen Werten der vergangenen Tage. Verantwortlich dafür wären vor allen Dingen Neuinfektionen im Zusammenhang mit Westfleisch, sagte Kreissprecher Christoph Hüsing am Montag unserer Redaktion. Der Kreis habe aktiv in diesem Umfeld getestet, was auch zu der hohen Fallzahl führe. Der Betrieb in dem Unternehmen könne aber unter strengen Bedingungen weitergeführt werden. Über die nächsten Tage kamen mehr Fälle dazu. Am Donnerstag stieg die Fallzahl noch einmal drastisch mit 52 neuen Infektionen. Am Freitag kamen 28 neue Fälle hinzu.

Gibt es Kritik daran, dass die Firma trotz der vielen Infektionen noch geöffnet hatte?

Ja. Die Tierrechtsorganisation Peta zum Beispiel wandte sich in einem Brief an Coesfelds Landrat Christian Schulze Pellengahr und forderte die Schließung des Betriebes. „Die Fortführung der Produktion zeigt einmal mehr, dass in diesem System Profit über dem Wohl von Tieren und Menschen steht und damit die Ausbeutung der Arbeiter zur Tagesordnung gehört“, so die Organisation.

Auch SPD-Landratskandidat Hermann-Josef Vogt forderte in einem offenen Brief an NRW-Gesundheitsminister Laumann die sofortige Schließung des Betriebes. Sein Parteikollege, der ehemalige NRW-Justizminister und Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag, Thomas Kutschaty, forderte den Lockdown für den gesamten Kreis.

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„Die Zahlen aus dem Kreis Coesfeld sind alarmierend und fordern rasche und deutliche Konsequenzen. Der Landrat des Kreises Coesfeld muss den Lockdown für das Kreisgebiet einführen und die Lockerungen zurücknehmen, um den Pandemieherd einzudämmen. Das sieht die Vereinbarung vor, die die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten getroffen haben“, so Kutschaty in einer Pressemitteilung am Freitag. Es sei absolut verantwortungslos, in einer solchen Situation den Betrieb weiter aufrecht zu erhalten. Das gefährde nicht nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Westfleisch, sondern sei auch ein großes Risiko für den ganzen Kreis Coesfeld.

War klar, dass das Land bei der Schließung des Betriebes Druck machen würde?

Eine Schließung, „das ist eigentlich Sache des Kreisgesundheitsamtes“, sagte Sprecherin Sandra Wilde unserer Redaktion noch am Donnerstag. Da hatte der Kreis auch betont, dass die Neuinfektionen mit Ausnahme von den Fällen bei Westfleisch deutlich abnehmen. Dem Kreis war an diesem Tag erst klar geworden, dass er den gerade erst eingeführten Schwellenwert von 50 überschreiten würde und niemandem war klar, was dieser neue Schwellenwert bedeuten würde. Das Land arbeite gerade daran, die Vorgaben in ein Gesetz zu gießen, wie ein Sprecher des NRW-Ministeriums für Arbeit und Umwelt noch am Donnerstag. Dementsprechend wusste auch der Kreis nicht, was auf ihn zukommt.

War klar, dass der Lockdown für alle Kommunen im Kreis kommen würde?

Nein. Ministerpräsident Armin Laschet hatte aber am Mittwoch angedeutet, dass Unterscheidungen denkbar seien. Gerade, wenn der Infektionsherd klar ist. Eine Stadt sei anders zu bewerten als eine ländliche Region, hatte Laschet zum Beispiel gesagt. Zudem gibt es im Kreis Coesfeld Städte und Gemeinden, die schon seit Wochen keine Neuinfektionen mehr haben.

Das trifft zum Beispiel auf Nordkirchen zu. Dietmar Bergmann, Bürgermeister der Gemeinde Nordkirchen, hoffte noch darauf, dass sich die Situation bei Westfleisch nicht auf den gesamten Kreis Coesfeld auswirken wird. Nordkirchens Bürgermeister Dietmar Bergmann sagte dazu am Freitag dennoch, die Regelung sei die harte, aber sichere Variante.

Wird die Zahl im Kreis Coesfeld noch weiter steigen?

Ja. Es stehen noch Testergebnisse aus. Zudem treffen die Meldungen des Kreisgesundheitsamtes immer mit einer Verspätung von bis zu zwei Tagen beim Robert-Koch-Institut ein, das entspricht auch den gesetzlichen Vorgaben, wie eine RKI-Sprecherin sagt. Die RKI-Zahlen sind noch viel geringer als die Kreiszahlen. Eine Berechnung unserer Redaktion mit den Zahlen vom Donnerstag zeigt beispielsweise, dass der Wert von Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen bereits bei über 70 liegt.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben diesen Text nach der Pressekonferenz des Landes NRW, bei der die Auswirkungen für den Kreis Coesfeld bekannt gegeben wurden, entsprechend aktualisiert.

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