2600 Schlosstrauungen in zehn Jahren

Kuriose Wünsche

Ein Paar wollte sich die Ringe während der Trauung eintätowieren lassen. Ein anderes wollte im Pferdestall heiraten. Ganz soweit reicht selbst die Flexibilität der Raesfelder Standesbeamten nicht. „Es muss schon im würdevollen Rahmen sein“, sagt Norbert Altrogge. Seit zehn Jahren sorgen zwölf Standesbeamte dafür, dass Paare rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche am Schloss Raesfeld heiraten können.

Raesfeld

, 07.06.2017, 17:49 Uhr / Lesedauer: 2 min
Seit zehn Jahren bieten Raesfelder Standesbeamte wie Monika Hartmann (l.) und Norbert Altrogge (r.) Trauungen am Raesfelder Schloss rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche an. Anja und Frank Hölter gehörten zu den ersten Raesfeldern, die dieses Angebot nutzten.

Seit zehn Jahren bieten Raesfelder Standesbeamte wie Monika Hartmann (l.) und Norbert Altrogge (r.) Trauungen am Raesfelder Schloss rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche an. Anja und Frank Hölter gehörten zu den ersten Raesfeldern, die dieses Angebot nutzten.

Ein Service, den es so in weniger als zehn Städten in Deutschland gebe, sagt Bürgermeister Andreas Grotendorst. Das Konzept habe man damals verwirklicht, „weil wir gesehen haben, dass der Markt dafür da ist“. Das Schlossumfeld sei schon vorher oft für Fotos von Frischvermählten genutzt worden. Da sei es naheliegend gewesen, „den Leuten ein tolles Angebot zu machen“.

Anja und Frank Hölter gehörten zu den ersten Raesfeldern, die das Angebot 2007 nutzten, auf Schloss Raesfeld zu heiraten. „Ein Nachteil war, dass es keinen Regenschutz gab“, erinnert sich Frank Hölter schmunzelnd. „Wir gehören zur Nachbarschaft des Schlosses“, erklärt Anja Hölter, weshalb sie dort geheiratet haben. Die kirchliche Trauung erfolgte in Erle, wo sie gebürtig herkommt.

„Eine tolle Location allein reicht nicht“, ist Grotendorst überzeugt, dass auch die Gastronomie auf Schloss Raesfeld in Händen der Familie Nießing ein wichtiger Faktor für den Erfolg der Schlosstrauungen ist. Standesbeamter Norbert Altrogge erinnert daran, dass im ersten Jahr 80 Paare im Schloss heirateten. 2008 waren es 170. „Jetzt sind wir bei 350 Paaren pro Jahr.“ Rund 50 davon kommen aus Raesfeld. „Jetzt haben die Raesfelder ihr Schloss wieder“, hätten viele gesagt, so Anja Hölter.

Miss Kroatien

Woher kommen die auswärtigen Paare? Aus den Nachbarkommunen, dem Ruhrgebiet, aber auch aus dem Ausland und sogar aus Australien. Selbst „Miss Kroatien“ ließ sich im Schloss Raesfeld trauen. Dass zwei LKWs der Firma Stenkamp für die Schlosstrauungen „Werbung“ fahren, hatte einen durchschlagenden Effekt, kann Grotendorst berichten. Ein Dresdener habe beim Anblick eines LKWs spontan seiner Angebeteten einen Antrag gemacht und sie später in Raesfeld geheiratet. Ein anderes Paar, das im Schloss geheiratet hatte, habe anschließend in Raesfeld gebaut und sei in den Ort gezogen, sagt Hartmann. Bei den Trauungen gehe man individuell auf die Wünsche der Paare ein, sagen die beiden Standesbeamten. Dass das Trauangebot „rund um die Uhr“ auch nachgefragt wird, sieht man jedes Jahr am 31. Dezember. Da gab es zuletzt von 9 bis 23 Uhr im 60-Minuten-Takt eine Trauung. „24 Uhr wollte keiner mehr“, so Hartmann schmunzelnd. Steuerliche Gründe dürften entscheidend gewesen sein. Einige Paare hätten nach Weihnachten noch angerufen und nach einem Termin gefragt, so Altrogge. Probleme hätten sie dann meistens mit ihren Standesämtern vor Ort bekommen, sagt Grotendorst, die die erforderlichen Unterlagen nicht so schnell ausstellen konnten.

Mit dem Hubschrauber angereist

Die Raesfelder Standesbeamten achten darauf, dass keiner von ihnen mehr als drei bis vier Trauungen pro Tag absolvieren muss. Und dass die zwei Trauzimmer im Schloss nicht parallel besetzt sind. Nach Fließband-Arbeit soll es sich für die Paare nicht anfühlen. Bei rund 2600 Trauungen haben die Standesbeamten in der Zeit einiges erlebt. Das Paar, das im Hubschrauber eingeflogen kam, wofür zunächst die Genehmigung eingeholt werden musste. Den Bräutigam, der Jahre später mit einer neuen Braut wieder in Raesfeld heiraten wollte und Hartmann fragte, ob er als „Wiederholungstäter“ Prozente bekomme. Oder Paare, die in mittelalterlichen Gewändern heirateten. Oder die Schwiegermutter, die ganz sicher nur rein zufällig „vergessen“ wurde. Hartmann: „Der, der sie abholen sollte, sagte: ‚Die stand nicht an der Straße.‘“

„Endlich fertig?“

Auch an den Trauzeugen, der eine Wette mit dem Bräutigam laufen hatte, und deshalb zunächst die Trauung nicht bezeugen wollte, erinnert sich Hartmann schmunzelnd. Und Altrogge an das dreijährige Kind auf dem Schoß der Eltern, das, als sich alle zum Ja-Wort erhoben, genervt fragte: „Sind wir jetzt endlich fertig? Können wir gehen?“

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