Andreas Grotendorst: Was der Bürgermeister nach seinem Abschied plant

mlzInterview

Bürgermeister Andreas Grotendorst übergibt am Wochenende das Ruder an Martin Tesing. Über seine Pläne und den dramatischsten Moment seiner beiden Amtszeiten spricht er im Interview.

Raesfeld

, 29.10.2020, 15:02 Uhr / Lesedauer: 3 min

Aufräumen bis in den späten Abend ist derzeit im Raesfelder Bürgermeisterbüro angesagt. Andreas Grotendorst verlässt nach zwei Amtszeiten sein Büro, von wo aus er über zwei Amtszeiten die Geschicke Raesfelds steuerte.

Herr Grotendorst, ich sehe hier noch einiges an Akten im Bürgermeisterbüro, auch der Schreibtisch ist immer noch ziemlich voll. Warum?

Ich räume gerade aus, man sieht es an den Schränken. Ich will das Büro ja vernünftig übergeben. Wenn man nach 14 Jahren aufräumt, sieht man, was sich alles angesammelt hat, was schon Geschichte ist, welche Probleme sich schon ohne weiteres Dazutun gelöst haben - auch die Fälle gibt´s. Und welche Probleme noch nicht gelöst werden konnten.

Wenn Sie Ihre beiden Amtszeiten als Bürgermeister vergleichen: War die zweite die schwierigere?

In der ersten Amtszeit hat man ein bisschen Welpenschutz. Ich habe immer gesagt, man braucht etwa anderthalb Jahre, um sich in eine neue Stelle einzuarbeiten. Wenn man vorher Beigeordneter war, geht es etwas schneller. Menschen kennenlernen ist ein Großteil des Jobs. Nicht nur kennenlernen, sondern auch mit ihnen zusammenarbeiten. In der zweiten Amtszeit haben wir ganz viele Themen auf den Zettel bekommen, die wir vorher nicht auf dem Aufgabenzettel hatten. Wenn ich etwa an die Flüchtlingskrise denke: Als ich nachts den Anruf bekam und hörte „Epping brennt“, nur diese zwei Worte - ich merke jetzt noch, wie mir dabei das Blut durch den Körper schießt. Da haben wir nachts bis vier, fünf Uhr an der Flüchtlingsunterkunft auf das LKA gewartet. Aber dafür gibt es auch viele, viele schöne Momente.

Was war denn Ihr bester Moment?

Es gab viele schöne Moment. Wir haben viel gelacht hier im Rathaus. Viele Projekte sind aus Türrahmengesprächen gestartet. Die Leute sprechen viel miteinander, dann entstehen Ideen. Eins meiner Lieblingsprojekte war das Naturerlebnisprojekt - das Projekt, wo mal keiner gemeckert hat. Die Schwelle, wo Leute sich über Dinge aufregen, ist im Laufe der letzten Jahre immer weiter runter gegangen. Und der Ton ist anders geworden. Wir können mit konstruktiver Kritik super leben, aber wenn ich sehe, was manchmal in Sozialen Medien läuft, und wie und auf welchem Niveau da diskutiert wird ...

Das Naturerlebnisgelände am Schloss Raesfeld ist Grotendorsts Lieblingsprojekt, das in seinen Amtszeiten umgesetzt werden konnte.

Das Naturerlebnisgelände am Schloss Raesfeld ist Grotendorsts Lieblingsprojekt, das in seinen Amtszeiten umgesetzt werden konnte. © Berthold Fehmer

Was macht denn der Bürgermeister, wenn er nicht mehr Bürgermeister ist?

Das ist derzeit die meistgestellte Frage. Ich nehme bewusst drei, vier Monate Auszeit und strebe dann an, dass ich vielleicht im März oder April etwas Neues habe. Corona-bedingt ist der Stellenmarkt etwas schwierig.

Jetzt lesen

Die Gemeinde Raesfeld sucht doch noch einen Ersten Beigeordneten ...

(Lacht) Da hätte ich zumindest Berufserfahrung.

Gibt es in der Frage etwas Neues?

Da halte ich mich raus. Es gibt Bewerbungen, aber ich habe keine gesehen. Als damals die Stelle ausgeschrieben wurde, meinte ein Ratsmitglied: „Du weißt ja, Andreas, der Rat wählt den Ersten Beigeordneten, nicht der Bürgermeister.“ Ich habe gesagt: „Das ist richtig, aber wahrscheinlich verbringe ich in den nächsten Jahren mehr Zeit mit dem als mit meiner Frau. Deswegen wäre es schon gut, wenn das ein bisschen passen würde.“ (Lacht)

Sie sagten gerade, Sie nehmen sich eine Auszeit. Brauchen Sie die jetzt auch?

Ja. Ich brauche das jetzt. Ich habe noch einiges an Resturlaub, den ich nicht nehmen konnte und wollte, um die Übergabe so gut wie möglich zu machen. Corona war im letzten halben Jahr dominierend. Ich habe versucht, jetzt noch so viel wie möglich abzuarbeiten, weil ich auch wusste, dass ich danach ein bisschen Leerlauf habe. Obwohl: Die nächste Woche ist noch Steuererklärung und Krankenkasse dran, die Woche danach hat meine Frau schon Maler bestellt ...

Wenn nun ein zweiter Corona-Shutdown im November kommt, haben Sie da auch mal gedacht: Gut, dass ich das jetzt nicht mehr verantworten muss?

Nein. Ein Krisen-Szenario ist keine Sache, vor der man wegrennt. Der Job ist mit Verantwortung verbunden. Da ist man am Anfang sicherlich etwas vorsichtiger, aber ich habe mit Markus Büsken einen Ordnungsamtsleiter, der deutlich mehr Erfahrung hat. Wir haben alles gut hinbekommen, weil wir Leute haben, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, selbst Entscheidungen zu treffen. Ich habe immer gesagt: Mir ist lieber mal ein Fehler, als wenn es keine klaren Entscheidungen, keine klare Linie gibt. Wenn´s dann mal nicht ganz richtig war, bessern wir nach. Dass wir keine Ordnungsgelder verhängen mussten, zeigt, wie hoch die Kommunikationsleistung ist. Nicht nur Briefe verschicken, sondern hinfahren, reden. So bekommt man auch das Leid der Leute mit, finanziell, aber auch bei Menschen, die richtig krank waren.

Wofür hätten Sie in Ihrem Job gerne mehr Zeit gehabt?

Wir haben viele engagierte Menschen, die oft im Stillen arbeiten. Wenn ich sehe, wie viel Zeit wir brauchen, uns um die zu kümmern, die laut schreien, ist das etwas, was den Job schwierig macht.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Die Menschen. Selbst zu Corona-Zeiten war ich noch unter relativ vielen Menschen, weil ich arbeiten war. Immer gab es was zu regeln. Wenn man sich vorstellt, demnächst zu Hause zu sitzen, ohne dass man großartig was machen kann? Mich haben viele gefragt: „Was ist denn danach?“ Ich habe immer gesagt: „Am schönsten wäre eine geile Aufgabe. Oder mit interessanten Leuten zusammen zu arbeiten. Aber am liebsten beides!“

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt