Kreißsaal für Kühe unter freiem Himmel

Geburtswiese in der Dorfmitte

Die zwei frisch geborenen rot- und schwarz-weißen Kälbchen schauen neugierig den vorbeifahrenden Autos auf der Schermbecker Straße nach. Das Licht der Welt erblickten die Tiere auf der "Erler Geburtswiese" - komplikationslos und schnell.

Raesfeld

, 20.07.2015, 16:02 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Tiere gehören Bauer Andreas Gerdes. Er ist nicht nur der einzige Bauer in der Dorfmitte, sondern auch der Einzige, der seit ewigen Zeiten eine "Gebärwiese" für seine Rinder hat. Momentan geht es hier zu wie in einem Taubenschlag. Rund 30 Kälbchen kamen in diesem Sommer auf die Welt, und immer wieder bleiben vorbeigehende Passanten staunend am Zaun stehen und schauen zu, "wenn es mal wieder soweit ist".

"Der Himmel ist der beste Kuhstall", lautet das Motto von Ludwig Gerdes, der seinen Hof (knapp 50 Hektar Wirtschaftsfläche) mit Ehefrau Gisela und Sohn Andreas bereits in vierter Generation bewirtschaftet.

Harte Knochenarbeit

Gerdes hat bereits vor zehn Jahren den elterlichen Hof übernommen und weiß, was es heißt, heute mit Landwirtschaft sein Geld zu verdienen. Was auf dem Hof mit dem großen Misthaufen in der Mitte vielleicht sogar etwas romantisch wirkt aussieht, ist harte Knochenarbeit. Sieben Tage die Wochen an 365 Tagen im Jahr.

Der kleine Milchbetrieb mit rund 80 Kühen war, bis zur Regelung der Milchquote 1984, noch einer der größten Höfe in der Umgebung. Heute können die Gerdes von der Milchwirtschaft alleine nicht leben. Dass es nur 28 Cent pro Liter Milch gibt, bringt Andreas Gerdes regelrecht auf die Palme. Aber auch die Kälberpreise bereiten dem Bauer große Sorgen. "Bis März bekamen wir für ein Kälbchen gerade mal 50 Euro, für eine Zwillingsgeburt pro Kalb 35 Euro. Das deckt noch nicht einmal die Besamungsgebühr und den Tierarzt ab", ärgert sich der Jungbauer.

Kein Platz für Romantik

Für Romantik ist deshalb kaum Platz. Alles will gut durchkalkuliert sein. "Am liebsten nehme ich leichtkälbige Bullen, damit die Mutterkühe eine leichtere Geburt haben", so Ludwig Gerdes, der sein ganzes Leben, wie sein Sohn Andreas auch, auf seinen Bauernhof in Erle verbracht hat. "Es ist schon traurig, dass wir die Kälber nicht lange bei ihren Müttern lassen können. Aber das sieht die EU nun mal nicht vor", sagt Ludwig Gerdes wehmütig.

Bevor Mutter und Kalb getrennt werden, gibt es dann doch wenigstens ein paar Stunden Glück unter blauem Himmel, Regen oder Sonne auf der "Erler Geburtswiese" miteinander, bevor beide getrennt werden und es dann ab in den Stall geht. Jeder für sich. 

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