Versprechen am Sterbebett mit Raesfelder Hilfe erfüllt

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Josip Kashinsky wurde am 2. Februar 1945 von Tieffliegern getötet. Das Ehepaar Sühling half seiner Enkelin, ein Versprechen zu erfüllen, das sie am Sterbebett ihres Vaters gegeben hatte.

Raesfeld

, 27.12.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Aus Weißrussland wurde Josip Kashinsky 1943 von der deutschen Militärverwaltung zur Zwangsarbeit verschleppt. „Unter menschenunwürdigen Bedingungen“, wie Richard Sühling heute weiß. In Viehwaggons wurde Josip nach Bocholt, vielleicht auch Dingden, gefahren. „Ich wurde in ein fremdes Land verschleppt und unser junges Leben wurde zerstört“, so schrieb Josip auf eine Postkarte - das letzte Lebenszeichen, das seine Familie besaß.

Versprechen am Sterbebett mit Raesfelder Hilfe erfüllt

Diese Postkarte war das letzte Lebenszeichen, das die Familie von Josip Kashinsky hatte. © privat

32 Jahre war Josip damals alt, er hatte drei Kinder. Einer seiner Söhne, Leonid, versuchte jahrzehntelang, irgendetwas über den Verbleib seines Vaters herauszufinden. Denn der kehrte nie wieder aus Deutschland zurück. Am Sterbebett musste ihm seine Tochter Iryna versprechen, weiter nach Josip zu suchen.

Anfrage gelangt nach Raesfeld

Als einziges Lebenszeichen hatte seine Familie die Postkarte mit einer Bocholter Ansicht erhalten. Sie wurde Generationen lang aufbewahrt. Über Vladimir, einen Freund der Familie, das International Center on Nazi Persecution aus Bad Arolsen, das Stadtarchiv Borken und die Gemeindeverwaltung gelangte eine Anfrage schließlich an das Raesfelder Ehepaar Richard und Margret Sühling.

Eine „kleine Herkules-Aufgabe“ nennt Richard Sühling vom Raesfelder Heimatverein das, was nun folgte. Über vier Monate ging die Korrespondenz zwischen Minsk in Weißrussland und insgesamt fünf beteiligten Heimatvereinen im südlichen Bereich des Kreises Borken.

Liste der verstorbenen Zwangsarbeiter

Das Ehepaar hatte vor Jahren eine Liste mit den Namen aller im Kreis Borken verstorbenen Zwangsarbeitern erhalten, die auf dem Sammelplatz in Maria Veen begraben wurden. Die Liste sei fehlerhaft, so Richard Sühling: „Aber auf dieser Liste fand sich der Name von Josip Kashinsky, allerdings in etwas anderer Schreibweise und leicht abweichendem Todesdatum.“ Margret Sühling: „Wir fanden den Grabstein von Josip, fotografierten ihn.“ Dann gaben sie die Nachricht an die Familie weiter.

Tränen der Erleichterung

Die Nachricht habe in Irynas Familie „Tränen der Erleichterung“ ausgelöst, so Sühling, die inzwischen Telefonkontakt zur Familie in Weißrussland hatte - ermöglicht „durch unsere Russisch sprechende Schwiegertochter Viktoriia, die immer zur Verfügung stand“.

Das Ehepaar Sühling forschte weiter und setzte Mosaiksteinchen zusammen. Es fand Unterlagen, die besagten, „dass Josip zunächst im Russenlager in Dingden, dem heutigen Haus Humberg, untergebracht war und auf dem Hof Honsel in Büngern arbeitete.“ Dort habe ein weiterer Josip gearbeitet, der aus Polen stammte. Zur Unterscheidung seien sie „Polen Jupp“ und „Russen Jupp“ gerufen worden. Mit dem Traktor war Josip am 2. Februar 1945 zur Bahnstation Marbeck Heiden gefahren, um Kohlen für die Brennerei abzuholen. Doch er wurde von alliierten Tieffliegern beschossen und tödlich getroffen.

„Sehr ergreifender Moment“

Es sei ein „sehr ergreifender Moment“ gewesen, so Margret Sühling, als Vladimir und Iryna nach der Überwindung vieler bürokratischer Hürden am 2. Dezember zum ersten Mal am Grab von Josip Kashinsky gestanden hätten. In den nächsten Tagen besuchten die beiden Angehörigen weitere Stationen aus Josips Leben.

Am letzten Tag vor der Abreise besuchten die Gäste und das Ehepaar erneut das Grab in Maria Veen. „Zwei Mitglieder des Heimatvereins Dingden und Helmut Kohlwey, Vorsitzender der Kameradschaft ehemaliger Soldaten Maria-Veen Hülsten, erwarteten uns dort“, so Richard Sühling. „Für unsere Gäste war es vielleicht ein wehmütiger Abschied, für alle übrigen Anwesenden sicherlich ein erinnerungsträchtiger Augenblick.“

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