Amokfahrer in Bocholt: Experte schließt technische Mängel bei Unfallwagen aus

mlzGerichtsprozess Bocholt

Ein dreifacher Mordversuch auf der B67, bei dem auch ein Ahauser gefährdet wurde, wird einem Bocholter vorgeworfen. Vor Gericht sagte am Donnerstag der Gutachter aus. Es ging auch ums Tempo.

von Ludwig van der Linde

Bocholt

, 06.12.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wie haben sich die beiden Unfälle auf der B67 am 29. April abgespielt? Um diese Frage ging es am Donnerstag im Prozess um den dreifachen Mordversuch auf der Bundesstraße. Angeklagt ist ein 48-jähriger Bocholter. Die Große Strafkammer des Landgerichts Münster vernahm Zeugen und hörte das Gutachten des Sachverständigen. Der schloss technische Mängel als Ursache für die Unfälle aus.

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Der Bocholter wird beschuldigt, an dem Tag gegen 19 Uhr seinen Wagen bewusst in den Gegenverkehr der B67 gelenkt zu haben, um Selbstmord zu begehen. Er habe dabei den Tod der anderen Verkehrsteilnehmer billigend in Kauf genommen, heißt es in der Anklageschrift.

Der 48-Jährige gibt die alkoholisierte Autofahrt – er hatte 2,9 Promille im Blut – ohne Führerschein zu, bestreitet aber, dass er sich habe umbringen wollen. An Einzelheiten des Tages könne er sich wegen eines „Filmrisses“ nicht erinnern.

Unfälle wurden rekonstruiert

Der Sachverständige, ein 50-jähriger Kfz-Meister und Maschinenbau-Ingenieur, hatte in seinem Gutachten die beiden Unfälle anhand von Fotos, Spuren auf der Bundesstraße sowie den Schäden an den drei beteiligten Autos rekonstruiert. Demnach war der Angeklagte mit seinem Peugeot auf der B67 in Richtung Rhede unterwegs.

Er fuhr rund 120 Stundenkilometer, als er in Höhe der Ausfahrt nach Biemenhorst mit dem Renault eines 64-jährigen Ahausers zusammenstieß, der mit rund 90 Stundenkilometern in Richtung Isselburg unterwegs war. Die Spuren, vor allem an der Leitplanke, würden darauf hinweisen, dass der Peugeot den Renault etwa in Höhe der Fahrertür erwischte, sodass dieser Wagen sich um die eigene Achse drehte.

„Der Angeklagte muss eine starke Einlenkbewegung vorgenommen haben“, sagte der Gutachter. Ob sich der Bocholter schon auf der Gegenfahrbahn befunden habe, wollte das Gericht wissen? Denn schließlich hätten das mehrere Zeugen ausgesagt. Das ließe sich nicht rekonstruieren, sagte der Sachverständige.

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Fakt sei aber, dass der Bocholter durch den Zusammenstoß ins Schlingern geriet, zumal der vordere linke Reifen Luft verlor. „Er muss gegengelenkt haben, um nicht in die Leitplanke zu fahren“, führte der Experte weiter aus. „Hat er denn gebremst?“, wollte die Vorsitzende Richterin wissen. „Nein, er hat nicht gebremst. Im Gegenteil: Er hat wieder beschleunigt“, antworte der Gutachter.

Mit rund 115 Stundenkilometern sei der Angeklagte dann die Auffahrt zur B67 hinuntergefahren. Dort stieß er mit dem VW eines Ehepaares aus Niederkassel bei Bonn zusammen, das auf die B67 Richtung Isselburg wollte. Durch den Aufprall an der Vorderseite drehte sich der Peugeot, überschlug sich mehrmals und landete auf der Grünfläche vor der Böschung.

Ursache für die abrupte Lenkbewegung bleibt ungewiss

Der Bocholter, der nicht angeschnallt war, wurde aus dem Auto geschleudert und schwer verletzt. „Zwischen den beiden Unfällen lagen rund 165 Meter“, berichtete der Gutachter. Was nach seiner Ansicht die Ursache für die abrupte Lenkbewegung gewesen sein könne, wollte das Gericht wissen. „Diese Frage kann ich nicht beantworten“, sagte der Experte.

Der Prozess wird am Donnerstag, 12. Dezember, um 9 Uhr am Landgericht Münster fortgesetzt. Dann soll die Beweisaufnahme abgeschlossen und die Plädoyers gehalten werden. Anschließend will sich die 2. Große Strafkammer für das Urteil zurückziehen, das vermutlich noch am gleichen Tag bekannt gegeben wird.

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