Angeklagter Bocholter Amokfahrer „nur“ vermindert steuerungsfähig

mlzGerichtsprozess Bocholt

Ein dreifacher Mordversuch auf der B67, bei dem auch ein Ahauser gefährdet wurde, wird einem Bocholter vorgeworfen. Er soll wegen Alkoholkonsums vermindert steuerungsfähig gewesen sein.

von von Ludwig van der Linde

Bocholt

, 02.12.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ende April soll ein 48-jährige Bocholter mit seinem Auto auf der Bundesstraße 67 in Bocholt in den Gegenverkehr auf das Auto eines Ahausers zugerast sein, um sich zu töten. Der Prozess wegen dreifachen Mordversuchs wurde am Montag fortgesetzt. Das Ergebnis des Prozesstages: Der Angeklagte war aufgrund des starken Alkoholkonsums zwar vermindert steuerungsfähig, aber nicht völlig.

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„Es gibt keine Hinweise auf einen Vollrausch“, sagte am dritten Verhandlungstag der forensische Psychiater aus, der den 48-jährigen Bocholter untersucht hatte. Der Mediziner empfahl der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Münster, den Angeklagten in eine Entziehungsanstalt einzuweisen, „weil die Wiederholungsgefahr groß ist, dass er erneut betrunken Auto fährt“.

Der Bocholter wird, wie mehrfach berichtet, beschuldigt, am 29. April gegen 19 Uhr seinen Wagen bewusst in den Gegenverkehr der B67 gelenkt zu haben, um einen Zusammenstoß herbeizuführen. Sein Ziel: Er wollte Selbstmord begehen. Der Mann habe dabei bei einer Geschwindigkeit von 120 Stundenkilometern den möglichen Tod der anderen Autofahrer billigend in Kauf genommen, heißt es in der Anklage weiter. Nur weil diese geistesgegenwärtig reagiert hätten, sei es zu keinen Frontalzusammenstößen gekommen.

Bocholter hat Selbstmordversuch abgestritten

Der Bocholter hat im bisherigen Prozessverlauf die alkoholisierte Autofahrt ohne Führerschein zugegeben, aber den Selbstmordversuch abgestritten. An Einzelheiten des Tages könne er sich nicht mehr erinnern, da er einen „Filmriss“ gehabt habe.

Der Psychiater geht davon aus, dass der Bocholter in den zwei Jahren vor der mutmaßlichen Straftat nahezu täglich Alkohol getrunken hat. Ende Dezember 2017 verlor der Mann den Führerschein, weil er mit 2,9 Promille Auto gefahren war und einen Unfall mit Blechschaden verursacht hatte. Die gleiche Blutalkoholkonzentration stellten die Ärzte auch bei seiner Unfallfahrt auf der B67 fest.

„Der Angeklagte steckte in einer sehr belastenden Situation“

„Der Angeklagte steckte in einer sehr belastenden Situation“, berichtete der Psychiater. Der Mann habe zeitweise nicht nur zwei Kinder versorgen müssen, weil seine Frau in Untersuchungshaft saß, sondern auch noch seine Mutter und drei Hunde. Hinzu seien finanzielle Probleme gekommen.

Besonders gelitten habe der Bocholter, so der Mediziner weiter, unter der Trennung von seiner Frau. Die hatte ihm am 8. April per WhatsApp auch noch mitgeteilt, dass sie einen anderen Mann habe. Danach habe der Angeklagte zunehmend Sprachnachrichten an seine Frau verschickt, deren Inhalt immer melodramatischer wurden. „Es gibt aber keine Hinweise auf eine krankhafte seelische Störung oder eine Depression beim Angeklagten“, so der Gutachter. Das wiederum stehe nicht im Gegensatz zur Anklage, „denn Suizidversuche sind oft relativ spontan und geschehen nicht aus einer schweren Depression heraus“.

Familienangehörige mahen vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch

Zuvor waren die Ehefrau des Bocholters sowie seine Stieftochter und sein Sohn als Zeugen vernommen worden. Alle drei machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Außerdem bestanden Stieftochter und Sohn darauf, dass ihre Aussagen im Ermittlungsverfahren der Polizei nicht mit in die Verhandlung einfließen dürfen.

  • Der Prozess wird am kommenden Donnerstag, 5. Dezember, fortgesetzt. Beginn ist um 9 Uhr im Landgericht Münster. Dann wird der Verkehrssachverständige sein Gutachten vorlegen. Außerdem werden mehrere Zeugen vernommen, die am 29. April ebenfalls mit dem Auto auf der B67 unterwegs waren und die beiden Unfälle gesehen haben sollen.
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