Architekt Paul Böhm warnt vor Abriss des Bocholter Rathauses

mlzGebäude in Gefahr?

Paul Böhm warnt vor dem Abriss des Bocholter Rathauses. „Zum 100. Geburtstag meines Vaters eine Debatte über den Abriss eines seiner bedeutendsten Werke zu führen, irritiert mich“, sagte er.

von Stefan Prinz

Bocholt

, 02.09.2020, 12:48 Uhr / Lesedauer: 2 min

Gottfried Böhm, Vater des Kölner Architekten Paul Böhm, hatte Anfang der 1970er-Jahre den Rathausneubau am Berliner Platz in Bocholt entworfen. Damals galt das Gebäude als architektonischer Vorreiter seiner Zeit. Mit der geplanten Sanierung, dessen Vorbereitung das Architekturbüro Böhm übernommen hat, werde das Gebäude aufs Neue zu einem Leuchtturmprojekt, sagte Paul Böhm. „Das sanierte Rathaus wird Zeichen setzen und insbesondere mit Blick auf die energetische Sanierung Modellcharakter für viele andere Häuser aus dieser Zeit haben.“ Denn zahlreiche Gebäude aus dieser Zeit seien mittlerweile sanierungsbedürftig. Mit einer modernen Sanierung in Bocholt könne das Rathaus zum Vorbild für zahlreiche andere Kommunen in Deutschland werden. „Diese Chance sollten die Bocholter in jedem Fall nutzen.“ Würde man das Rathaus jetzt abreißen, würden wertvolle Ressourcen vernichtet, erklärte Böhm.

Diskussion ist Teil der Demokratie

Dass aber derzeit über einen möglichen Abriss diskutiert werde, akzeptiere er. „Das ist Teil unserer Demokratie. Diese Diskussion ist wichtig. Allerdings sollten wir alle bei den Fakten bleiben. Der Denkmalschutz wird eine nur sehr kleine Komponente bei den Sanierungskosten sein. Ich freue mich auf eine anregende Debatte“, sagte Böhm.

Ungeachtet dessen stehen zahlreiche Politiker einer kostspieligen Sanierung des Rathauses sehr kritisch gegenüber. Der parteilose Bürgermeisterkandidat Berthold Blesenkemper hat vor wenigen Tagen eine Petition gegen „die geplante, teure Sanierung des Rathauses“ gestartet. Blesenkemper verweist darauf, dass sich in mehreren Online-Umfragen mehr als 90 Prozent der Bürger gegen die millionenschweren Sanierungspläne ausgesprochen hätten. 283 Bocholter sind bisher Blesenkempers Aufruf gefolgt. 970 sind notwendig, um einen Bürgerentscheid über die Rathausfrage zu erwirken.

Keine offizielle Kostenschätzung

Blesenkemper kritisiert ebenso wie Stadtpartei-Chef Dieter Hübers, dass dem Rat keine Kostenschätzung für die Sanierung des Rathauses vorgelegt werde, obwohl diese seiner Ansicht nach bereits existiere. So sei Hübers eine Kostenschätzung von Architekt Paul Böhm zugespielt worden, die sich über 65 Millionen Euro belaufe. Die Zahl dürfte aber noch mal steigen, weil darin noch nicht alle Gewerke berücksichtigt seien. Die Kostenschätzung liegt derzeit wohl bei bis zu 75 Millionen Euro. Auch Bürgermeisterkandidat Thomas Kerkhoff (CDU/FDP) hatte sich in der Vergangenheit für einen Bürgerentscheid ausgesprochen. Bürgermeisterkandidatin Bärbel Sauer (Soziale Liste) hat sich bisher am deutlichsten gegen eine Sanierung positioniert.

Gebäude erfüllt moderne Anforderungen nicht

Das Gebäude steht auch in der Kritik, weil es modernen Anforderungen an eine Stadtverwaltung nicht erfüllt. Dazu gehört, dass für fast 300 Mitarbeiter nur zwei Besprechungsräume existieren. Kürzlich wurde bekannt, dass die Stadtverwaltung die Sanierung trotz der allgemeinen Kritik weiter vorantreibt.

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