Coronavirus: Das Westmünsterland ist über den Berg

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Seit Monaten steht das öffentliche Leben auf Null. Die Corona-Fälle werden weniger. Sven Kauffelt hat mit Dr. Amin Osman, Leiter der Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung, gesprochen.

von Sven Kauffelt

Gemen

, 31.05.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sind wir in Sachen Corona über den Berg, Herr Dr. Osman?

Osman: Ja, ich denke schon.

Sie machen sich keine Sorgen, dass die Zahl der Infektionen noch stark steigt?

Osman: Nein. Insgesamt ist die Pandemie in Deutschland ja glimpflich verlaufen, im Kreis Borken ebenso: Wir hatten rund 1000 Infizierte bei 370.000 Einwohnern. Das ist sehr überschaubar. Und ich glaube auch nicht, dass wir noch große Infektionszahlen bekommen werden.

Führen Sie das auf Untersuchungen zurück?

Osman: Wir haben Antikörper-Tests bei Patienten gemacht, die zeigen, dass sich viele angesteckt haben, ohne Symptome zu zeigen. Insgesamt hat uns Covid-19 deutlich milder getroffen als befürchtet. Insofern glaube ich wirklich, dass eine große Welle nicht mehr kommt.

Gibt es Erkenntnisse über die tatsächliche Zahl der Infektionen?

Osman: Nur Indizien für den Kreis. Es gibt ja die viel zitierte Heinsberg-Studie, die besagt, dass sich viel mehr Menschen infiziert haben, als getestet worden sind. Ich denke, das ist auf andere Regionen anwendbar. Ich gehe bei uns von 3000 bis 5000 Fällen auf 100.000 Einwohner aus – das ist aber nicht wissenschaftlich fundiert, sondern nur mein Eindruck.

Die Befürchtungen, dass jede Lockerung zu einem Anstieg der schweren Erkrankungen führt, hat sich nicht bewahrheitet?

Osman: Nein, das sehe ich nicht. Die Anstiege, die wir zuletzt hatten, waren ja wirklich auf Sonderfälle zurückzuführen. Vor allem die Mitarbeiter der fleischverarbeitenden Industrie, die auf engstem Raum zusammengelebt haben. Da müssen wir uns aber unabhängig von Corona die Frage stellen, was bei Infektionen in so einer Umgebung passiert.

Diese Menschen waren überwiegend positiv getestet, aber auch nicht alle krank. Richtig schwere Verläufe haben wir da gar nicht beobachtet. Ich glaube, dass wir zwar eine Durchseuchung bekommen, aber was die Verläufe angeht, eine deutlich abgemilderte Form erleben.

Woran liegt das, dass wir hier weniger schwere Krankheitsverläufe haben als in anderen europäischen Ländern wie Italien, Belgien oder Schweden?

Osman: Regelmäßige Grippe- und andere Infektwellen, die wir immer wieder in Deutschland hatten, spielen vielleicht eine Rolle. Viele sind gegen mehrere Infekte geimpft, so dass ich glaube, dass wir allgemein eine stärkere Immunität gebildet haben könnten, als das vielleicht anderswo der Fall ist.

Mit Blick auf Norditalien zum Beispiel drängt sich das nicht gerade auf.

Osman: Ja, aber aufgrund des mediterranen Klimas haben die Italiener im Winter weniger diese fiesen Erkältungs- und Grippesymptome, wie das bei uns der Fall ist. Wenn ich an den Winter vor zwei Jahren denke, da waren die Arztpraxen voll, gefühlt jeder hatte eine Schnupfnase. Das gibt es in Italien oder auch Spanien in der Form nicht. Ich glaube, dass wir davon jetzt profitieren, weil wir ein anderes Immunsystem haben.

War dann die ganze Aufregung der vergangenen Monate übertrieben?

Osman: Im Nachhinein ist es natürlich immer leicht, zu sagen: hätte, wäre, wenn. Zu Beginn der Krise haben wir gesagt, man hätte besser vorbereitet sein können, danach kann man relativ leicht sagen: Hätten wir mal nicht so stark reagiert.

Das finde ich schwierig. Wenn wir die wirklichen Corona-Todesfälle im Vergleich zu den Infektionen sehen, kann man natürlich sagen: Das war völlig übertrieben, wenn wir die wirtschaftlichen Folgen sehen. Wenn man am Beginn dieser Entwicklung steht, weiß man das aber nicht.

Hätte die Politik anders reagieren müssen?

Osman: Man hätte vielleicht früher gegensteuern können. Vor allem aber hätte ich mir ein einheitlicheres Vorgehen gewünscht: Erst haben wir keine Maskenpflicht, dann doch. Das wirkt wie ein verzweifeltes Handeln auf einen Druck, den man nicht so nachvollziehen kann.

Sie hatten zu Beginn aber auch ziemlich große Sorgen.

Osman: Ja, wir standen vor dieser Entwicklung und hatten nur gehört, wie rasant sich das Virus im Umfeld dieser Karnevalsparty in Gangelt im Kreis Heinsberg verbreitet hat. Da wusste ich auch nicht so richtig, was los ist. Es hat sich dann aber gezeigt, dass die große Sorge nicht so berechtigt war.

Als Mediziner hat mich in dieser Phase gestört, dass tragische Einzelschicksale so in den Vordergrund gerückt wurden, ohne sich das statistisch genau anzusehen. Der Fokus auf Daten wie Reproduktionszahlen war für mich auch nicht hilfreich.

Haben die Medien also überreagiert?

Osman: Einige sicher, ja. Vor allem aber hat sich das durch Facebook und Co so schnell verbreitet. Und der Mensch hat ein selektives Empfinden. Wenn sich das mit Angst verbindet, sehe ich nichts anderes mehr. Zu Anfang ging es sehr stark um Mutmaßungen. Und auf die Politik wurde der Druck damit immer größer zu handeln, weil sie gesehen hat: Die Bevölkerung hat Angst. Rückblickend hätte man das vielleicht anders gemacht.

Welche Lehren ziehen Sie daraus? Müssen wir entspannter mit Pandemien umgehen?

Osman: Da, wo Menschen leben, wird es immer Infekte geben. Wir leben immer steriler und werden dadurch als Menschen auch immer empfindlicher. Und wir werden auch ängstlicher, leben aber gleichzeitig global betrachtet auf immer engerem Raum. Wir werden langfristige Strategien entwickeln müssen, wie wir damit umgehen.

Und persönlich?

Osman: Als Hausarzt ist man den Umgang auch mit schweren Erkrankungen gewöhnt. Von daher hatte ich auch jetzt keine Angst. Aber ich glaube immer, dass man auch dieser Sache mit gesundem Menschenverstand Herr werden kann.

Das ist noch wichtiger als ein Impfstoff, den wir natürlich dafür brauchen. Aber wir müssen uns jetzt überlegen, wie wir grundsätzlich mit Infektionskrankheiten umgehen.

Brauchen wir aus Ihrer Sicht noch die Maskenpflicht?

Osman: Klares Nein. Die Maskenpflicht habe ich immer kritisch und als eher hinderlich gesehen. Hier gilt dasselbe wie bei allen Infektkrankheiten: auf Hygienemaßnahmen achten, Abstand zu Erkrankten halten – gesunden Menschenverstand wahren. Aber die Menschen haben aus dieser Erfahrung auch gelernt, gehen bewusster mit Infektionsrisiken um, das erleben wir auch in der Praxis.

Und die weiteren Beschränkungen?

Osman: Ich glaube, wir sollten jetzt schrittweise zur Normalität zurückkehren. Man sollte die Menschen wieder ermutigen, aus dem Haus zu gehen, einzukaufen und auch essen zu gehen.

Die Leute sind mündig genug, Hygieneregeln zu beachten, das haben jetzt alle gelernt. Man sollte jetzt keine Party mit 50 Leuten auf engstem Raum feiern, aber die Menschen müssen ihr Leben wieder leben.

Wird uns das Gelernte nachhaltig beschäftigen?

Osman: Ja, das glaube ich ganz sicher. Wir sehen das im Moment: Die Leute kommen weniger in die Praxis, weil sie Angst haben, sich zu anzustecken. Es sind ja dadurch nicht weniger Menschen krank, aber sie gehen gar nicht oder später zum Arzt.

Auch die Restaurants sind zwar offen, aber zumeist leer. Wir müssen aufpassen, dass aus begründeter Vorsicht jetzt keine generelle Angst wird und wir vor jedem Huster zurückschrecken.

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