Ernsting’s family hat Mietzahlungen für 1900 Filialen ausgesetzt

Coronavirus

Ernsting’s family hat die Zahlung von Miete und Nebenkosten für seine 1.900 Filialen ausgesetzt. Das Unternehmen führt Gespräche mit den Vermietern.

Coesfeld

von Jessica Demmer

, 19.04.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Für ihre Filialen, hier ein Archivbild der Coesfelder Filiale, hat Ernsting´s family angekündigt, ab April die fortlaufenden Miet- und Nebenkostenzahlungen auszusetzen. Der Mai sei aktuell noch in der Klärung.

Für ihre Filialen, hier ein Archivbild der Coesfelder Filiale, hat Ernsting´s family angekündigt, ab April die fortlaufenden Miet- und Nebenkostenzahlungen auszusetzen. Der Mai sei aktuell noch in der Klärung. © Foto: AZ

Der Brief sei überraschend gekommen. „Niemals hätte ich dieses Verhalten – vor allem ohne jegliche persönliche Kommunikation – der Firma Ernsting zugetraut“, berichtet ein Immobilienverwalter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Im Auftrag seines Kunden verwaltet er in Deutschland unter anderem eine Immobilie, die Ernsting’s family für eine ihrer Filialen angemietet hat.

Anfang April erreichte ihn und andere Vermieter ein Schreiben, in dem das Unternehmen ankündigt, die fortlaufenden Miet- und Nebenkostenzahlungen auszusetzen bis die staatlich angeordneten Schließungen ihrer Geschäfte aufgehoben werden. „Ich konnte es einfach nicht glauben, dass so ein solides Unternehmen mit einem ausgezeichneten Ruf in der Vermieterbranche vollkommen unerwartet nicht nur für die kommenden Monate, sondern in einem unpersönlichen Schreiben auch für die bereits bezahlte Miete des Monats März entsprechende Mietkürzungen ankündigt“, so der Verwalter weiter.

Eigentlich ein verlässlicher Vertragspartner

Er könne sich nicht vorstellen, dass die Familie Ernsting diese Entscheidung mitträgt. „Ich denke, das war eine unüberlegte Entscheidung der Geschäftsführung“, ärgert er sich. „Ich kann nur hoffen, dass noch eine Korrektur erfolgt, damit die Verlässlichkeit der Vermieter gegenüber Ernsting als Mietvertragspartner keine weiteren Blessuren bekommt.“

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Auf Nachfrage der Allgemeinen Zeitung aus Coesfeld bestätigt Ernsting’s family-Unternehmenssprecher Marcello Concilio das Aussetzen der Mietzahlungen. „Wir stehen derzeit mit jedem einzelnen unserer Vermieter in persönlichen Verhandlungen, um eine individuelle und partnerschaftliche Lösung zu finden, die unseren oftmals langfristigen Mietpartnerschaften gerecht wird und zugleich unseren derzeitigen Nullumsatz berücksichtigt.“ Fast 1900 Gespräche bräuchten jedoch ihre Zeit, die bisherigen Telefonate seien indes zum allergrößten Teil verständnisvoll verlaufen.

Das Online-Geschäft kann Ausfälle nicht kompensieren

Das Online-Geschäft funktioniere zwar, doch das könne nicht fast 1900 Filialen kompensieren, begründet Marcello Concilio diesen Schritt. „Solidarität und Partnerschaftlichkeit ist in der derzeitigen Krise in allen Beziehungen elementar wichtig.

Die existenziellen Risiken für den gesamten Einzelhandel, vor allem Non Food, müssen somit aber auch von den Vermietern und Immobilieninvestoren mitgeschultert werden, um ein Überleben an den gemeinsamen Standorten zu sichern“, so der Sprecher. „Es ist nicht richtig, dass wir mit Inkrafttreten des Corona-Gesetzes vom 18. März 2020 durch ein Ereignis höherer Gewalt unsere Verpflichtung zur Mietzahlung vollkommen ausgesetzt haben. Wir haben die Mietzahlungen für den Monat März trotz der staatlich angeordneten Schließungen vollständig getätigt. Die Zahlungen für den Monat April haben wir temporär ausgesetzt – wohlwissend, dass wir nicht von der Verpflichtung der Zahlung entbunden sind.“

Der Mai sei noch in der finalen Klärung – trotz der jetzt verkündeten Lockerungen im Einzelhandel, die sich sicher „positiv auf die Liquiditätsabflüsse auswirken“. Es gehe nicht um den eigenen Vorteil, sondern um den ganzheitlichen Blick auf das gemeinsame Überleben der Wertschöpfungskette.

Verantwortung für 10.000 Mitarbeiter in den Filialen

Das bedeute nicht nur den Geschäftspartnern, sondern auch den 10.000 Filialmitarbeitern gerecht zu werden. „Wir werden für März und April für die tatsächlich geleistete Arbeitszeit alle Gehälter vollumfänglich überweisen, heißt, um allen Mitarbeitern Einkommenssicherheit zu gewährleisten, stocken wir den staatlichen Anteil des Kurzarbeitergeldes auf 100 Prozent auf“, so Concilio.

Dem Immobilienverwalter dagegen geht es nicht prinzipiell um das Aussetzen der Miete. „Ich bin von der Art und Weise enttäuscht. Von der im Schreiben erwähnten Partnerschaftlichkeit ist nichts zu spüren gewesen. Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt und das ist nicht richtig. Wir hätten im Gespräch sicherlich einen Kompromiss finden können.“

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