Nach Stadtlohn: Auch Borken ab Mitte 2022 ohne Kreißsaal

mlzKlinikum Westmünsterland

Voraussichtlich Mitte 2022 soll die Entbindungsstation im St.-Marien-Hospital geschlossen werden. Das Klinikum Westmünsterland will die Geburtshilfe in Bocholt konzentrieren.

von Peter Berger

Borken

, 15.11.2019, 18:26 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Geschäftsleitung führt dafür medizinische und betriebswirtschaftliche Gründe an. Über die Pläne wurde die Belegschaft am Freitagvormittag informiert.

Mit knapp unter 500 Geburten pro Jahr ist die Borkener Abteilung nach Darstellung des Klinikums zu klein, um wirtschaftlich betrieben werden zu können. Durch eine Zentralisierung – Bocholt – könne eine hohe Qualität in der medizinischen und pflegerischen Versorgung gesichert werden.

Bereits jetzt sei die Geburtshilfe in Bocholt zusammen mit der Kinderklinik als „perinataler Schwerpunkt“ anerkannt. Das heißt: Das Team ist neben der Versorgung Neu- und Frühgeborener auch auf Risikoschwangerschaften spezialisiert.

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Ludger Hellmann,
Sprecher der Geschäftsführung
des Klinikums Westmünsterland
im Interview der Borkener Zeitung:

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Internationale Studien hätten gezeigt, dass sich auch in der Geburtshilfe die Qualität der Versorgung erhöht, wenn sie in größeren Einheiten stattfinde. Hinzu komme, dass es angesichts des verschärften Wettbewerbs um Fachkräfte wichtig sei, für ein attraktives Arbeitsumfeld zu sorgen.

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Auch dies sei in einer zentralen Einheit besser möglich. Die rund 60 Mitarbeiter, die derzeit in Borken im Bereich Gynäkologie und Geburtshilfe tätig seien, hätten auf jeden Fall die Perspektive zur Weiterbeschäftigung.

478 Geburten im vergangenen Jahr

Die Alternative, die Geburtshilfe in Borken zu konzentrieren, scheidet für das Klinikum aus. Gegenüber den 478 Geburten im vergangenen Jahr in Borken verzeichnete Bocholt 989. Man müsste also doppelt so viele Eltern davon überzeugen, ihr Kind in einer anderen Stadt zur Welt zu bringen, lautet das Argument der Geschäftsleitung.

Für die Geburtshilfe am Bocholter Hospital kündigte das Klinikum eine bauliche Erweiterung an. Wie genau, werde derzeit ermittelt, so Ludger Hellmann, Sprecher der Geschäftsführung. Die Investitionen lägen voraussichtlich im siebenstelligen Bereich.

Auch das Borkener St.-Marien-Hospital soll – an anderer Stelle – gestärkt werden. Geplant sei, die Geriatrie, die Plastische Chirurgie und die Neurologie weiter auszubauen. Neu hinzukommen sollen ein Refluxzentrum, ein Schwerpunkt für Schilddrüsenchirurgie sowie für neurologische Frührehabilitation. Die Klinik-Chefs hoffen, die Bettenzahl im Borkener Krankenhaus von derzeit 336 auf 370 erhöhen zu können.

Allein gelassen sollen sich werdende Eltern ab 2022 nicht in Borken. Eine Projektgruppe erarbeite derzeit ein Konzept. Hierzu gehören unter anderem Angebote zur Vor- und Nachsorge sowie Anlaufstellen für Schwangere, Paare und Familien. Geprüft werde auch die Möglichkeit der Entwicklung eines gynäkologisch-ambulanten Angebotes in Zusammenarbeit mit niedergelassenen Fachärzten.

Große Betroffenheit

„Die Betroffenheit ist groß“, sagte Ludger Hellmann, Sprecher der Geschäftsführung, nach der Betriebsversammlung zur BZ. Am Freitagmittag hatte zunächst Radio WMW über die Planungen berichtet. Auf das Krankenhaus sieht Hellmann eine „emotionale Welle“ zurollen.

Er habe von den Mitarbeitern – eine „eingeschworene Gemeinschaft“, so Hellmann – das klare Signal empfangen, die kommenden zwei Jahre bestmöglich in Borken weiterzumachen. „An Qualität und Motivation wird es nicht mangeln“, so Hellmann.

Sicherstellung einer ambulanten Betreuung sei erforderlich

Die Entscheidung des Klinikums sei für Rat und Verwaltung äußerst schwierig zu akzeptieren, so Bürgermeisterin Mechtild Schulze Hessing. Die wirtschaftlichen Gründe schienen plausibel, schwer woge allerdings die emotionale Komponente. Sie habe beim NRW-Gesundheitsminister des Landes NRW einen Termin angefragt, um die Situation zu erörtern. Zwingend erforderlich sei die Sicherstellung einer ambulanten Betreuung vor und nach der Geburt.

Für das Klinikum ist es nicht die erste Zusammenlegung.. Gegen die im April vollzogene Schließung ihrer Geburtshilfe hatten in Stadtlohn viele Mütter protestiert und mehr als 3000 Unterschriften für den Erhalt der Abteilung gesammelt – letztlich erfolglos.

Lesen Sie dazu einen Kommentar von Peter Berger von der Borkener Zeitung:

Extrem schmerzhafter Schlag

Zuletzt produzierte das St.-Marien-Hospital positive Schlagzeilen: Intensivstation modernisiert – Schlaganfall-Einheit bleibt. Demgegenüber ist der für 2022 angekündigte Wegfall der Geburtshilfe ein extrem schmerzhafter Schlag. Wie keine andere Abteilung steht Geburtshilfe für ein positives Image, für das Leben an sich. Sie gehört zur DNA eines Hospitals. Generationen von Eltern können sich an einen hoffentlich komplikationsfreien Start ins Leben in Borken erinnern. Zugute halten muss man der Klinikleitung, dass sie ihre Entscheidungsgründe transparent transportiert. Zu hoffen ist auch, dass werdende Eltern in den nächsten gut 30 Monaten Borken die Treue halten. Aber so sehr medizinische Spezialisierung und betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten für eine Konzentration – leider an anderer Stelle – sprechen, so wenig wird sich das mit der emotionalen Ebene in Einklang bringen lassen. Wenn Borken künftig nicht mehr als Geburtsort gilt, fehlt der Stadt ein identitätsstiftendes Merkmal. Das ist sehr, sehr schade, zumal die Kreisstadt in Sachen Familienfreundlichkeit ansonsten weit vorangekommen ist.
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