Landrat Zwicker verteidigt Landwirte: „Lassen Sie sich nicht zum Prügelknaben machen“

mlzLandwirteversammlung

In kritischen Zeiten für die Landwirtschaft hat Landrat Dr. Kai Zwicker den Berufsstand in Ahaus verteidigt: „Lassen Sie sich nicht zum Prügelknaben machen“, rief er den 300 Versammelten zu.

von Horst Andresen

Ahaus

, 06.12.2019, 13:08 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mehrere Demonstrationen in diesem Jahr, wie zuletzt in Berlin, haben bei den Bauern aus dem Kreis Borken das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt. „Das hatten wir lange nicht mehr. Den Schwung der Demos müssen wir nutzen. Das ist für uns Motivation“, schilderte Ludger Schulze Beiering, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Borken, am Donnerstag beim Kreisverbandstag in Ahaus seine Eindrücke.

Und dafür erhielt er von den rund 250 Landwirten und 50 Gästen aus Politik und Verwaltung großen Beifall.

Es sei in diesem Jahr „viel Dreck und Häme“ über die Bauern gegossen worden, sagte Landrat Dr. Kai Zwicker als Gastredner. Das sei nicht gerechtfertigt. Die Branche solle sich nicht zum „Prügelknaben machen lassen. Ich wünsche dem Berufsstand mehr Anerkennung“, sagte Zwicker, der anschließend selbst mit einem Präsent beschenkt wurde: Kai Zwicker vollendete am Donnerstag das 52. Lebensjahr und schätzte sich glücklich, nach überstandener Krankheit wieder dabei sein zu können.

Der Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV), Johannes Röring aus Vreden, hatte sich am Dienstagabend an gleicher Stätte im Ahauser Kulturquadrat noch kritische Anmerkungen seiner Berufskollegen anhören müssen. Am Donnerstag sagte er, dass die Demos in Berlin (mit mehr als 1000 Treckern) und Münster (mit 7000 Bauern) „Eindruck gemacht haben“.

Röring: „Wir müssen die Proteste klug nutzen“

Es werde an vielen Stellschrauben gedreht, aktuell an der Nutztierhaltungsverordnung für Schweine. Dafür brauche man Verbände, ging der Verbandsvertreter aus Vreden in Verteidigungsstellung. Verbände und Funktionäre waren zuletzt von den eigenen Mitgliedern gleichermaßen stark gescholten worden. Röring empfahl: „Wir müssen die Proteste klug nutzen.“

Landrat Zwicker verteidigt Landwirte: „Lassen Sie sich nicht zum Prügelknaben machen“

Zog Bilanz: Jörg Sümpelmann, seit 27 Jahren Geschäftsführer des Kreisverbandes Borken. Ihm gehören aktuell 3818 Mitglieder an – 1,2 Prozent weniger als vor einem Jahr. © Horst Andresen

Fragen zum Tierwohl, zu einer intensiven Tierhaltung, zur überbordenden Bürokratisierung – die möchte Kreisverbandschef Ludger Schulze Beiering von der Politik schnell beantwortet haben. Er vertritt aktuell 3818 Mitglieder im Kreis Borken. Das sind 1,2 Prozent weniger als vor Jahresfrist. Neben Johannes Röring (CDU) sprach er auch Ursula Schulte (SPD) aus Vreden an, beide im Bundestag vertreten.

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Mit Wölfen stehen einige Landwirte – vor allem die, die Jäger sind – offenbar weiter auf Kriegsfuß. Vier Wölfe gebe es „hier“, sagte Kreisverbandsvorsitzender Ludger Schulze Beiering in Ahaus und meinte damit Nordrhein-Westfalen. Die Wölfin Gloria scheint jetzt am Niederrhein sesshaft geworden zu sein. Es müsse die Verhältnismäßigkeit beim Schutz dieser Tiere gewahrt werden, forderte der Landwirt – und wagte einen Vergleich, dem ein Raunen im Saal folgte. Schulze Beiering: „Der Schutz von vier Wölfen kostet 880.000 Euro, eine Patrone 2,50 Euro.“ Er wolle nicht zum Schießen der Wölfe auffordern, „aber wir können auch nicht 50 Rudel verjagen“.

Zum Thema „Wie werden Lebensmittel und Landwirtschaft wahrgenommen?“ referierte zum Schluss des dreistündigen Verbandstages Professor Dr. Dr. Andreas Hensel, Leiter des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Berlin, das unabhängig und nach der BSE-Krise 2002 gegründet worden ist: „Wir sind die Klugscheißer.“

„Lebensmittel waren noch nie so sicher wie heute“

In jeder Nahrung stecke Gift. Hygieniker Hensel: „Was ist mit Blei im Wildbret, mit Aluminium in Lebensmitteln?“ Es stehe fest: „Lebensmittel waren noch nie so sicher wie heute.“ Das subjektive Empfinden der Leute sei ein anderes. Oft ginge es nicht um Sachverhalte, sondern um Emotionen, sagte Hensel, auch als „Deutschlands ranghöchster Risikoanalyst“ bezeichnet.

Einen Bullenstall zu bauen ginge heute schnell in die Hunderttausende Euro, verdeutlichte Schulze Beiering: „Das ist nicht praktikabel, und das können sich kleine Höfe einfach nicht leisten.“

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