Mathematiker fordert Prognose-Modelle, um die Corona-Krise zu steuern

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Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Hasan Alkas hat ein Corona-Prognose-Modell mitentwickelt. Er sieht keinen Grund für Panik, sondern für einen besonnen Umgang mit der Pandemie.

von Andreas Gebbink

Kleve

, 15.10.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als Wirtschaftswissenschaftler kennt sich Prof. Dr. Hasan Alkas ganz gut mit der Mathematik aus. Zahlen sind für ihn tägliches Brot, und mit Zahlen lassen sich zudem wichtige Voraussagen treffen. Der Klever Hochschullehrer hat seit Beginn der Corona-Pandemie gemeinsam mit wissenschaftlichen Mitarbeitern ein Corona-Prognose-Modell entwickelt. Mit ihm lässt sich die Corona-Entwicklung in Deutschland erstaunlich gut vorhersagen.

Magie? Nein, reine Mathematik. Ein halbes Jahr nach der Ankündigung kann Hasan Alkas sagen, dass das Rechenmodell ziemlich präzise Vorhersagen trifft. So hat der Wirtschaftswissenschaftler im April für Ende Juni eine Prognose von 200.000 Corona-Infizierten in Deutschland vorhergesagt: „Wir waren dann bei 196.000“, sagt Alkas. „Das ist nur eine sehr geringe Abweichung von zwei Prozent.“ Für Mitte November rechnet er mit 480.000 Infizierten. Derzeit sind es in Deutschland 337.314.

Viele wichtige Indikatoren

Für die Berechnung hat Alkas einen Corona-Index entwickelt, der nicht nur die Fallzahlen berücksichtigt, sondern auch andere wichtige Indikatoren: etwa die Zahl der Tests, die Zahl der Menschen im Krankenhaus und die der Toten. Der Professor betont: „In der Gesamtschau sehe ich derzeit keinen Grund für Panik, sondern für einen besonnen Umgang mit der Pandemie.“

Alkas arbeitet mit den Zahlen von Waldometers.info, die auf internationaler Ebene sehr verlässliche Daten liefern. Anhand der Zahlen kann er sehr gut ablesen, wie sich die Maskenpflicht auf das Pandemiegeschehen ausgewirkt hat (sehr gut), oder wie sich Einzelereignisse wie etwa der Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies niederschlagen.

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Kritisch sieht Alkas, dass das Robert-Koch-Institut (RKI) keine Prognose-Modelle anwende. Dies sei jedoch in der Wissenschaft gängige Praxis: „Das RKI fährt nur auf Sicht“, sagt der Professor. „Das kann meiner Meinung nach nicht gut gehen.“ Das RKI analysiere zu wenig und beschreibe die Pandemie „nur im Nachhinein“. Ohne die Anwendung mathematischer Prognose-Modelle könne man die Krise aber nicht steuern. Und diese Methodik habe konkrete Folgen.

Alkas sieht „eine Art Institutionenversagen“

So fällt Alkas‘ Urteil über die bisherige Pandemie-Bekämpfung ernüchternd aus. Er sieht in Deutschland „eine Art Institutionenversagen“. Die Virologen seien zerstritten, und mittlerweile schaffe man es nicht mehr, vernünftig mit der Pandemie umzugehen. Alkas resümiert: „Entweder nehmen die Menschen die Maßnahmen nicht mehr ernst, oder es wird überdramatisiert.“

Auch die Corona-Warn-App hat aus seiner Sicht noch nicht die gewünschten Effekte erzielt: „Viele Deutsche sehen diese Art der digitalen Leibeigenschaft äußerst kritisch.“ Man habe die App vielleicht aufs Handy gespielt, aber dann würden keine Updates gemacht, oder die App werde wieder deaktiviert.

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Auch die wirtschaftspolitisch ergriffenen Schritte erscheinen Alkas als nicht sehr zielgerichtet. Deutschland gebe mit 13.700 Euro pro Kopf deutlich mehr für die Pandemie-Bekämpfung aus als die USA oder Japan. Die deutschen Hilfen seien nicht angemessen, findet er. Denn: Die OECD gehe für 2020 beim Bruttoinlandsprodukt von einem Minus von 5,4 Prozent aus und für 2021 von einem Plus in Höhe von 4,6 Prozent.

Alkas sagt: „Das zeigt, dass wir einen klassischen V-Aufschwung haben werden und dass die übertriebenen Rettungsprogramme zielgenauer neu ausgerichtet werden müssen.“ Die hohen deutschen Ausgaben führten dazu, dass andere EU-Länder, etwa Italien, ähnliche Ausgaben tätigen wollten.

Auch die Verlängerung der Kurzarbeit sieht der Klever kritisch: Zu Beginn der Pandemie sei sie „ein wirksames Instrument“ gewesen, „aber eine weitere Verlängerung öffnet dem Missbrauch wieder Tür und Tor“. Er betont: Kurzarbeit ist wichtig, aber nicht für eine lange Zeit und auch nicht mit einer langen Vorankündigung. Deutschland übertreibe „massiv“.

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