Verein Emre hilft Menschen, die keine Papiere oder keine Krankenversicherung haben

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Der Verein „Engagement für Menschen und Rechte“ (Emre) hilft „unversicherten und papierlosen“ Menschen in Bocholt, Rhede und Isselburg, die sonst durchs Raster fallen.

von Sabine Hecker

Bocholt

, 03.01.2020, 13:10 Uhr / Lesedauer: 3 min

Offiziell gibt es die Frau nicht. Sie nicht, ihren Mann nicht und auch nicht das neugeborene Kind. Die Familie lebt illegal in Bocholt, ist heimlich eingereist, nirgendwo gemeldet, ohne Versicherung. Der Mann ernährt die Familie durch Schwarzarbeit. Das Geld ist knapp. Für einen Arztbesuch reicht es nicht. Die Schwangere suchte Hilfe – und fand sie beim Verein „Engagement für Menschen und Rechte“ (EMRE). Der hilft „unversicherten und papierlosen“ Menschen in Bocholt, Rhede und Isselburg, die sonst durchs Raster fallen.

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Seit sechs Jahren gibt es den Verein, der sich unbürokratisch kümmert, wenn Menschen ohne Krankenversicherung krank werden. Oder, wenn eine Schwangere Hilfe braucht, so wie in diesem Jahr kurz vor Weihnachten. Schwangerschaften sind teuer, sagen Inge Kunz und Ulrik Störzer vom EMRE-Vorstand. Eine Entbindung mit stationärem Aufenthalt im Krankenhaus koste leicht 5000 Euro. Mithilfe von Spenden sei es auch diesmal gelungen, zu helfen.

„Menschen ohne Status“ suchen Hilfe bei Emre

Zu Emre kommen „Menschen ohne Status“ wie die schwangere Frau, die nicht weiterwusste. Um Hilfe bitten aber auch Frauen und Männer, die unterversichert sind, keine Krankenversicherung mehr haben oder diese schlicht nicht mehr bezahlen können. Das treffe häufig ältere, von ihrem Partner getrennt lebende Frauen, die über ihren Mann bislang privat versichert waren.

Nach der Trennung und bei niedriger Rente drohe ihnen oft Altersarmut. Ein Problem dabei: Menschen über 55 Jahre könnten in der Regel nicht mehr in die gesetzliche Krankenkasse wechseln. Es gebe ganz viele Faktoren, die zu Engpässen führten, sagt Kunz. Und: „Die Löcher im sozialen Netz werden größer.“

Viele trauen sich nicht, um Hilfe zu bitten

Viele Betroffene trauten sich nicht, um Hilfe zu bitten. So wie eine Bocholterin, die sich erst meldete, als die Schmerzen unerträglich wurden. Beim Arzt zeigte sich, dass die Frau lebensbedrohlich erkrankt war.

Es gebe unendlich viele, ganz individuelle Situationen. Manche Menschen wüssten auch gar nicht, dass sie trotz Schulden noch eine Krankenversicherung hätten. „Unser Gesundheitssystem ist nicht so überschaubar“, sagt Inge Kunz. Man müsse vieles einfordern, aber kranke Menschen könnten das oft nicht.

Sie berichtet von einem der ersten Fälle, um den sich der Verein gekümmert hat. Das sei ein junger Krebspatient gewesen, der nicht wusste, wie er die Fahrten von der Onkologie und wieder nach Hause zahlen sollte. Er sei auch zu krank gewesen, um bei Behörden Hilfe zu beantragen. Emre habe einen Fahrdienst organisiert und sich um einen Platz in der Palliativstation gekümmert und später im Hospiz, berichtet Kunz.

Rund 30 Menschen betreut der Verein im Jahr

Ungefähr 30 Menschen betreut der Verein im Jahr, gut die Hälfte davon sind Deutsche. Der Vorsitzende Störzer sagt: „Hinter den 30 Fällen sind wesentlich mehr Kontakte.“ Die Menschen rufen an und kommen zu einem Treffen in die Familienbildungsstätte (Fabi) am Ostwall, wo Ulrik Störzer als pädagogischer Mitarbeiter arbeitet. In der Fabi fallen die Menschen nicht auf, weil hier täglich viele Leute ein- und ausgehen. Von hier vermittelt der Verein Hilfe und stellt den Kontakt zu Ärzten her.

Eine ganze Reihe von Internisten, Kinderärzten, Gynäkologen, Zahnärzten und verschiedenen Fachärzten unterstützen den Verein und behandeln die „Papierlosen“ kostenlos. Laborkosten, Materialien, Medikamente und auch Brillen finanziert der Verein über Spenden. Die Bereitschaft der Ärzte zu helfen „ist vorbildlich“, findet Störzer. „Wir rufen die Praxis an und die Kranken ohne Papiere können dann in die Sprechstunde kommen.“

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Der Verein arbeite neben Ärzten auch mit Juristen, Pflegediensten und auch sehr gut mit der Stadt zusammen, wie Störzer betont. Er sei immer wieder überrascht, wie kooperativ viele Menschen seien. Es sei schön, wenn man Menschen helfen könne. Manche Schicksale „machen mich aber echt verzweifelt“, sagt Inge Kunz. Zum Beispiel das der Frau, die jetzt kurz vor Weihnachten ihr Baby bekommen hat. Die Familie habe in Deutschland einfach keine Perspektive, weil sie aus einem sicheren Drittstaat komme und kein Recht auf Asyl habe.

So ist der Verein Emre zu erreichen

Wer Kontakt zum Verein „Engagement für Menschen und Rechte“ aufnehmen möchte, kann das unter Tel. (02871) 2191585 tun. Per E-Mail sind die Ansprechpartner Ulrik Störzer, Inge Kunz und Beate Bäumer-Messink zu erreichen unter stoerzer@papierlose-bocholt.de, kunz@papierlose-bocholt.de und baeumer@papierlose-bocholt.de. Weitere Infos gibt es im Internet.

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