Wasserstoff: „Energieträger der Zukunft“ aus Coesfeld

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Die Bundesregierung hat eine „Nationale Wasserstoffstrategie“ auf den Weg gebracht. Dr. Thomas Wenning spricht im Interview über die Bedeutung der Initiative und über lokale Konsequenzen

von Florian Schütte

Coesfeld

, 18.06.2020, 12:33 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bis zu neun Milliarden Euro will die Bundesregierung für die Entwicklung der Wasserstoff-Technologie zur Verfügung stellen. Dr. Thomas Wenning (CDU) ist Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt und Klimaschutz, Öffentliche Sicherheit und Ordnung im Kreis. Für ihn ist Wasserstoff ein Energieträger der Zukunft. Darüber spricht er mit Redaktionsmitglied Florian Schütte.

Was ist eigentlich „grüner Wasserstoff“?

Wasserstoff ist ein Energieträger, der z. B. durch Elektrolyse, also durch die Leitung eines elektrischen Stroms durch normales Wasser entsteht. Nimmt man die dafür benötigte Energie ausschließlich aus regenerativen Quellen, so heißt der Wasserstoff grün.

Kann man über Elektrolyse auch andere Gase erzeugen?

Natürlich geht das, z. B. wird in der chemischen Industrie durch die Elektrolyse einer Koch-salzlösung das Gas Chlor erzeugt. Aber hier geht es nur um die Elektrolyse von Wasser, um an den Wasserstoff zu kommen.

Warum ist grüner Wasserstoff zukünftig so wichtig?

Grüner Wasserstoff ist der Energieträger der Zukunft. Regenerative Energien sind manchmal sehr knapp, z. B. in Windflauten, im Winter oder nachts, wenn die Photovoltaik-Anlagen nicht arbeiten. Andererseits, wie jetzt mehrfach im Frühjahr, gibt es Wetterkonstellationen mit starkem Ostwind und viel Sonnenschein, in der Windkraftanlagen sogar ausgeschaltet werden müssen, um das Netz nicht zu gefährden. Genau hier setzt die Gewinnung des grünen Wasserstoffs ein: Überschussenergie wird über die Elektrolyse zur Erzeugung von Wasserstoff eingesetzt, der problemlos für energieärmere Zeiten gespeichert werden kann. Dafür steht mittelfristig z. B. das riesige Gasleitungsnetz zur Verfügung, das beim Wegfall von fossilem Erdgas nicht mehr benötigt wird.


Sie sagen mittelfristig. Von welchem Zeitraum sprechen wir da? Wann schätzen Sie, wird fossiles Erdgas nicht mehr benötigt?

Ich glaube, der Einsatz fossilen Erdgases zum Heizen wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren massiv zurückgehen müssen, um bis 2050 das Ziel der Treibhausgas-Neutralität zu erreichen. Ganz darauf verzichten – allein in der chemischen Industrie – wird man wohl nie können.


Was kann man alles mit grünem Wasserstoff machen?

Die Wasserstoff-Technologie bietet eine echte, in meinen Augen die einzige Chance, das Klimaschutzziel der Bundesregierung zu erreichen, denn bei der Verbrennung von Wasserstoff entsteht lediglich pures Wasser. Mit Wasserstoff kann man somit klimaneutrale Treibstoffe für den Luft- und Seeverkehr entwickeln, die wasserstoffgetriebene Brennstoffzelle wird unsere Mobilität revolutionieren und zu erheblichen CO2-Einsparungen führen. Grüner Wasserstoff kann zur Stahlerzeugung genauso wie in der chemischen Industrie zur Synthetisierung einer Vielzahl von Folgeprodukten eingesetzt werden – die sogenannten Power-to-X-Technologien. Man kann damit Kraftwerke betreiben, um die regenerativen Energiesenken auszugleichen, den Wasserstoff also zurück in elektrische Energie umwandeln. Insbesondere kann Wasserstoff zur Veredlung des erheblichen CO2-Anteils in Rohbiogas genutzt werden – das wollen wir auch in Coesfeld tun.

Seit Langem wird schon über die Entwicklung von Wasserstoff-Autos gesprochen. Wieso hat sich der reine Antrieb mit Wasserstoff bis heute noch nicht durchgesetzt? Steckt die Öl-Lobby dahinter?

Eine sehr gute Frage, die sicher nicht einfach zu beantworten ist. Aber ich bin froh, dass endlich, endlich ein Umdenken eintritt.

Nun zu Ihrem konkreten Projekt: Was haben Sie in Coesfeld genau vor?

Der Kreis Coesfeld betreibt über seine Tochter-Gesellschaft GFC sehr erfolgreich eine Biogasaufbereitungsanlage in Coesfeld-Höven. Hier sind wir auf Initiative von GFC-Geschäftsführer Stefan Bölte und der CDU-Kreistagsfraktion dabei, in einer vom NRW-Wirtschaftsministerium geförderten Studie die Machbarkeit einer Power-to-Gas-Anlage zur Erzeugung von grünem Wasserstoff zu prüfen. Hierbei hat uns der FDP-Landtagsabgeordnete Henning Höne sehr geholfen, entsprechende Kontakte zu knüpfen. Noch in der vergangenen Woche konnten wir in einer Videokonferenz mit dem Energieministerium feststellen, dass sich hier in idealer Weise Projektpartner zusammengefunden haben, die – von der Wasserstofftechnologie über die Methanisierung bis hin zur Vermarktung – alle nötigen Kompetenzen mitbringen.

Was muss man sich unter Methanisierung genau vorstellen?

Das von der Firma Reterra in Höven gelieferte Rohbiogas enthält bis zu 48 Prozent CO2, das neben anderen schädlichen Bestandteilen mühsam über unsere Aufbereitungsanlage ausgewaschen werden muss. Mithilfe des grünen Wasserstoffs und mit hochspezialisierten Mikroorganismen kann das CO2 in einem biologischen Prozess fast vollständig zu Methan aufbereitet werden, dabei wird nur Sauerstoff, also kein klimaschädliches Gas frei. Das ist genau das, was wir in Coesfeld vorhaben.

Wann könnte Ihr Projekt an den Start gehen?

Sollte sich mit unserer Studie die Machbarkeit der Anlage bewahrheiten, so wäre es mein persönliches Ziel, die Anlage in der kommenden Wahlperiode des Kreistags zu realisieren. Natürlich muss der Kreistag zustimmen, und es sind noch viele Probleme zu bewältigen. Zum Beispiel die unselige Auflage, dass man für die benötigte elektrische Energie die volle EEG-Umlage bezahlen muss, also wie ein normaler Stromkunde behandelt wird. Zudem würden wir gerne die umliegenden Landwirte, deren Windkraftanlagen nach 20 Jahren aus der EEG-Förderung fallen, mit ins Boot nehmen, aber wir müssen die elektrische Energie ja irgendwie nach Höven bekommen – und da sind Durchleitungsgebühren fällig, die die Wirtschaftlichkeit des Projekts ebenfalls gefährden können. Aber spätestens nach der Initiative der Bundesregierung bin ich guten Mutes, dass wir in näherer Zukunft an den Start gehen können.

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