Westfleisch will sich von Werkvertragsunternehmen komplett trennen

10-Punkte-Plan

Das Unternehmen Westfleisch möchte künftig auf Werkverträge verzichten. Alle Mitarbeiter sollen direkt bei dem Unternehmen angestellt werden. Das ist Teil eines 10-Punkte-Plans.

Coesfeld

von Viola ter Horst

, 24.06.2020, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min
Nach dem Coronaausbruch teilt der Großschlachter Westfleisch mit, dass er auf Werkfverträge verzichten will und alle Mitarbeiter in den nächsten sechs Monaten selber anstellen möchte.

Nach dem Coronaausbruch teilt der Großschlachter Westfleisch mit, dass er auf Werkfverträge verzichten will und alle Mitarbeiter in den nächsten sechs Monaten selber anstellen möchte. © Archiv

Vorstoß von Westfleisch: Das Unternehmen, das durch den Corona-Ausbruch am Standort Coesfeld im Mai in den Schlagzeilen stand, will bis Jahresende alle Mitarbeiter selber anstellen. „Und das gilt unabhängig davon, was der Gesetzgeber in den kommenden Monaten in dieser Hinsicht beschließen wird“, erklärt Johannes Steinhoff, im Vorstand für den Bereich Weiterverarbeitung verantwortlich, in einer Mitteilung.

Allen Mitarbeitern und deren Familien werde damit eine Zukunft und Perspektive innerhalb von Westfleisch geboten. Auf Werkvertragsunternehmen will Westfleisch verzichten. Am Standort Coesfeld arbeitet der Großschlachter noch mit fünf Werkvertragsunternehmen zusammen; die Mitarbeiter sind zu einem Teil darüber beschäftigt. Mit der Mitteilung, diese Verhältnisse ändern zu wollen, greift Westfleisch bereits vor – denn die Bundesregierung hatte ohnehin angekündigt, dass die viel kritisierten Werkverträge in der Fleischindustrie nächstes Jahr verboten werden sollen.

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Auch die Wohnraumbeschaffung ist Teil eines neuen „10-Punkte-Zukunftsprogramms“, das Westfleisch, einer der führenden Fleischverarbeiter Deutschlands, jetzt vorstellte. Demnach sollen für die Mitarbeiter, die häufig aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien, Polen und Russland stammen, über die unternehmenseigene Dienstleistungsgesellschaft „WE-Service“ Wohnungen angeboten werden.

Neue Standards in den Unterkünften der Arbeiter

Die Standards der Unterkünfte sollen künftig überall „verlässlich oberhalb der gesetzlichen Regeln liegen“. Was das genau bedeutet? „Das betrifft die Wohnraumgröße pro Bewohner ebenso wie zum Beispiel die jeweilige Ausstattung in Küche, Schlafraum, Bad“, antwortet Unternehmenssprecher Philipp Ley auf Nachfrage. Zudem sollen nur kleine Wohneinheiten mit maximal drei bis fünf Personen realisiert werden.

„Heute leiten wir mit dem 10-Punkte-Zukunftsprogramm einen Prozess ein, mit dem wir in unserer Branche die richtigen Maßstäbe setzen wollen – vertrauensvoll und zuverlässig“, erklärt Carsten Schruck, Finanzvorstand der Westfleisch SCE. „Der Fokus unseres Programms, das eine wichtige Weiterentwicklung unseres Leitbildes ist, liegt auf der Übernahme von deutlich mehr Verantwortung für Mensch, Tier und Gesellschaft. Wir wollen uns noch mehr um die Mitarbeiter kümmern, mehr Tierwohl schaffen, eine höhere Sicherheit für die Landwirte und eine bessere Einbindung der lokalen Interessen vor Ort.“

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In den vergangenen Jahren habe Westfleisch zwar bereits viele Dinge in die richtige Richtung angestoßen, „doch in der Umsetzung haben wir uns zu oft abbremsen lassen“, sagt Vorstandskollege Steen Sönnichsen.

Weitere Punkte des Zukunftsprogramms sind unter anderem die flächendeckende Einführung der digitalen Zeiterfassung sowie die Stärkung der regionalen Landwirtschaft.

Steinhoff verweist auch auf die vergangenen Jahre: „Als Genossenschaft haben wir ein anderes Grundverständnis und verfolgen eine andere Philosophie als viele unserer Wettbewerber.“ So seien zum Beispiel bereits in den vergangenen Jahren externe Werkvertragsarbeiter ins Unternehmen reintegriert worden und viele Tierwohlprojekte erst auf Betreiben Westfleischs hin gestartet worden.

Aus dem 10-Punkte-Zukunftsprogramm von Westfleisch:

  • 1. Werkverträge: Westfleisch stellt in den kommenden sechs Monaten alle Mitarbeiter selbst ein und nimmt sie in die Genossenschaft auf. Damit übernimmt Westfleisch künftig selber die Verantwortung für seine Beschäftigten und verzichtet auf Werkvertragsanbieter.
  • 2. Flächendeckende Einführung der digitalen Zeiterfassung: Bereits heute bei eigenen Mitarbeitern; soll auf die Werkvertragsmitarbeiter ausgeweitet werden, bis diese in den Konzern übernommen werden.
  • 3. Konzernweite Mitbestimmung: Bei Westfleisch gibt es bereits seit Jahren Betriebsräte und mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ausgehandelte Tarifverträge: „Den offenen Dialog mit der NGG wollen wir weiter mit Leben füllen.“
  • 4. Angemessene Wohnsituation sicherstellen: Mit dem Ausbau der unternehmenseigenen Dienstleistungsgesellschaft WE-Service forciert Westfleisch die aktive Wohnraum-Beschaffung für die Mitarbeiter.
  • 5. Integrationsbeauftragte für jeden Standort
  • 6. Überarbeitetes Hygienekonzept. Wöchentliche Testung aller produktionsnah Beschäftigten, Entzerren der Produktionsprozesse, noch stärkere Schulung und Kontrolle der Einhaltung der Hygieneregeln.
  • 7. Regionale Landwirtschaft stärken – mehr Tierwohl schaffen: entsprechende Programme sollen mit den Partnern im Handel stärker vorangebracht werden.
  • 8. Stärkere Integration in die Gemeinschaft vor Ort. Interessen lokaler Gruppen sollen stärker einbezogen werden und Westfleisch will sich intensiver in das gesellschaftliche Leben vor Ort einbringen.
  • 9. Mit starken Handelspartnern die Versorgung sichern. Der Fokus soll dabei auch künftig auf dem inländischen Markt liegen.
  • 10. Klare Nachhaltigkeitsstrategie

Corona-Ausbruch und die Folgen

Nach dem Corona-Ausbruch im Mai bei Westfleisch in Coesfeld hatte der Kreis Coesfeld den Betrieb vorübergehend geschlossen. Über 300 Mitarbeiter infizierten sich. Im Kreis Coesfeld wurden daraufhin die Lockerungen um eine Woche verschoben. Dieser und weitere Coronausbrüche in der Fleischindustrie sorgen für eine anhaltende Debatte. Ein Ergebnis ist, dass nach einem Kabinettsbeschluss ab 2021 keine Werkverträge in der Fleischindustrie mehr möglich sein sollen.

Bei Westfleisch sind insgesamt 5800 Menschen an sieben Standorten beschäftigt, in Coesfeld rund 1200. Aktuell werden in Coesfeld täglich rund 6300 Schweine geschlachtet – bei voller Auslastung sind es etwa 9000. Die Auslastung soll in den nächsten Wochen in Abstimmung mit den Behörden weiter erhöht werden.

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