Das Foto zeigt den Angeklagten neben Verteidiger Christoph Landau. © Martin von Braunschweig
Landgericht Essen

Baby Liam wäre fast an Feuchttüchern erstickt – Eltern beschuldigen sich gegenseitig

Weil der kleine Liam zu laut weinte, soll sein Vater ihm den Mund mit Feuchttüchern verstopft haben. Seit Dienstag beschäftigt der Misshandlungsfall das Essener Landgericht.

Der Angeklagte ist 22 Jahre alt und kann sich offensichtlich nicht entscheiden, ob Liam, der Juli 2019 zur Welt kam, ein Wunschkind war oder nicht. Mal sagte er den Richtern am Dienstag im Brustton der Überzeugung: „Wir wollten beide dieses Kind.“ Dann aber wieder räumte er auch ein: „Eigentlich wollte ich so früh noch gar nicht Vater werden.“

Tatsache ist, dass Liams Mutter im Oktober zusammen mit dem drei Monate alten Säugling aus der gemeinsamen Wohnung flüchtete und fortan überall herum erzählte, der Angeklagte habe dem Kind vier Feuchttücher in den Mund gestopft, weil er endlich seine Ruhe haben wollte. Sie selbst sei gerade damit beschäftigt gewesen, ein Fläschchen zuzubereiten, habe dann aber noch rechtzeitig eingegriffen und ihr Baby gerettet.

Vorwurf der versuchten Tötung gekippt

Der 22-Jährige erzählt tatsächlich fast dieselbe Geschichte – allerdings sind in seiner die Rollen vertauscht. Nicht er, sondern seine Freundin habe Liam die Tücher in den Mund gestopft. Nicht seine Freundin, sondern er habe das Baby vor dem Erstickungstod bewahrt. „Ich habe jedenfalls nichts Schlimmes getan“, sagte er den Richtern.

Die Staatsanwaltschaft hat den Essener wegen versuchten Totschlags und Misshandlung von Schutzbefohlenen angeklagt. Doch die zuständige Kammer am Landgericht hat den Vorwurf der versuchten Tötung schon im Vorfeld der Verhandlung wieder gekippt. „Es gibt keinerlei Anhaltspunkte für einen Tötungsvorsatz“, heißt es in dem Beschluss.

Arzt entdeckt mehrere Blutergüsse

Dennoch muss sich der Angeklagte im Fall einer Verurteilung auf eine längere Zeit im Gefängnis einrichten. Neben dem Vorfall mit den Feuchttüchern soll es nämlich auch zu weiteren Übergriffen auf das wehrlose Baby gekommen sein.

Bei einer ärztlichen Untersuchung sollen an Liams Körper mehrere zum Teil ältere Blutergüsse entdeckt worden. Der 22-Jährige will aber auch davon nichts wissen. „Als ich ihn das letzte Mal gewickelt habe, ist mir so etwas nicht aufgefallen“, sagte er am Dienstag.

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