Die Corona-Pandemie hat unendliches Leid gebracht und unser Leben bis in unsere Familien hinein auf den Kopf gestellt. Aber unser Autor meint: Es gibt auch positive Aspekt, Dinge, die wir aus dieser Krise lernen können. © Grafik: Martin Klose
Meinung

Eine Lehre des Corona-Jahres: Führt den Zivildienst wieder ein, diesmal für alle!

Das Coronavirus hat nicht nur eine Katastrophe ausgelöst, sondern auch gezeigt, was jetzt zu tun ist. Unser Autor zieht Bilanz, unter anderem fordert er die Wiedereinführung des Zivildienstes.

Wie oft habe ich in diesem Jahr gedacht: Wach endlich auf, du träumst einen ganz schlechten Traum! So etwas kann einfach nicht wahr sein, da läuft ein ganz mieser Film. Doch ich habe nicht geträumt, leider. Es ist kein Alptraum. Es ist schlimmer. Jetzt am Ende des Jahres frage ich mich: War eigentlich irgendetwas gut an diesem Jahr? Gibt es irgendetwas, das wir mitnehmen sollten in unserem Reisegepäck Richtung Zukunft? Darf man überhaupt nach dem Guten suchen in dieser Katastrophe?

Die letzte Frage ist heikel. Leicht keimt der Verdacht auf, die fürchterlichen Folgen dieser Pandemie verharmlosen zu wollen. Nichts, wirklich gar nichts liegt mir ferner. Die Zahl der weltweit Infizierten liegt mittlerweile bei fast 80 Millionen, die der Toten nähert sich der Grenze von zwei Millionen.

In vielen Ländern der Welt können die Kranken nicht mehr ausreichend versorgt werden. Dabei kommt es zu fürchterlichen Momenten, in denen Ärzte und Pflegende entscheiden müssen, wer beatmet werden und damit leben darf und wer sterben muss. Selbst bei uns, in einem der reichsten Länder der Erde, ist das Gesundheitssystem an seine Grenzen gelangt.

Das unendliche Leid eines Jahres

Wie viel Leid hat dieses Coronavirus über uns gebracht? Wie viele Menschen mussten in Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen einsam sterben, weil niemand zu ihnen durfte? Wie viele wirtschaftliche Existenzen wurden trotz aller staatlichen Hilfen vernichtet? Wie viele Kinder und Jugendliche haben durch den Lockdown den schulischen Anschluss verpasst oder mit psychischen Schäden zu kämpfen? Wie viele Menschen wurden Opfer häuslicher Gewalt, weil sie viel zu lange in engen Wohnungen aufeinander hocken mussten?

Bislang ist auch noch nicht einmal im Ansatz erkennbar, welche mittel- und langfristigen Folgen dieses Virus für uns alle noch haben wird. Nur eines steht schon jetzt definitiv sein: Wenn eines Tages Bilanz gezogen wird, wird das Ergebnis verheerend sein.

Steckt Gutes in der Pandemie?

Trotz alledem und ohne auch nur eine einzige Sekunde das unvorstellbare Leid so vieler Menschen zu relativieren oder gar zu vergessen, muss die Frage erlaubt sein, ob denn wohl Gutes in dieser Pandemie stecken mag. Vielleicht stellt man die Frage aber auch besser so: Was können wir aus dieser Katastrophe für die Zukunft lernen?

Ich begleite die Corona-Pandemie als Chronist jetzt seit fast elf Monaten. Aus meinen Erfahrungen und meiner ganz persönlichen Sicht auf die Dinge sind ohne den Anspruch auf Vollständigkeit die folgenden 16 Punkte besonders wichtig:

1. Wir haben gelernt, dass eine Gefahr auch dann real sein kann, wenn wir sie nicht sehen. Wenn ein Orkan tost, Eisregen die Straßen in tödliche Rutschbahnen verwandelt, Fanatiker mit Autos auf Fußgänger zurasen, ist die Gefahr sichtbar. Bei einem Virus sehen wir nichts, und dennoch kann es viel gefährlicher sein als die Gefahren, die wir mit unseren Augen erkennen können.

Es ist schwierig, die Wirklichkeit unsichtbarer Bedrohungen vor allem jenen Menschen zu vermitteln, die gegen Schutzmaßnahmen kämpfen. Gefahren, die mit den Sinnen zu erkennen sind, würden sie akzeptieren, aber nicht diese abstrakte, nur über den Intellekt auszumachende Gefahr. Auch wenn es schwierig ist: Wir müssen es versuchen.

Zugleich kann uns die Akzeptanz von unsichtbaren Gefahren helfen, andere uns bedrohende Entwicklungen wie den Klimawandel als real einzustufen und die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.

2. Wir können lernen, dass eine biologische Katastrophe wie Corona sich jederzeit wiederholen kann, durch Viren, Bakterien und andere Stoffe. Die Gefahr ist real. Wenn wir eines Tages Corona besiegt haben, dürfen wir nicht die Hände in den Schoß legen und denken: Jetzt können wir ja alles wieder hochfahren und in unser altes Leben zurück. Im Gegenteil: Wir müssen uns schon jetzt für die nächsten Bedrohungen wappnen, die möglicherweise noch viel schlimmer sein können als das Coronavirus.

Es ist wie eine Gebäudeversicherung für das Eigenheim: Man zahlt jedes Jahr etliche hundert Euro. Trotzdem ist es unser sehnlichster Wunsch, dass wir diese Beiträge immer umsonst gezahlt haben und wir die Versicherung nie benötigen. So müssen wir auch die Vorbereitungen für die nächste Pandemie sehen.

3. Viren sind eine globale Gefahr, das haben wir jetzt gelernt. Bakterien sind eine andere, ebenso große. Bakterien können – anders als Viren – mit Antibiotika bekämpft werden, noch. Deshalb müssen wir Antibiotika viel sparsamer als bisher einsetzen. Das gilt auch für die Tierhaltung.

Mittlerweile sind viele Antibiotika nicht mehr wirksam – auch, weil Antibiotika massenhaft in der Tierhaltung verabreicht werden. Das muss ein Ende haben. Multiresistente Keime sind schon jetzt eine Geißel der Menschheit. Und zugleich sind sie tickende Zeitbomben, die wir entschärfen müssen. Tun wir es nicht, kann ein einfaches grassierendes Bakterium vernichtende Folgen haben.

4. Wir müssen über die Aufgabenverteilung innerhalb unseres Staates nachdenken. Corona hat gezeigt, dass es bei der Bekämpfung der Pandemie viel zu viel Reibungsverluste gegeben hat. Dabei gilt es, einen Spagat zu meistern: Auf der einen Seite steht der Wunsch nach möglichst klaren, für alle verständlichen, einheitlichen Regeln. Auf der anderen Seite steht die Frage der Verhältnismäßigkeit, denn nicht in jeder Region sind die Pandemie-Folgen zu jeder Zeit gleich stark zu spüren.

Es ist dringend erforderlich, Zuständigkeiten neu zu definieren. So könnten, wenn Bundestag und Bundesrat eine nationale Katastrophe gemeinsam feststellen, bestimmte Zuständigkeiten von den Ländern zeitlich befristet auf den Bund übertragen werden. Dabei könnte es um Kontaktbeschränkungen, die Schließung von Schulen und Geschäften oder andere Themen gehen.

5. Die Corona-Krise lehrt uns, dass wir unsere eigenen Erkenntnisse ernst nehmen müssen. Schon 2013 entwickelte das Robert Koch-Institut das Szenario einer Pandemie, die durch einen Virus ausgelöst wird. Das Verblüffende an diesem Szenario ist, dass es fast exakt das vorwegnimmt, was wir jetzt in der Corona-Pandemie erleben. Seinerzeit gab es eine ganze Reihe von Empfehlungen zur Vorbereitung auf eine solche Pandemie – etwa, was die Lagerung von Schutzausrüstung angeht.

Doch das Szenario verschwand mitsamt den Ratschlägen in den Schubladen. Die Umsetzung hätte ja viel Geld gekostet. Das wollte man sich sparen. Diese Entscheidung dürfte einer der teuersten Sparbeschlüsse sein, die je gefasst wurden.

6. Wir brauchen ein weltweites Alarmsystem. Wenn irgendwo in der Welt eine Gefahr auftritt, die potenziell die ganze Welt bedrohen kann, dann müssen wir das früher als bisher wissen. Es ist viel einfacher, ein kleines Feuer zu löschen als einen weltweiten Flächenbrand. Hier ist die Staatengemeinschaft gefordert.

7. Gerade am Anfang der Pandemie gab es extreme Engpässe bei Schutzanzügen, Masken und anderen Ausrüstungsgegenständen. Wir brauchen eine nationale Reserve. Inzwischen steht fest, dass sie aufgebaut wird, womit schon eine gute Lehre aus der Pandemie gezogen wird.

8. Bei Materialien, Instrumenten, Maschinen und Ausrüstungsgegenständen, die für das Überleben wichtig sind, dürfen wir uns nicht abhängig – im Ernstfall sogar erpressbar – machen von anderen Staaten. Wir brauchen Produktions- und Lagerstätten in unserem Land, zumindest aber in Ländern der EU. Sofern das rein privatwirtschaftlich nicht funktioniert, muss hier über staatliche Förderprogramme Unterstützung geleistet werden.

9. Wir müssen unser Gesundheitssystem komplett neu durchdenken, das hat das vergangene Jahr überdeutlich gezeigt. Es kann und darf nicht sein, dass nach wie vor Informationen über relevante Daten nur auf komplizierten, analogen Wegen ausgetauscht werden. Jedes Krankenhaus, jeder Arzt muss in die Lage versetzt werden, Infektionsfälle mit einem Knopfdruck an die richtige Stelle weiterzuleiten. Alle Daten müssen in Echtzeit wo auch immer gesammelt und ausgewertet werden.

Die in der Corona-Pandemie zu Tage getretenen Meldeverzögerungen etwa an Wochenenden sind wie Nachrichten aus der Steinzeit. Und grundsätzlicher könnte die Pandemie ein Anlass sein, sich die Struktur unseres Gesundheitswesens generell genauer anzuschauen, was ohnehin eigentlich schon längst überfällig ist.

Beispielsweise könnte man sich fragen: Stehen unsere Krankenhäuser mit den richtigen Abteilungen an den richtigen Orten? Ist die Aufgabenverteilung unter ihnen sinnvoll? Brauchen wir mehr oder weniger Häuser? Sind kleine oder größere Einheiten der bessere Weg? Sind sie richtig ausgestattet?

10. Einer der entscheidenden Punkte: In der Versorgung von Kranken hapert es vor allem an Personal. Das darf nie wieder vorkommen. Wir müssen den seit vielen Jahren herrschenden Pflegenotstand in den Griff bekommen. Die Attraktivität des Pflegeberufs muss weiter gesteigert werden.

Ausbildungskapazitäten müssen ausgebaut werden. Wo Sprachbarrieren etwa dem erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung entgegenstehen, müssen intensive Sprach- und Inkulturationskurse den Ausbildungen vorgeschaltet und finanziert werden.

Sinnvoll wäre es auch, darüber nachzudenken, ob nicht die Pflegefachkräfte von weniger anspruchsvollen Tätigkeiten deutlich entlastet werden können. Das könnte etwa durch die (Wieder-)einführung eines verpflichtenden, einjährigen Zivildienstes für alle geschehen. Krankenhäuser, Pflege- und Altenheime wären mit Sicherheit dankbar. Zugleich können so Menschen ihre Freude am Pflegeberuf entdecken, die man ohne Zivildienst nie erreicht hätte.

11. Wir müssen unsere Unterstützungs- und Fördersysteme für die Wirtschaft neu durchdenken. Die Möglichkeiten der Kurzarbeit waren sicher gut, aber die Nothilfen im Frühjahr und seit dem Herbst waren und sind ziemlich hemdsärmelig gestrickt, weil aus der Not geboren. Sie waren daher mit Tücken und Lücken behaftet, die Betrügereien Tür und Tor öffneten. Das muss anders werden.

12. Unsere Schulen müssen komplett digitalisiert werden. Schüler müssen mit digitalen Endgeräten versorgt werden. Lehrerinnen und Lehrer müssen im Umgang mit diesen neuen Techniken verpflichtend geschult werden. Dabei ist zu überlegen, ob für diese Schulungen nicht die ohnehin unterrichtsfreien Zeiten genutzt werden können, um den Ausfall weiteren Unterrichts zu vermeiden.

13. Wir haben gelernt, an wie vielen Stellen Homeoffice möglich ist. Der Staat sollte Anreize schaffen, um das Arbeiten von zu Hause aus zu stärken und zu fördern. Die 600-Euro-Pauschale kann da nur ein Anfang sein.

14. Uns ist – meist zur Überraschung von uns selbst – bewusst geworden, dass man sich nicht für jede Diskussion, jedes Gespräch ins Auto, in den Zug oder ins Flugzeug setzen muss. Es geht auch mit Teams, Zoom und Co.

Eine sich daraus ergebende Frage lautet: Brauchen wir künftig wirklich noch alle Flughäfen, vor allem die kleinen? Gerade die vielen Regionalflughäfen wurden und werden ja stets mit dem Argument, die seien für die Wirtschaft ungemein wichtig, mit viel Geld vom Staat subventioniert. Sind sie nach Corona wirklich noch so wichtig? Ist das hierfür ausgegebene Geld nicht an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt?

15. Wir brauchen nicht immer neue Regeln, sondern müssen die bestehenden anwenden. In der Pandemie haben sich mehr als 90 Prozent der Menschen aus Einsicht an die aufgestellten Regeln, etwa in Bezug auf die Maskenpflicht, gehalten. Für sie braucht es keine Bußgeldkataloge.

Auch die immer neu aufflackernden Forderungen, die Strafandrohungen zu erhöhen, sind aus meiner Sicht überflüssig. Viel wichtiger wäre es, bestehende Regeln konsequent durchzusetzen.

Warum nicht bei angekündigten Demos von Masken-Gegnern frühzeitig an den Zufahrtswegen zum Veranstaltungsort kontrollieren und ein 250 Euro Bußgeld an jeden verteilen, der sich nicht an die Vorschriften hält? So hätte man beispielsweise die unfassbaren Szenen von der Riesen-Demo in Leipzig vermeiden können.

16. Zu guter Letzt vielleicht das Wichtigste, das sind die persönlichen Erfahrungen. Wir haben gelernt, wie schnell unser bisheriges Leben aus der Bahn geraten kann, auch wie gefährdet und brüchig all das ist, was wir für stabil und unzerstörbar hielten.

Daraus sollten wir eine neue Achtsamkeit entwickeln. Für uns selbst, für unsere Mitmenschen und unsere Umwelt. Wir haben gelernt, was und wer uns in dieser Zeit besonders wichtig war und was eher verzichtbar, vielleicht sogar banal und überflüssig ist.

Wir könnten darüber nachdenken, ob wir wirklich die richtigen Prioritäten setzen. Das kann unserem Leben eine neue Tiefe geben. Wenn das geschieht, hätte die Pandemie wenigstens eine heilsame Wirkung für uns und die Gesellschaft insgesamt gehabt.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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