Die weitaus meisten Menschen unterstützen die harten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Gleichwohl gibt es auch viele Skeptiker. Wir haben zehn ihrer wichtigsten Argumente einem Check unterzogen. © dpa
Coronavirus

Falsche Zahlen und Fakten? 10 Argumente der Corona-Gegner im Check

Gegner der Corona-Schutzmaßnahmen behaupten immer wieder, Politik und Medien würden mit den falschen Zahlen und Daten argumentieren. Wir machen den Check: Wo haben sie recht, wo nicht?

Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung unterstützt die harten Schutzmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Gleichzeitig gibt es aber auch eine ganze Reihe von Menschen, die sehr skeptisch sind, die die Zahlen anzweifeln, auf deren Basis die Grundrechte eingeschränkt werden. Um einige ihrer Hauptargumente soll es an dieser Stelle gehen. Wo haben sie möglicherweise durchaus recht, wo eher nicht?

Dabei sei eines vorweg klargestellt: Unter den Kritikern, von denen sich viele auch in Querdenker-Demos Gehör verschaffen, gibt es auch Rechtsextreme, die ihr rechtes Süppchen auf diesem Thema kochen, und Verschwörungstheoretiker, die den absurdesten Theorien huldigen. Ihnen mit Argumenten zu begegnen, ist sehr schwierig. Daher richten sich die folgenden Zeilen an die, die Argumenten gegenüber noch aufgeschlossen sind. Hier sind 10 Argumente im Check:

1. Zweifel am PCR-Test I

Immer wieder wird behauptet, der PCR-Test sei überhaupt nicht in der Lage, Corona-Infektionen nachzuweisen. Das stimmt allerdings so nicht. Er gilt als bislang sicherste Nachweis-Methode für das Coronavirus. Da ist sich die überwältigende Zahl der Wissenschaftler einig.

Bei der Analyse des Abstrichs eines Patienten wird in einem dafür zugelassenen Fachlabor überprüft, ob in dem Abstrich Teile des Erbguts des Virus nachweisbar sind. Dabei wird der sogenannte CT-Wert ermittelt. Er sagt – ganz vereinfacht und laienhaft ausgedrückt – aus, wie lange das Labor suchen musste, um Erbgut des Coronavirus zu finden. Ist der CT-Wert niedrig, wurde das Labor schnell fündig. Dann ist die Viruslast hoch und der Patient ist sehr ansteckend. Ist der CT-Wert hoch, ist die Ansteckungsgefahr geringer. Als Richtschnur gilt hier: Ab einem CT-Wert von 30 gilt ein Patient wegen der niedrigen Viruslast als nicht ansteckend.

2. Zweifel am PCR-Test II

Es wird behauptet, der PCR-Test sei überhaupt nicht für diagnostische Zwecke zugelassen. Richtig ist, dass dieser Test nicht ausdrücklich zu diesem Zweck entwickelt wurde. Zugelassen ist er zu diesem Zweck allerdings gleichwohl. Darauf hat zuletzt noch der Verband der Diagnostica-Industrie hingewiesen. Noch wichtiger aber ist: Er ist das verlässlichste Instrument zur Feststellung des Virus, das es momentan überhaupt gibt.

3. „Eine Infektion wird gar nicht nachgewiesen“

Ein beliebtes Argument lautet auch: Ein PCR-Test könne nur den Nachweis führen, ob Teile des Virus-Erbguts vorhanden sind, nicht aber, ob eine Infektion vorliege. Das heißt: Man dürfe auch nur von „positiv Getesteten“, nicht aber von „Infizierten“ sprechen. Das sei keine sprachliche Kleinkrämerei, sondern entscheidend, denn das Infektionsschutzgesetz erlaube Eingriffe in Grundrechte nur bei nachgewiesenen Infektionen, nicht allein bei einem positiven Test.

„Wenn das Virus auf den Schleimhäuten nachgewiesen werden kann, liegt oder lag bis vor kurzem eine Infektion vor“, sagte Dieter Hoffmann, stellvertretender Leiter der Diagnostik des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München, vor kurzem gegenüber dem Bayrischen Rundfunk zu diesem Problem. Der Begriff „Infektion“ sage nur aus, ob ein bestimmter Erreger im Körper eines Menschen vorhanden ist und sich vermehren kann. Er sage allerdings in der Tat nichts darüber aus, ob er wirklich krank oder ansteckend ist.

Möglicherweise liegt an dieser Stelle ein rein sprachliches Missverständnis vor, denn im Alltag verwenden wir den Begriff „Infektion“ oft gleichbedeutend mit dem Begriff „Krankheit.“ Das führt uns zum nächsten Punkt.


4. Der Unterschied zwischen Infizierten und Erkrankten

Bisher werde in den Medien zu wenig zwischen Infizierten und Erkrankten unterschieden, lautet ein weiteres Argument. Das aber sei unbedingt nötig, da nur die Zahl der Erkrankten für eine realistische Risikoeinschätzung relevant sei. Das klingt zunächst plausibel, ist es aber meiner Ansicht nach aus zwei Gründen nicht.

Erstens ist die Unterscheidung, ab wann jemand als „erkrankt“ einzustufen ist, sehr subjektiv geprägt und taugt daher wenig für eine objektive Beurteilung. Zweitens geht die Gefahr, sich mit dem Virus anzustecken, nicht nur von Erkrankten, sondern auch von Infizierten aus. Das heißt: Auch Infizierte, die keinerlei Symptome aufweisen, also nicht erkrankt sind, stellen eine Gefahr für andere Menschen dar, in der Regel schon drei Tage vor dem ersten Auftreten eventueller Symptome.

5. Die Zahl der Tests und der Neuinfektionen

Kritisiert wird an vielen Stellen auch, dass in der Regel in der Berichterstattung der Medien lediglich die Zahl der Neuinfektionen genannt werde. Das sei aber unzureichend, da die Zahl der positiv Getesteten ins Verhältnis zu den insgesamt Getesteten gesetzt werden müsse. So hatte schon Donald Trump im Sommer argumentiert und: Im Prinzip hat er in diesem Punkt ja völlig recht, denn: Wenn ich viele Menschen teste, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, mehr positive Ergebnisse zu finden. Dazu im nächsten Punkt 6 noch mehr.

Soweit stimmt das Argument auf den ersten Blick also grundsätzlich, aber die Sache hat einen Haken: Das ist die Frage, wen ich teste. Wenn ich nur Menschen teste, die potentiell Kontakte zu Infizierten hatten, ist die Treffer-Quote sicherlich höher, als wenn ich ohne Unterschied einen beliebigen Querschnitt der Bevölkerung teste.

Die Test-Strategie in Deutschland hat sich in den vergangenen Monaten gleich mehrfach geändert und unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland – auch in Abhängigkeit etwa zu den Testkapazitäten der Labore. Insofern hat die „Trefferquote“ nur eine überaus beschränkte Aussagekraft. Je nachdem, wie ich die zu testende Gruppe auswähle, weiß ich schon im Voraus, wo ich eine höhere und wo eine niedrigere Trefferquote erhalte.

6. Der kritikwürdige Ausbau der Testkapazitäten

Noch einmal etwas genauer zum Vorwurf, die Zahl der Neuinfektionen steige nur deshalb so rasant, weil eben so viel getestet werde. Wie unter Punkt 5 erläutert, ist grundsätzlich an diesem Vorwurf etwas dran, aber: Heikel wird diese Argumentation, wenn aus ihr der Schluss gezogen wird: Dann ist ja alles nicht so schlimm, weil der Anstieg der Fallzahlen eben nur dem Anstieg der Zahl der Tests geschuldet ist.

Wenn dem tatsächlich so wäre, gäbe es keinen Anstieg der Zahl der Patienten, die auf den Intensivstationen behandelt werden müssen oder gar sterben. Genau das aber ist trauriger Weise eben doch der Fall – und zwar in einem erschreckenden Ausmaß. Dabei hat sich in den vergangenen Monaten gezeigt: Zunächst steigt die Zahl der positiv Getesteten und dann mit einer zeitlichen Verzögerung von einigen Wochen schießen auch die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten und -Toten in die Höhe.

7. Wo bleiben die anderen Todesursachen?

Bemängelt wird auch immer wieder, dass wir die Daten, die wir zu Corona veröffentlichen, zu wenig in den allgemeinen Kontext der Sterblichkeit aus anderen Ursachen setzen. Ja, da mag durchaus stimmen. Wir berichten zwar regelmäßig, aus welchen Ursachen die meisten Menschen sterben, aber vielleicht sollten wir das noch öfter tun.

Interessanterweise hat die Weltgesundheitsorganisation WHO gerade erst vor einigen Tagen neue Zahlen zu den weltweit häufigsten Todesursachen veröffentlicht, über die wir auch berichtet haben. Die WHO geht davon aus, dass Corona schon bald unter den zehn häufigsten Todesursachen weltweit eingeordnet werden muss.

8. Die Sache mit der Übersterblichkeit

Dann gibt es noch den Begriff der Übersterblichkeit, über den viel diskutiert wird. Eine solche sei ja gar nicht wirklich zu erkennen und deshalb müsse man die getroffenen Maßnahmen als unangemessen einstufen, lautet die Kritik.

Rein statistisch gesehen, ist die Übersterblichkeit schon ein wichtiger Faktor. Im April gab es erste Hinweise auf eine Corona-Übersterblichkeit, seit Mitte Oktober gilt das wieder. Aktuell liegt der statistische Wert bei rund 10 Prozent. Trotzdem haben Kritiker recht, wenn sie zur Vorsicht bei der Argumentation mit der Übersterblichkeit warnen.

Man muss sich nämlich vor Augen führen, wie diese Quote ermittelt wird. Vereinfacht gesagt vergleicht man einen bestimmten Zeitraum mit dem gleichen Zeitraum anderer Jahre. So kann man dann errechnen, wie viele Menschen mehr oder weniger als üblich etwa in einem Monat gestorben sind. So weit, so gut.

Ich habe aber durchaus Zweifel, ob es sich hierbei um ein griffiges Instrument zur Beurteilung der Lage handelt, denn: Die Corona-Maßnahmen beeinflussen ja nicht nur die Ausbreitung des Coronavirus, sondern auch andere Faktoren. Dazu nur zwei Beispiele: Wenn viele Menschen eine Maske tragen und Feste, Feiern und Versammlungen jeder Art generell gestrichen werden, sinkt auch die Zahl der Menschen, die sich mit anderen Krankheiten, etwa der Grippe, anstecken. Das kann das Ergebnis erheblich verfälschen. Zweitens: Wenn Home-Office angesagt ist, fahren die Menschen nicht so viel umher. Die Zahl der Unfälle und Verkehrstoten sinkt.

9. Die umstrittene Wirkung des Lockdowns

Gerade in den vergangenen Tagen habe ich mehrfach den Vorwurf gehört, die Lockdown-Maßnahmen wirkten doch gar nicht wirklich. Dann könne man die Beschränkungen doch gleich sein lassen und würde die schlimmen Nebenwirkungen des Lockdowns dadurch vermeiden.

An dieser muss ich einräumen, dass ich die Frage „Hilft der Lockdown wirklich?“ nicht wirklich wissenschaftlich fundiert zu beantworten weiß und auch von niemandem wüsste, der das genau tun könnte. Um hier zu exakten Aussagen zu kommen, bräuchte man eine Vergleichsstudie: In zwei vergleichbar strukturierten Räumen mit ähnlichen Gegebenheiten in Bezug etwa auf Bevölkerungsdichte, Wohn- und Einkommensstruktur, Größe der Kommunen etc. müsste man eine Feldstudie machen: Im ersten Raum gibt es einen Lockdown, im zweiten nicht. Was geschieht in den beiden Räumen?

Das wäre ein höchstinteressanter Versuch, der genauere Erkenntnisse liefern würde. Eine solche Studie gibt es nicht. Wenn wir daher heute trotz Teil-Lockdowns auf steigende Zahlen blicken, wissen wir nicht: Was wäre ohne Lockdown passiert? Die Wahrscheinlichkeit ist extrem hoch und alle Experten bewerten das so, dass dann alles noch schlimmer geworden wäre. Ich sehe keinen Grund, warum ihre Einschätzung falsch sein sollte, weiß aber auch: Ein Beweis ist das nicht.

10. Die Todesrate liegt nur bei 1,4 Prozent, das ist doch minimal

Immer wieder begegnet mir auch das Argument, dass die Zahl der Toten doch verschwinden gering sei und mehr als 95 Prozent überleben. Das ist richtig. In diesen Tagen liegt die Sterblichkeitsquote bei 1,6 Prozent der Infizierten, die Überlebensrate also bei 98,4 Prozent. Es ist daher völlig richtig, dass das – auch im weltweiten Vergleich – eine relativ geringe Quote ist.

Ich kann nur sagen: Zum Glück ist das so, denn: Auch eine relativ geringe Quote führt bei einer sehr hohen Zahl an Infizierten in absoluten Zahlen zu sehr, sehr hohen Todeszahlen. Die Leopoldina zog dazu Anfang Dezember einen eindrucksvollen Vergleich heran: In den seinerzeit gerade vergangenen sieben Tagen starben in Deutschland mehr Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert waren, als im ganzen Jahr 2019 bei Unfällen im Straßenverkehr in Deutschland.

Inzwischen liegt die Zahl der in Zusammenhang mit Covid 19 gestorbenen Menschen bei weit mehr als 20.000. Das ist immerhin die Größe einer Kleinstadt. Da kann ich es gut verstehen, wenn die Verantwortlichen alles daran setzen, damit die Zahl der Toten in Deutschland nicht zu einer Großstadt heranwächst.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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