In der Evangelischen Kirche - hier ein Blick in die evangelische Reinoldi-Kirche in Dortmund - soll es keine Präsenzgottesdienste zu Weihnachten geben, in der Katholischen Kirche aber wohl. Unser Autor hält das für falsch und verantwortungslos. © Stephan Schuetze
Meinung

Katholische Kirche handelt bei Präsenzgottesdiensten verantwortungslos

Die Evangelische Landeskirche will vorerst auf Präsenzgottesdienste verzichten, auch zu Weihnachten. Die katholischen Bistümer Münster und Paderborn wollen das nicht. Unser Autor, selbst Katholik, ist fassungslos.

Die Evangelische Kirche von Westfalen hat am Dienstagabend ihren Gemeinden „dringend empfohlen“, ab sofort bis auf weiteres auf alle Präsenzgottesdienste zu verzichten. Die Katholische Kirche – zumindest in den westfälischen Bistümern Münster und Paderborn – hält an Präsenzgottesdiensten fest. Ich halte das für eine unfassbare und zutiefst verantwortungslose Haltung.

Dass es sich bei der Evangelischen Landeskirche nur um eine „Empfehlung“ zum Verzicht handelt, ist der Verfasstheit der Evangelischen Kirche geschuldet. Die Entscheidungsgewalt liegt rechtlich bei den Presbyterien der einzelnen Gemeinden. Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass es in Westfalen eine Gemeinde gibt, die diesen dringenden Rat in den Wind schlägt.

Der Bischof könnte, in Münster und Paderborn will er aber nicht

Bei der Katholischen Kirche sieht das anders aus. Hier ist der Bischof der oberste Chef eines Bistums. Er kann anordnen, was zu tun und zu lassen ist. Die Nachfragen unserer Redaktion im Bistum Münster und im Erzbistum Paderborn, ob man nicht angesichts von täglich neuen Horrorzahlen, 952 Corona-Toten an einem Tag und exponentiell wachsenden Infektionszahlen nicht doch besser Präsenzgottesdienste vorerst absagen sollte, kam sowohl aus Paderborn als auch aus Münster ein klares Nein.

In zu großen Teilen wortgleichen Erklärungen verweisen die beiden Bistümer auf ihre Schutzkonzepte und Vorsichtsmaßnahmen, auf die Bedeutung gerade der Weihnachtsgottesdienste für die Menschen, um ihnen „Trost, Hoffnung und Zuversicht“ zu geben und auf die Erfahrungen des ersten Lockdowns im Frühjahr. Seinerzeit waren die Kirchen geschlossen und das habe viel Kritik ausgelöst. „Wo war die Kirche? Wo hat sie den Menschen Halt gegeben?“ Deshalb gehe man jetzt einen anderen Weg.

„Argumente“ machen sprachlos

Es tut mir leid, aber bei solchen Argumenten verschlägt es mir glatt die Sprache. Fangen wir am Ende an. Ja, es gab im Frühling heftige Kritik innerhalb katholischer Gemeinden daran, dass sich die Kirche „weggeduckt“ habe. Aber wer sagt eigentlich, dass die Kirche nur in Gottesdiensten den Menschen nahe sein kann?

Sie hätte ja nach Formen suchen können, um den Menschen auf andere Weise nah zu sein, Telefonsprechstunden etwa oder Sprechstunden in der Kirche, mit Maske und Trennwand, Angebote per Video oder Zoom. Es gab Gemeinden, die sich vorbildlich verhalten haben und mit großem Aufwand neue Wege gesucht haben. Es gab aber auch Gemeinden, deren Seelsorge in einen tiefen Winterschlaf gefallen ist.

Die Sache mit den Schutzkonzepten

Und was die Schutzkonzepte angeht: Ja, die sind sicher sehr, sehr gut. Aber das waren sie auch in Kinos, Theatern, Museen, Schulen, Einkaufsläden, vielen Restaurants und an ganz vielen anderen Stellen, die jetzt ihre Türen schließen mussten. Wenn alle Schutzkonzepte immer erfolgreich gewesen wären, hätten wir jetzt keine Probleme.

Aber wir haben ein Problem, und zwar eines, das ganz schnell für jeden von uns lebensgefährlich werden kann. Und wer ist besonders gefährdet? Alte und vorbelastete Menschen. Und wer besucht am meisten die Gottesdienste? Genau, alte Menschen jenseits des Rentenalters. Genau das ist das Fatale an dieser Geschichte: Die einzigen größeren Veranstaltungen, die es überhaupt nur noch deshalb geben darf, weil der Staat sie aus Verfassungsgründen nicht verbieten darf, sind Gottesdienste. Und die werden vor allem von den am meisten gefährdeten Menschen besucht. Das widerspricht wirklich jeder Vernunft.

Die Sonntagspflicht lebt noch immer in vielen Köpfen

Gerade in der katholischen Kirche ist bei älteren Menschen die sogenannte „Sonntagspflicht“ noch tief verwurzelt. Ohne Messe kein Sonntag. Warum nehmen die Bischöfe den alten Menschen nicht die Entscheidung ab, ob sie das Risiko für einen Messbesuch in den nächsten Wochen eingehen sollen, und schützen sie damit letztlich vor sich selbst und vor ihrem Gehorsam gegenüber der Kirche? Ich kann es nicht verstehen. Aus meiner Sicht wäre das ein Akt gelebter Verantwortung gegenüber den treuesten Gläubigen.

Alles ist geschlossen, die ganze Gesellschaft läuft auf Sparflamme. Selbst in meiner Familie darf ich mich nur in einem absoluten Minikreis treffen, aber in der Kirche sind weiterhin festliche Gottesdienste möglich. Wenn sich die Katholische Kirche nicht innerhalb unserer Gesellschaft zum kompletten Außenseiter machen will, sollte sie ihre Entscheidung ganz dringend noch einmal überdenken und korrigieren. Vielleicht schafft es der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing aus Limburg, ja doch noch, seine Amtsbrüder auf den richtigen Kurs zu bringen.

Nachhilfe für die katholischen Bischöfe von Präses Annette Kurschus

Helfen könnte ihm dabei, wie Präses Annette Kurschus ihren Rat zur Absage der Präsenzgottesdienste begründet hat. Man halte es, so formuliert es Präses Kurschus, trotz aller Schutzmaßnahmen angesichts der verschärften Corona-Lage für ein Gebot der Vernunft, auf Versammlungen von Menschen zu verzichten. Es sei zu diesem Weihnachtsfest der Auftrag der Kirche, auf diese Weise, durch diesen Verzicht „der Liebe Gottes zu den Menschen zu entsprechen“. Ich bin fest davon überzeugt, dass Präses Kurschus recht hat. Sie hat richtig und klug gehandelt. Hoffentlich folgen ihr die Männer von der anderen großen Konfession in diesem Land.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
Zur Autorenseite
Ulrich Breulmann

Ahaus, Heek und Legden am Abend

Täglich um 18:30 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt