Der Unterricht in den vergangenen elf Monaten hat bei den Schülerinnen und Schülern so große Lücken hinterlassen, dass unser Autor nur einen Ausweg sieht: Die Wiederholung des kompletten Schuljahrs muss für alle zur Pflicht werden. © Maximilian Scheffler / unsplash
Meinung

Nur Wiederholung des Schuljahrs für alle Schüler kann Corona-Lücken stopfen

Corona hat seit elf Monaten kaum regulären Unterricht an den Schulen zugelassen. Es sind riesige Lücken entstanden. Unser Autor sieht nur eine Lösung: Wiederholung des Schuljahrs für alle.

Als ich das erste Mal davon hörte, dachte ich: was für eine hanebüchene, völlig verrückte Schnapsidee! Ein ganzes Schuljahr einfach streichen und alle Schülerinnen und Schüler müssen es wiederholen? So einen Vorschlag kann doch niemand ernsthaft auch nur in Erwägung ziehen! – Oder vielleicht doch?

Auf den ersten Blick scheint die Idee irrsinnig zu sein, vollkommen abstrus. Wenn plötzlich ein ganzer Jahrgang mehr in den Schulen lernt, wie soll das denn gehen? Dann fehlen doch Räume in den Schulen. Dann fehlen Lehrerinnen und Lehrer. Dann fehlen auch die Abiturienten für die Unis und die Auszubildenden für die Betriebe.

Und überhaupt: Dann fehlen auch inhaltliche Konzepte für dieses Schuljahr, in dem einiges ja doch schon digital vermittelt wurde, anderes aber nicht. Zudem hatten einige Schüler das Glück, von Eltern unterstützt zu werden, und sind halbwegs mitgekommen. Wie soll denn da Unterricht aussehen, der für alle spannend ist?

Nur eine Frage ist wirklich entscheidend

Merken Sie was? Genau, all diese Argumente drehen sich um organisatorische, wirtschaftliche, rein praktische Fragen, haben die auf Politiker, Schulverwaltungen, Lehrerinnen und Lehrer, auf Universitäten und Ausbildungsbetriebe mit einer solchen Entscheidung zukommenden Probleme im Blick, aber: Nicht eines dieser Argumente stellt die für mich entscheidende Frage in den Mittelpunkt: Was wäre eigentlich für unsere Kinder und Jugendlichen das Beste? Wer diese Frage stellt, der schaut aus einer völlig neuen Perspektive auf diese Frage.

Wenn wir einfach mal nüchtern zur Kenntnis nehmen, was unseren Schülerinnen und Schülern in den vergangenen elf Monaten zugemutet wurde, dann muss man eines vorausschicken. Niemand hat sich diese Pandemie gewünscht. Niemand hätte vor einem Jahr auch nur ahnen können, was dieses aus dem fernen China auf uns zurollende unsichtbare Etwas mit unserer Gesellschaft, mit uns allen anrichtet. Auch das Bildungssystem wurde davon überrollt, war in keiner Weise auf eine solche Situation vorbereitet.

Jahrzehntelange Versäumnisse aufgedeckt

Schonungslos wurden innerhalb kürzester Zeit die Versäumnisse von Jahrzehnten entlarvt. Wer für sie die Verantwortung trägt, ist sicherlich eine wichtige Frage, soll uns hier im Moment aber nicht interessieren. Entscheidender als die Klärung der Schuldfrage ist es, mit einem ungeschminkten Blick das Ergebnis der Coronakrise für die Schülerinnen und Schüler einfach zu akzeptieren: Für sie ist die aktuelle Lage ein absoluter Horror und für die Zukunft für viele von ihnen eine einzige Katastrophe.

Klar ist: In den vergangenen Monaten konnte den Schülerinnen und Schülern gleich welcher Altersklasse im Schnitt auch nicht ansatzweise der Stoff vermittelt werden, den sie laut Lehrplan hätten aufnehmen müssen. Das ist unbestritten. Selbst die engagiertesten Lehrerinnen und Lehrer hatten keine Chance, im Distanzunterricht – der für sie alle ja ebenfalls Neuland ist – in Umfang und Qualität an die üblicherweise im Präsenzunterricht angelegten Maßstäbe heranzureichen.

Ab auf die Verliererstraße des Lebens

Und was ist mit den Schülerinnen und Schülern? Nicht alle sind so privilegiert, dass sie zu Hause ein eigenes Zimmer mit eigenem Computer haben und dazu Eltern, die ihnen helfen, die sie anleiten, die sich stundenlang als mehr oder weniger geschickte Aushilfslehrer betätigen. Was ist mit all den anderen, die es selbst unter ganz normalen Bedingungen schon schwer haben? Sie werden weiter abgehängt, auf die Verliererstraße des Lebens abgeschoben. Die in einem Jahr eingefahrenen Defizite werden die allermeisten von ihnen bis ans Ende ihrer Schulzeit nicht wieder aufholen können. Das kann Folgen für den Rest ihres Lebens haben. Die Bildungsschere wird noch weiter auseinanderklaffen.

Und selbst für gute Schüler könnte es üble Konsequenzen geben: Vielleicht werden sie sich bei der Abinote nur um ein paar Zehntel verschlechtern. Das klingt harmlos, kann aber darüber entscheiden, ob ich meinen Wunschstudienplatz und meinen erträumten Beruf bekomme oder nicht.

Der Tausch von Regel und Ausnahme

All das kann und darf sich unsere Gesellschaft nicht leisten. Und damit Schülerinnen und Schüler sich nicht irgendwann in den Vorstellungsgesprächen dafür rechtfertigen müssen, warum sie denn eine Corona-Ehrenrunde gedreht haben, ob sie vielleicht einfach zu dumm oder faul gewesen sind, müssen wir Regel und Ausnahme miteinander tauschen: Die Wiederholung gilt in diesem Jahr nicht als Ausnahme, sondern als Regel für alle. Nur im absolut begründeten Ausnahmefall soll es eine Abweichung von dieser Regel geben dürfen, wie es sie schon lange für besonders schlaue Schüler gibt, wenn sie eine Klasse überspringen dürfen.

Auch ohne Corona gibt es seit vielen Jahren sowohl von Arbeitgebern als auch von Hochschulen Klagen, dass das Wissen ungenügend sei, mit dem viele Schülerinnen und Schüler zu ihnen kämen. Es darf nicht sein, dass hier eine ganze Generation noch unter dieses Niveau rutscht und als Corona-Deppen abgeschrieben wird. Mit einem verpflichtenden Wiederholungsjahr könnten nicht nur die Corona-bedingten Defizite ausgebügelt, sondern die Wissensinhalte sogar vertieft und intensiver eingeübt werden. So könnte man einen Nachteil in einen Vorteil verwandeln.

Sieben Monate noch, die Zeit läuft

Bis zum August sind es noch sieben Monate. Alle Verantwortlichen sollten diese Zeit nutzen, um eine schnelle Wiederholungsentscheidung zu treffen und dann die rein praktischen Fragen zu klären. Das werden sehr, sehr viele sein, das ist mir bewusst, aber: Wenn wir diesen Weg nicht gehen, könnte der Preis, den die ganze Gesellschaft in der Zukunft dafür zahlen muss, deutlich höher sein.

Vielleicht gelingt es im Zuge einer so radikalen Lösung sogar als Nebeneffekt, unser Bildungssystem so zu reformieren, dass es nicht mehr nur dem Standard der 70-er-, 80-er-Jahre genügt, sondern zu einer modernen Gesellschaft im 21. Jahrhundert passt. Unvorstellbar? Mag sein, aber manches, das man für unmöglich gehalten hat, gelingt eben doch, wenn nur der Druck groß genug ist. Und das ist er jetzt.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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