Die Entwicklung und Herstellung von Impfstoffen ist ein höchst komplizierter, langer und kostenintensiver Prozess. Jetzt die Patenterechte für Corona-Impfstoffe aufzulösen, um armen Ländern zu helfen, ist trotzdem absolut falsch, meint unser Autor. © picture alliance/dpa/dpa/Pool
Meinung

Patente für Corona-Impfstoffe aufheben? Das wäre falsch und könnte tödliche Folgen haben

Sollen die Patente für die lebensrettenden Corona-Impfstoffe aufgehoben werden, damit sie für arme Länder erschwinglich werden? Das klingt verlockend, wäre aber grundfalsch, meint unser Autor.

Das hört sich so menschlich und großherzig an: Hebt die Patentrechte für die Impfstoffe gegen das Coronavirus auf! Dann können sich auch die armen Länder die Impfungen leisten und so könnte ungezählten Menschen das Leben gerettet werden.

Diese Argumentation ist absolut verführerisch und gerade das macht es so schwer, ihr zu widersprechen. Wer will schon als herzloser Lobbyist der Pharmaindustrie dastehen, wenn er deren Patentrechte verteidigt? Und trotzdem: Die Patentrechte an den Corona-Impfstoffen außer Kraft zu setzen, wäre der absolut falsche Weg. Er könnte uns allen am Ende in ähnlichen Bedrohungslagen zum tödlichen Verhängnis werden.

Merkwürdig ist schon, dass der Schritt zur Aufhebung der Patente ausgerechnet von den USA vorgeschlagen wurde. Erinnern Sie sich? Das ist das Land, das bis heute einen Export der Corona-Impfstoffe in andere Länder verbietet. Sich erst selbst zu retten und wenn das erledigt ist, sich als sozialer Weltenretter zu gerieren, ist schon sehr dreist.

Verkehrte Welt: Deutschland im Rechtfertigungszwang

Trotzdem bringt dieses Vorpreschen andere Länder, allen voran Europa und Deutschland, in Rechtfertigungszwang. Ganz plötzlich sind die Verhältnisse völlig verdreht. Plötzlich stehen wir als kleinkarierte Krämerseelen und Büttel der Pharmabosse da, die die armen Länder im Stich lassen. Damit befinden wir uns auf einer emotionalen Diskussionsebene, wo jeder sachlichen Argumentation der Hauch der Herzlosigkeit anhaftet. Was für eine verkehrte Sicht der Dinge.

Europa und Deutschland haben sich von Anfang an auch darum gesorgt, dass nicht nur die eigenen Länder, sondern auch arme Länder mit Impfstoff versorgt werden. Das geschah auch gegen Widerstände im eigenen Land, wo plötzlich die Stimmen „wir zuerst“ nicht mehr nur aus der ganz rechten Ecke kamen.

Vielleicht haben wir nicht genug getan, vielleicht zu langsam agiert, mag sein. Sicher ist hier noch Luft nach oben. Wem andere aber lange Zeit schnurzpiepegal waren, das waren die USA. „America first“ galt bis diese Woche auch beim Impfen, ohne Rücksicht auf Verluste in anderen Teilen der Welt. Wenn die USA sich jetzt als sozialer Wohltäter der Welt darstellen, ist diese Heuchelei nur schwer zu ertragen.

Doch abgesehen davon ist eine solche Patentfreigabe auch inhaltlich der komplett falsche Weg. Sie wäre ein verheerendes Signal an die Pharmaindustrie. Die Entwicklung von Medikamenten ist ein extrem riskantes Unterfangen. Das dauert in der Regel sehr lange, verschlingt viele Millionen Euro und erst ganz am Ende weiß man, ob ein Medikament überhaupt auf den Markt kommen darf. Erst dann zeigt sich, ob die Kalkulation aufgeht, ob man mit den Erlösen aus dem Verkauf die Investitionen wieder hineinbekommt und Gewinne für die nächste riskante Entwicklung einfährt.

Entwicklung neuer Medikamente würde gebremst

Wenn am Ende ein erfolgreiches, wirksames Medikament auf den Markt kommt, dann aber dem Hersteller droht, dass ihm das Patent im Dienste einer höheren Sache genommen wird, wer geht dann dieses Risiko noch ein? Es würden mit Sicherheit weniger Medikamente entwickelt. Vor allem würde man auf die Entwicklung ganz neuer Medikamente verzichten, die gegen bisher unheilbare Krankheiten wie beispielsweise Krebs oder Multiple Sklerose helfen könnten.

Gerade beim Beschreiten neuer Forschungswege ist das Risiko des Scheiterns gewaltig. Wenn dann noch das Risiko droht, bei besonders erfolgreichen Medikamenten das Patent zu verlieren, wird das die Risikobereitschaft extrem dämpfen. Und das könnten am Ende alle bitter bereuen.

Im Übrigen bringen vielen armen Ländern freie Patente zunächst gar nichts, denn auch die Produktion solcher Impfstoffe ist ein höchst komplizierter Prozess. Das gilt für das technische wie für das dafür erforderliche menschliche Know How.

Hilfe für arme Länder ist wichtig, aber nicht so

Es ist keine Frage: Ja, den armen Ländern muss geholfen werden. Sie brauchen jede Menge Impfstoff gegen das Coronavirus und das sehr schnell. Das liegt im Übrigen auch wieder in unserem eigenen Interesse, denn: Je mehr Infektionen es gibt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich gefährliche Mutationen bilden und weltweit ausbreiten, gegen die unsere bisherigen Impfstoffe nicht mehr helfen. Das wiederum würde zur Frage führen, wer denn ohne Aussicht auf gute Gewinne die dann benötigten neuen Impfstoffe entwickeln soll.

Nein, die Aufhebung der Patentrechte wäre grundfalsch. Es muss andere Wege geben, armen Ländern zu helfen, vielleicht durch staatlich subventionierte Lizenzverträge, durch Kooperationen von Pharmafirmen untereinander oder auf anderen Wegen. Wie auch immer, aber: Wer den Firmen die Patentrechte nimmt, der verringert auf fatale Art und Weise unsere Chancen, uns auch künftig gegen solche Pandemien wehren zu können und viele andere Krankheiten zu besiegen. Ein solcher Schritt könnte am Ende mehr Menschen töten als er jetzt retten könnte.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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