Das Foto zeigt den Angeklagten neben seinem Verteidiger Hans-Peter Grefrath. © Jörn Hartwich
Landgericht Essen

Rentner feuert mindestens acht Schüsse auf Nachbarn ab: „Wollte ihn nicht töten“

Ein Rentner aus Gelsenkirchen hat auf einen Nachbarn geschossen. Der Mann wurde schwer verletzt, überlebte aber. Von einem Mordversuch will der Rentner jetzt vor Gericht aber nichts wissen.

Der Angriff kam aus dem Nichts. Vor knapp sechs Monaten hat ein Rentner aus Gelsenkirchen vor seiner Garage auf einen Nachbarn geschossen. Dass der andere Mann überlebt hat, gleicht einem Wunder. Jetzt steht der 66-Jährige vor Gericht. Bestraft werden kann er aber wohl nicht.

Es war der 29. Juni 2020, als der Mann aus Gelsenkirchen in seiner Garage zu einer halbautomatischen Pistole griff und mindestens 8 Schüsse abfeuerte. Vorher soll er seinem Nachbarn noch diesen Satz zugeraunt haben: „Jetzt bist du dran.“

Auf der Straße zusammengebrochen

Der 45-Jährige wusste wahrscheinlich gar nicht, wie ihm geschah. Es hatte weder Streit noch Unstimmigkeiten gegeben. Er war einfach nur auf den Garagenhof gekommen um seinen Wagen umzuparken, der die Garage einer Nachbarin versperrte.

Schwer getroffen hatte er noch versucht wegzurennen, war dann aber auf der Straße zusammengebrochen. Das will der 66-Jährige jedoch gar nicht mehr gesehen haben.

Erschrockene Passanten hatten damals sofort den Notarzt gerufen. Und das war ein Glück. Die Lunge war getroffen, die Leber ebenfalls. Insgesamt hatten die Ärzte später elf Ein- und Ausschusslöcher im Körper des 45-Jährigen gezählt. Gleich mehrere Operationen waren nötig, um sein Leben zu retten.

„Hatte nur dieses Piepsen im Kopf“

„Ich hätte das nicht machen dürfen“, so der Rentner zum Prozessauftakt. „Ich hatte nur noch dieses Piepsen im Kopf.“ Dass er seinen Nachbarn umbringen wollte, stimme aber nicht. „Meiner Meinung nach habe ich auf den Boden geschossen.“

Auslöser der unfassbaren Bluttat war offenbar eine schwere Psychose mit akustischen Halluzinationen. Laut Staatsanwaltschaft war der Rentner überzeugt, dass sein Nachbar elektronische Geräte im Haus installiert hatte, die Schallwellen in einer extrem hohen Frequenz ausstrahlten. „Damit hat er mich gefoltert“, hatte er einer Psychiaterin nach seiner Festnahme erzählt.

Täter will Pistole im Keller gefunden haben

Rund 40 Jahre hatte der ehemalige Gleisbauer in seiner Gelsenkirchener Wohnung gewohnt. Der Nachbar war erst zwei Jahre vorher eingezogen. „Ich habe gedacht, dass er mich raushaben will, um die Wohnung für seine Familie zu haben.“

Die Pistole will der 66-Jährige vor vielen Jahren bei einer Wohnungsauflösung in einem Keller gefunden haben. Sein Vater war Schrotthändler, er habe ab und zu geholfen.

Es war allerdings nicht die einzige Waffe, die er zur Seite gelegt hatte. Bei der Durchsuchung von Wohnung und Garage wurden auch noch drei alte Vorderladerrevolver, eine weitere Pistole und über 60 Hieb- und Stichwaffen gefunden – darunter viele Samurai-Schwerter. „Das war mein Hobby“, so der Gelsenkirchener. „Ich habe sie geputzt und gepflegt.“

Nicht zum ersten Mal Ärger mit Nachbarn: Schloss mit Klebstoff zerstört

Vor rund 20 Jahren will er als ehemaliger Sportschütze sogar mal eine Waffenbesitzkarte besessen haben. Die war ihm nach einer Trunkenheitsfahrt jedoch abgenommen worden. Die meisten seiner Waffen waren darauf aber wohl gar nicht eingetragen gewesen.

Es war auch nicht das erste Mal, dass der Rentner Ärger mit Nachbarn hatte. Es gibt eine Verurteilung wegen Sachbeschädigung aus dem Jahr 2014. Damals hatte er einer Nachbarin das Türschloss mit Klebstoff unbenutzbar gemacht. „Die Frau hat mich geärgert“, sagte er den Richtern dazu. „Die hat immer die Polizei gerufen, wenn ich das Radio zu laut hatte.“

Für die Schüsse auf den Nachbarn kann der 66-Jährige aufgrund einer schweren Psychose möglicherweise nicht bestraft werden. Die Richter müssen allerdings prüfen, ob er zum Schutz der Allgemeinheit auf unbestimmte Zeit in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden muss.

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