10. April 1912: Die Titanic verlässt den Hafen von Southampton. Viereinhalb Tage später sinkt die auf den Grund des Nordatlantik. 1496 Menschen sterben, nur 712 überleben das Unglück. © Günter Bäbler/Klose
Titanic-Unglück

Suche nach einem Phantom: Wer war der deutsche Mechaniker von der Titanic?

Nach 81 Jahren auf dem Meeresgrund wurde die Tasche von Franz Pulbaum aus dem Trümmerfeld der Titanic geborgen. In ihr fanden Forscher Werkzeuge, Kleidung, Briefe und vor allem Geheimnisse.

Es glich einer kleinen Sensation, als diese kleine schwarze Ledertasche 1993 aus dem Trümmerfeld der Titanic in 3800 Metern Tiefe geborgen wurde. Als Wissenschaftler das seit 81 Jahren auf dem Meeresgrund liegende Gepäckstück öffneten, wurde schnell klar, wem es gehörte. Auf einem Dokument, der Absichtserklärung für die US-Staatsbürgerschaft, steht der Name ganz deutlich zu lesen: Franz Pulbaum, ein deutscher Mechaniker der „Witching Waves Company“ in New York.

Kleidungsstücke noch immer säuberlich gefaltet

„Es schien fast, als hätte der Zweite-Klasse-Passagier die Tasche gerade erst gepackt“, sagt der Titanic-Historiker Günter Bäbler. Der Schweizer hat an dem Buch „Die Titanic war ihr Schicksal“ mitgearbeitet, das zum ersten Mal überhaupt die Geschichten der 22 deutschen Passagiere und Besatzungsmitglieder erzählt.

Pulbaums Kleidungstücke waren in der Tasche noch immer säuberlich gefaltet, Postkarten mit einem Faden ordentlich gebündelt. Die Wissenschaftler fanden Werkzeuge des Mechanikers: den Holzstiel eines Hammers, bei dem der Kopf im Salzwasser korrodiert war; drei Stifte – jeder mit einer anderen Funktion –, um technische Zeichnungen und Notizen auf Blaupausen, Papier und Holz anfertigen zu können; ein sich selbst aufrollendes Maßband.

Nach mehr als 81 Jahre auf dem Meeresgrund kam auch das Maßband von Franz Pulbaum zum Vorschein nachdem dessen Tasche geborgen worden war. © RMS Titanic Inc. © RMS Titanic Inc.

Die Tasche brachte aber auch ganz persönliche Dinge aus dem Leben Pulbaums zum Vorschein: einen langen Brief seines Freundes James Maher, eine Flasche Haarwuchsmittel, aber auch ein Deutsch-Englisches Wörterbuch, eine Werbekarte für ein Pariser Parfüm und ein französisches Modellflugzeug mit orangefarbenen Tragflügeln, das er wohl den beiden Kindern von James Maher mitbringen wollte. Die Ledertasche hatte all diese Habseligkeiten vor den Bakterien, die tief unten auf dem Meeresgrund alle organischen Materialien zerfressen, weitestgehend geschützt.

Der Erfinder der Drehtür

Die Titanic brach am 10. April 1912 zur ihrer Jungfernfahrt von Southampton nach New York auf. Franz Pulbaum stieg im französischen Cherbourg zu. „Er lebte seit fünf Jahren in New York und gehörte zur Crew des Freizeitparks auf Coney Island. Er kehrte von einer Dienstreise aus Paris zurück“, erzählt Günter Bäbler. Zusammen mit seinem Chef, dem Erfinder der Drehtür, Theophilus Van Kannel, hatte der 27-Jährige im Luna Park den Aufbau einer „Witching Waves“-Anlage betreut. Dieses neumodische von Van Kannel konstruierte Karussell sollte dem Luna Park in Paris als Attraktion eine ordentliche Saison bescheren.

Während Van Kannel noch in Europa blieb, reiste Franz Pulbaum kurz nach der Eröffnung der Luna Park-Saison am 6. April 1912 zurück in die Staaten – rechtzeitig, um die Fahrgeschäfte auf Coney Island für die dortige Saison-Eröffnung in zweieinhalb Wochen aus dem Winterschlaf zu wecken. Pulbaum dürfte sich gefreut haben, nach der sechswöchigen Reise seinen Kollegen und Freund James Maher wieder zu sehen.

In der Tasche von Franz Pulbaum fanden die Forscher auch dieses Deutsch-Englisch-Übersetzungsbuch. © Ostrowski, Jens © Ostrowski, Jens

Die gesamte Zeit über waren sie in Briefkontakt geblieben. So erfuhr Pulbaum auch, dass Mahers Kinder, der vierjährige James und die fünfjährige Gertrude, schon ungeduldig nach ihm fragten. Zwischen Pulbaum und einem Wiedersehen der Mahers lag nur noch der Atlantik – und eine Reise auf dem größten Schiff der Welt. Franz Pulbaum reiste in der Zweiten Klasse.

Wasserfleck auf dem Geburtsort

„Für die Forschung zu den deutschen Passagieren schien besonders das Einwanderungs-Dokument Gold wert zu sein“, sagt Bäbler. Über den Deutschen Franz Pulbaum war bislang nichts bekannt, schon gar nicht seine genaue Herkunft. Neben persönlichen Angaben wie Alter (29), Größe (1,63m), Gewicht (67kg), Haar- und Augenfarbe (beides braun) trug Pulbaum damals auch wichtige Lebensdaten ein. Ausgerechnet beim Geburtsort hatte ein Wasserfleck den handschriftlichen Eintrag unkenntlich gemacht. Aufwändige digitale Bearbeitung konnte die Buchstaben nicht wieder lesbar machen. Es dauerte Jahre, bis das Geheimnis um Pulbaums Geburtsorts-Eintrag gelüftet werden konnte.

Mit der Titanic fand auch der deutsche Franz Pulbaum sein nasses Grab im Nordatlantik. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Der Durchschlag des Dokuments, der im National Archive in Washington auftauchte, lässt keinen Zweifel zu: Pulbaum gab als seinen Geburtsort eindeutig MUNSHEIM an. Und doch: Es existierte auf deutschem Boden nie ein Ort namens Munsheim. Auch nicht in den ehemaligen deutschen Gebieten. In den Archiven von allen ähnlich klingenden Ortsnamen – Monsheim oder Mohnsheim – gibt es keine Treffer. Vielleicht stammte Pulbaum aus Munzenheim in Elsass-Lothringen, das heute zu Frankreich zählt, zwischen 1871 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs aber zum Deutschen Reich. Die Einheimischen sprachen ihre Stadt damals Munzheim oder eben Munsheim aus. Ein Beweis für Franz Pulbaums Herkunft ließ sich jedoch auch in Elsass-Lothringen bislang nicht finden. Die Archivlage ist durch die Verschiebung der Grenzen dünn.

Tauchte Franz Pulbaum unter?

„Leider muss auch in Betracht gezogen werden, dass die Ortsangabe insgesamt falsch ist. Denn auch alle anderen Daten, die Franz Pulbaum im Einbürgerungs-Dokument angegeben hat, sind zweifelhaft“, betont Günter Bäbler. Demnach will Pulbaum am 14. Februar 1907 mit dem Schiff Missouri aus Bremen in New York angekommen sein. Die Missouri, ein Frachter, kam an diesem Tag weder in New York an noch legte das Schiff überhaupt irgendwann in Bremen ab. Auch auf den Besatzungs- und Crewlisten rund um den Februar 1907 ist kein Franz Pulbaum enthalten. Ebenso wenig auf anderen Schiffen, die am 14. Februar in New York landeten.

Bei all diesen Ungereimtheiten ist es nicht auszuschließen, dass Franz Pulbaum seine Auswanderung aus Deutschland nutzte, um in Amerika eine neue Identität anzunehmen. „Das war zur damaligen Zeit als es noch keine Lichtbildausweise gab, durchaus möglich“, weiß Günter Bäbler.

Franz Pulbaum gehörte beim Untergang der Titanic zu den 1496 Opfern. Mögliche Hinterbliebene fanden sich nicht. Und Pulbaums Leiche, sollte sie geborgen worden sein, wurde niemals identifiziert. Sein Leben und seine Herkunft – so scheint es – gingen mit dem Schiff unter.

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