Die von unserer Redaktion aufgedeckten fatalen Fehler der Behörden, die zur Ermordung der 38-jährigen Violetta R. geführt haben, haben jetzt erste Konsequenzen: Das Oberlandesgericht hat seine Rechtsprechung geändert. Hätte das Gericht Ende Mai 2020 so entschieden, wie es das heute für richtig erachtet, hätte David G. seine Ex-Freundin nicht mit 49 Messerstichen ermorden können. © Screenshot Facebook: Breulmann, Ulrich
Hagenerin (38) erstochen

Tod der Violetta R: Chef der Mordkommission wirft Justiz totales Versagen vor

Im Fall der in Hagen getöteten Violetta R. hat der Chef der Mordkommission der Justiz totales Versagen vorgeworfen. Mit Generalstaatsanwaltschaft und Oberlandesgericht Hamm rechnet er gnadenlos ab.

Über den „Behörden-Irrsinn“, der letztlich erst den gewaltsamen Tod der Violetta R. ermöglicht hat, haben wir mehrfach berichtet. Jetzt erhebt auch der Chefermittler der Hagener Mordkommission schwere Vorwürfe gegen die Justiz.

Am 15. Juni 2020 war die 38-jährige Violetta R. erstochen in ihrer Wohnung in Hagen gefunden worden. Einen Tag später wurde ihr Exfreund David G. in Iserlohn als mutmaßlicher Täter festgenommen.

Das Problem: G. hätte gar nicht auf freiem Fuß sein dürfen, da er in Serbien zu einer Haftstrafe von zwölf Jahren wegen zweifachen Menschenhandels verurteilt worden war. Damit nicht genug: Die Deutschen hatten den heute 25-jährigen G. am 24. April 2020 in Hagen festgenommen und in Auslieferungshaft gesteckt. Am 2. Juni 2020 allerdings ordnete das Oberlandesgericht Hamm seine Freilassung an, da angeblich die für eine Auslieferung notwendigen schriftlichen Unterlagen nicht bis zum Ablauf einer 40-Tages-Frist vorgelegen hätten. Das sei erst am 3. Juni der Fall gewesen.

In der Zwischenzeit getötet

Danach dauerte es noch einmal bis zum 12. Juni, ehe Generalstaatsanwaltschaft und Oberlandesgericht Hamm einen erneuten Auslieferungshaftbefehl gegen G. auf den Weg brachten und die Polizei in Hagen am Nachmittag des 12. Juni zur Festnahme von G. aufforderten. In der Zwischenzeit, so hat es G. im Prozess vor dem Landgericht Hagen gestanden, hat David G. Violetta R. getötet. Die Tat geschah nach den bisher im Prozess vorgelegten Fakten und Aussagen aller Wahrscheinlichkeit nach in der Nacht zwischen dem 8. und 9. Juni.

Vor dem Hagener Schwurgericht wird jetzt gegen David G. verhandelt. Ihm wird Totschlag zur Last gelegt, aber nach einem Hinweis der Vorsitzenden Richterin Heike Hartmann-Garschagen kommt auch eine Verurteilung wegen Mordes in Betracht. Am Montag (25. Januar) sagte der Chef der Hagener Mordkommission als Zeuge aus. Der Verteidiger von David G., Philippos Botsaris, wollte von ihm wissen, wann er denn darüber informiert worden sei, dass sich David G. nicht mehr in Auslieferungshaft befinde. Davon, so sagte der Polizist aus, habe er erst am 15. Juni, dem Tag des Auffindens der Leiche der jungen Frau, erfahren.

„Nur wegen einer Marginalie“

Als der Anwalt nachbohrte, berichtete der Kriminalhauptkommissar mit spürbarer Wut in der Stimme: „Üblicherweise werden wir als Polizei eigentlich immer informiert, wenn so jemand aus der Haft entlassen wird. Hier haben wir nach 40 Tagen nicht einmal die Info erhalten, dass er so mir nichts dir nichts entlassen wurde“, sagte er und fügte hinzu: „Und das nur wegen einer Marginalie.“ Damit spielte der Kommissar auf die Behauptung der Behörden an, die notwendigen Unterlagen hätten erst am 3. Juni schriftlich vorgelegen. Dabei lagen sie, das steht fest, spätestens am 29. Mai in einer E-Mail der Generalstaatsanwaltschaft Hamm vor.

Er halte das Vorgehen der Justiz „für nicht sachgerecht“, sagte der Leiter der Ermittlungen, um dann deutlicher zu werden: „Da hat sich die Justiz insgesamt schlecht dargestellt und aus meiner Sicht komplett versagt.“ Selbst nach dem 3. Juni habe es noch sechs Tage bis zum Erlass eines neuen Haftbefehls und weitere drei Tage bis zur Information an die Hagener Polizei gedauert. Nicht einen einzigen telefonischen Hinweis habe es gegeben. Die Bewertung des Polizisten im Wortlaut: „Ich finde das ziemlich scheiße!“

„Wir hätten was regeln können“

Ob die Polizei denn irgendwann zuvor von der Justiz nach der ersten Festnahme von David G. am 24. April die Nachricht erhalten habe, dass es Probleme bei der Beschaffung der Unterlagen gebe, wollte Verteidiger Botsaris wissen. Nein, so die Antwort. Ob man denn als Polizei bei der Beschaffung der Unterlagen hätte helfen können, wenn man gefragt worden wäre, hakte Botsaris nach.

„Ich kann nicht sagen, dass wir das geschafft hätten, aber wir hätten es versucht“, antwortete der Chef der Mordkommission. „Wir sind schließlich weltweit vernetzt, haben überall unsere Verbindungsbeamten.“ Daher sei von einer Sache fest überzeugt: „Wenn wir halbwegs zeitnah informiert worden wären, hätten wir noch was regeln können.“

Auf Anfrage unserer Redaktion bestätigte Dr. Tino Seesko für die Generalstaatsanwaltschaft Hamm, dass man die Polizei nicht über die geplante Haftentlassung von David G. informiert habe. Die Begründung: „Hierzu bestand unter keinem rechtlichen Gesichtspunkt Anlass.“

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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Ulrich Breulmann

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